Deutschlands dunkelster Ort

Gülpe im Havelland ist das Paradies für Sterngucker

Die Gegend um Gülpe gilt als der dunkelste Ort Deutschlands. Nirgendwo ist die Nacht schwärzer, leuchten die Sterne deshalb heller. Gerade deshalb ist Gülpe im Havelland ideal für das „Astrotreff“ von Sternguckern.

Gülpe. Es dauert noch ein bisschen, bis man ihn sehen kann, den Schatz von Gülpe. 160 Einwohner hat das brandenburgische Dorf, keine Schule, keinen Supermarkt, nur holpriges Pflaster, das zu den ähnlich trostlosen Nachbardörfern Knoblauch, Kotzen und Wassersuppe führt. Die Schatzsucher haben sich auf dem örtlichen Sportplatz versammelt, zwischen zwei Toren ohne Netze, und warten. Um Punkt 21.45 Uhr ist es so weit: Der letzte Schimmer Sonnenlicht ist vom Horizont verschwunden – und über Gülpe explodiert der Himmel. Es glitzert und blinkt, Sternschnuppen sausen durchs Firmament, ein funkelndes Band unzähliger Diamanten webt sich über den staunenden Köpfen. Die Milchstraße ist hier mit bloßem Auge zu erkennen.

Astronomen aus der ganzen Republik sind zum dritten „Astrotreff“ in das Kaff im Westhavelland gekommen, weil es ein wertvolles Prädikat besitzt: Die Gegend um Gülpe gilt als der dunkelste Ort Deutschlands. Nirgendwo ist die Nacht schwärzer, leuchten die Sterne deshalb heller. Es surrt leise, während sich Dutzende Teleskope auf ihr Ziel kalibrieren: das Sternbild Schwan, die Andromedagalaxie, einen Kugelsternhaufen, den letzten Hauch einer sterbenden Sonne. Einem Ehepaar aus Berlin reicht der Anblick ohne schwere Apparatur, die beiden Rentner haben sich einfach zwei Campingstühle auf die Wiese gestellt. In Decken gehüllt schauen sie andächtig zum Himmel. Die Milchstraße, sagen sie, hätten sie seit einem Urlaub in den Alpen vor 40 Jahren nicht mehr gesehen.

Gülpe ist zwar gerade einmal 80 Kilometer von Berlin entfernt, aber wegen der dünnen Besiedlung gibt es dort kaum störendes künstliches Licht. Bessere Bedingungen fänden Astronomen nur noch in Namibia oder Chile, sagt Andreas Hänel, Leiter des Planetariums Osnabrück und Mitorganisator des Astrotreffens. Hänel reist in seiner Freizeit quer durchs Land, um die besten Orte zum Sternegucken zu finden. Vor ein paar Jahren bekam er einen Tipp von einem Hobbyastronomen. Zappenduster sei es im Naturpark Westhavelland, sagte der. Hänel fuhr, bis alle Straßen einspurig wurden. Auf einer Wiese bei Gülpe startete er sein Messgerät mehrmals neu, bis er dem angezeigten Wert traute. Sein Sky Quality Meter misst die Flächenhelligkeit. 0 ist der hellste Wert, 21,8 steht für absolute Dunkelheit. Hänel maß 21,78.

Ähnliche Werte bekäme man in Deutschland höchsten noch in der Rhön, sagt der Astronom. Gemeinsam mit dem Naturpark Westhavelland setzt sich Hänel dafür ein, dass die Region als „Sternenpark“ anerkannt wird. Das Siegel für besonders dunkle Regionen wird von der „International Dark Sky Association“ in den USA vergeben. Nur wenige Gegenden entsprechen den strengen Standards der Organisation; in Europa gibt es Sternenparks bloß in England und Ungarn. Ende des Jahres will das Westhavelland den Amerikanern seine Bewerbung schicken. Klappt es, wäre die Gegend um Gülpe der erste Sternenpark in Deutschland. Und Andreas Hänel könnte endlich einen Sieg in einer langen Schlacht verbuchen.

Seit 20 Jahren kämpft der Leiter der Expertengruppe „Dark Sky“ für mehr Dunkelheit in Deutschland. „Naturschutz beschränkt sich immer nur auf den Tag“, sagt Hänel. Dabei werde übersehen, dass gerade die Nacht vom Aussterben bedroht ist. Über deutschen Innenstädten kann man nur noch wenige Dutzend Sterne beobachten. Früher waren es noch mehrere Tausend. Die Nächte in Berlin sind heute um das Zehnfache heller als noch vor 150 Jahren. Häuser, Laternen und Autos überstrahlen die Sterne. Fachleute sprechen von „Lichtverschmutzung“: Jedes Jahr nimmt die Helligkeit um sechs Prozent zu. Besonders gefährlich, sagt Hänel, sei LED-Licht. Das hat mehr Blauanteile und streut dadurch stärker als herkömmliches gelbes Licht. Immer mehr Städte aber ersetzen alte Lampen durch stromsparende LED-Leuchten.

Die Experten von „Dark Sky“ wollen dafür sorgen, dass Lichtverschmutzung als gleichwertige Gefahr wie Wasser- oder Luftverschmutzung anerkannt wird. In Gülpe sind zum Astrotreffen alle Lichter ausgeschaltet. Nur wenig intensives Rotlicht ist erlaubt.

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