Dieter Hildebrandt wird 85

"Ich dachte, mich erreicht die Gicht und die Stimme versagt"

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Wolfgang Schönwald

Kabarettist Dieter Hildebrandt hat trotz allem Stress Spaß am Altern, wie er in seinem Buch "Nie wieder achtzig" vor fünf Jahren schon bemerkt hat.

Berlin. 2012 ist ausgebucht – wehrt Dieter Hildebrandt auf seiner Homepage alle Anfragen ab. Schon seit Wochen scheitern Veranstalter, den Münchner noch für einen Abend in diesem Jahr zu buchen. „Freie Tage“ zwischen den Auftritten seien durchaus gewollt, ist weiter zu lesen. Gelegentlich müssten die Hemden gewechselt und gewaschen werden, und er sei auch ganz gern mal zu Hause bei seiner Frau Renate und den beiden Hunden. Es klingt fast wie eine Entschuldigung des Altmeisters des deutschen Kabaretts, der nach eigenem Bekunden nicht Nein sagen kann. Der rastlose Künstler, der rund 160 Mal im Jahr auftritt, wird heute (23. Mai) 85 Jahre alt.

Bei all dem Stress hat er Spaß am Altern, wie Hildebrandt in seinem Buch „Nie wieder achtzig“ vor fünf Jahren schon bemerkt hat. Darin spricht der geborene Niederschlesier zugleich von einem Wunder, dass er überhaupt noch lebe. „Wenn man bedenkt, wie viele Krankenhäuser ich wieder verlassen konnte, wie viele Kantinen ich einigermaßen unbeschädigt überstanden habe, wie oft und wie gern ich mich als Kind schon totgelacht habe, wie viele Bundeskanzler, Präsidenten und Intendanten ich überlebt habe“, so sein wohl nicht ganz ernst gemeinter Einwurf.

Der Satiriker und Autor tourt immer noch sehr erfolgreich durch die Republik und begeistert in kleinen und großen Orten sein Publikum. An diesen Abenden präsentiert sich Hildebrandt nach wie vor angriffslustig, wo es nottut, nachdenklich, wo es angebracht ist, und komisch, wo man es nicht erwartet.

Dabei hatte er früher so etliche Befürchtungen. „Ich habe fest damit gerechnet, dass ich diesen Beruf mit 70 nicht mehr ausüben werde. Dass mich die Gicht erreicht, der Alkohol besiegt, meine Glieder nicht mehr mitmachen, meine Stimme versagt, dass ich nur noch lallen und in aller Ruhe sterben werde“, sagte Hildebrandt kürzlich der Fernsehzeitschrift „Hörzu“.

Deshalb kommt es auch nicht von ungefähr, wenn er die Zuschauer in seiner Show mit der Frage konfrontiert „Was ist optimistisch?“, um gleich die passende Pointe zu liefern: „Wenn ein 95-Jähriger zur Versorgeuntersuchung geht.“

Angefangen hat seine Karriere im Nachkriegsdeutschland. Damals ersetzte seine Arbeit als Kabarettist den Psychiater, sagte er mal: „So konnte ich meine Jugend nachholen, meinen Frust, meine Beschwerden, meine Wut, meinen Zorn und meine Freude loswerden.“ Deshalb bildete der Student der Theaterwissenschaften und Literatur in München Anfang der 50er Jahre das Studentenkabarett „Die Namenlosen“. 1956 gründete Hildebrandt zusammen mit Sammy Drechsel die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Bis zur Auflösung 1972 feierte das Ensemble unzählige Erfolge.

Bereits ein Jahr später präsentierte er seine spitzen Bemerkungen zum Alltag in der ZDF-Reihe „Notizen aus der Provinz“ einem Millionen-Publikum – bis er seine kabarettistische Sendung 1979 vom damaligen Mainzer Intendanten „beendet bekommen“ hatte, wie Hildebrandt später einmal rückblickend bemerkte. Doch der so Geschasste wechselte einfach zum anderen öffentlich-rechtlichen Sender und startete mit dem ARD-„Scheibenwischer“ eine weitere Erfolgsgeschichte. Erst Ende 2003 – nach 23 Jahren und 144 Sendungen - verabschiedete sich der vielfach Ausgezeichnete dann.

Kabarett und Comedy haben seitdem einen breiteren Platz in den öffentlich-rechtlichen Sendern eingenommen, doch nicht alles gefällt Hildebrandt. Die „heute-show“ mit Oliver Welke sei gut, sagte er der „Hörzu“. „Und 'Neues aus der Anstalt' mit Urban Priol und Erwin Pelzig ist die beste Sendung von allen. So was hat die ARD nicht im Ansatz“, lobte er die ZDF-Sendung.

Hildebrandt will er sich auch weiter in das politische Geschehen einmischen. „Ich habe noch keinen Frieden gemacht mit irgendetwas“, sagte er der „B.Z. am Sonntag“. Er lebe dabei nicht in Unfrieden mit seinen Mitbürgern, „nur im stetigen Unfrieden mit denen, die glauben, dass diese Bürger nicht so viel wert sind wie sie selbst und sie dann von oben herab belügen“.