Trauer

Deutschlands Fernseh-Satiriker Nummer eins ist verstummt

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Er war ein Meister präziser Pointen und kunstvoll gebrochenener Sätze. Mit seiner kabarettistischen Sprachkunst schärfte Dieter Hildebrandt das politische Bewusstsein der Deutschen.

München. „Ich wollte auf die Bühne und wollte Krach machen, wollte stören.“ Es ist die Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik, die in Dieter Hildebrandt den Wunsch weckt, sich Gehör zu verschaffen. Das gelang ihm mehr als 50 Jahre lang: Deutschlands Fernseh-Satiriker Nummer eins starb in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 86 Jahren in München an einem Krebsleiden.

Geboren wird Hildebrandt 1927 in Bunzlau, einem Städtchen in Schlesien. Sein Vater ist Landwirtschaftslehrer. Als Dieter acht Jahre alt ist, erfüllt sich der Vater einen Traum und kauft einen Bauernhof. „Zur Schule bin ich immer mit dem Fahrrad gefahren. Ich hatte das Gefühl, dass meine ganze Schulzeit über immer nur Gegenwind war.“

Dann holt der Krieg die Familie ein. Dieter Hildebrandt wird Flakhelfer. Um bei Kriegsende nicht in russische Gefangenschaft zu geraten, durchschwimmt er die Elbe – und wird von den Alliierten festgenommen. Nach seiner Freilassung kehrt er zu seiner Familie zurück.

Für Aufsehen sorgten vor einigen Jahren Medienberichte, Hildebrandt sei im April 1944 als 16-Jähriger der NSDAP beigetreten. Der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er, er sei sich sicher, nie einen Antrag ausgefüllt oder unterschrieben zu haben: „Diesen angeblichen Parteieintritt kann ich mir nur durch ein Sammelverfahren erklären.“

1947 macht Dieter Hildebrandt sein Abitur und geht nach München, um Theaterwissenschaften, Volkskunde, Kunstgeschichte und Literatur zu studieren. Doch es zieht ihn zur Bühne, ein Impuls, der ihm nie abhanden kam. Daniel Bühnentrieb nannte er sich selbst.

1951 trifft er seine spätere Frau Irene. „Ihnen ist sicher klar, dass wir eines Tages heiraten werden,“ sagt er wenige Stunden nach dem Kennenlernen. Sie lacht und fragt: „Sind Sie Komiker?“

Dieter Hildebrandt wird Kabarettist. 1955 gründet er zusammen mit Freunden die Namenlosen und lernt den Sportreporter Sammy Drechsel kennen, mit dem ihm fortan eine enge Freundschaft verbindet. Drechsel bringt 1956 die bekannten Kabarettisten Ursula Herking und Klaus Havenstein und den arrivierten Schauspieler Hans-Jürgen Diedrich mit Dieter Hildebrandt zu einem Ensemble zusammen. Am 12. Dezember 1956 findet die Premiere des ersten Programms der Münchner Lach- und Schießgesellschaft statt.

Oft spielen sie in der Anfangszeit vor einer Handvoll Zuschauern. Doch mit dem dritten Programm kommt der Erfolg. „Vom Tag dieser Premiere an bis ins Jahr 1972 waren wir immer sechs Wochen im voraus ausverkauft. Warum? Weiß ich nicht.“

Im November 1972 findet in Augsburg die letzte Vorstellung in der Urbesetzung der Lach- und Schießgesellschaft statt. „Wir waren 17 Jahre zusammen, fast wie verheiratet, wir waren jedes Jahr vier Monate auf Tournee, wir waren täglich im Bus zusammen, im Hotel beim Essen, bei der Vorstellung, jeden Abend außer sonntags. Das hat genügt.“

Ein Jahr später beginnen im ZDF Hildebrandts Notizen aus der Provinz. 66 Folgen werden produziert, bis Intendant Dieter Stolte dem Team im Wahlkampfjahr 1980 eine Denkpause verordnet. Hildebrandt denkt nach und handelt entsprechend: Am 12. Juni 1980 wird der erste Scheibenwischer in der ARD ausgestrahlt.

1986 kommt es zu einem Skandal, der die Fernsehnation erschüttert: Der Bayerische Rundfunk verlässt den Sendeverbund der ARD und strahlt eine Scheibenwischer-Folge nicht aus. Ein Sturm der Entrüstung bricht los. Privat ist es für Dieter Hildebrandt eine Zeit schmerzhafter Verluste. Seine Frau Irene und der Freund Sammy Drechsel sterben. „Ich glaubte, dass es nur noch ein Zu-Ende-Leben sein würde.“

Aber auf Hildebrandt wartet ein Neuanfang. 1992 heiratet er die Kabarettistin Renate Küster. Er veröffentlicht sein erstes Buch. Fast 20 Bücher hat er als Autor, Herausgeber und Übersetzer veröffentlicht. Und sogar als Schauspieler hat er Erfolg. Er, der von sich sagte: „Ich bin nicht groß, nicht schön, nicht gut genug, um Schauspieler zu werden,“ spielte in Filmen und Fernsehserien, darunter Kir Royal und Man spricht deutsch. Neben zahlreichen anderen Ehrungen erhielt er viermal den Grimme-Preis.

2003 nimmt Hildebrandt seinen Abschied vom Scheibenwischer. Auf der Bühne steht er noch immer. Dem Alter stand er gelassen gegenüber: „Jetzt bin ich in einem Zustand, in dem ich zwar Gedanken über den Tod habe, aber ich habe keine Pläne mit ihm. Ich behaupte, ich habe keine Angst.“

Im August dieses Jahres erhielt er wenige Wochen vor seinem Tod den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Hildebrandt sei ein „Meister geistreicher Sottisen, entfesselter Abschweifungen und präziser Pointen, ein Virtuose der Begriffsverdrehung und der kunstvoll gebrochenen Sätze“, urteilte die Jury. Sein unverwechselbarer Stil liefere ein unerreichtes Muster kabarettistischer Sprachkunst. Wie kaum ein anderer habe er mit seinem Wort und seinem Humor „unser politisches Bewusstsein geschärft“.