Reinfeld

Typisierungsaktion: 1600 Menschen wollen Leben retten

Lesedauer: 4 Minuten
Heiko Sellin

Die Initiatoren sind begeistert von der großen Hilfsbereitschaft bei der Typisierungsaktion für Leukämiekranke in Reinfeld.

Reinfeld. Marcus Grauschein nimmt den kleinen Piks gelassen hin. Fünf Milliliter Blut zapft ihm Irina Hammerschmidt, Auszubildende zur medizinischen Fachangestellten, ab. Für Marcus Grauschein, Vater von vier Kindern, ist die Typisierungsaktion der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) in der Matthias-Claudius-Schule eine Herzenssache. "Ich hatte das schon lange vor", sagt er, "wenn ich mir vorstelle, mit der Spende Leben retten zu können, dann ist das ein tolles Gefühl." So ähnlich denken viele an diesem Tag: Mehr als 1600 Menschen machen in Reinfeld mit.

Für den Jungen, dem die Aktion ursprünglich gelten sollte, kommt der Einsatz jedoch zu spät. Der elf Jahre alte Nico aus Reinfeld, der an einer besonders bösartigen Form der Leukämie litt, war in der Nacht zu Donnerstag im Kreis seiner Familie gestorben (wir berichteten). Nicos Großvater Bruno Peters zählt zu den mehr als 120 freiwilligen Helfern. "Wenn möglichst viele Menschen an der Aktion teilnehmen, war Nicos Tod wenigstens nicht umsonst", sagt er. Dann verteilt er das nächste Formular, auf dem die Daten der Teilnehmer erfasst werden.

Rund drei Millionen Spender sind aktuell bei der DKMS registriert. Doch keiner hatte zu Nico passende Gewebemerkmale und wäre somit geeignet gewesen, das Leben des Jungen mit einer Spende des Knochenmarks zu retten. Dies wäre die letzte Chance für den Elfjährigen gewesen.

Mit der Hoffnung, doch noch einen geeigneten Spender zu finden, hatten die Initiativgruppe "Gemeinsam für Nico und andere" und die DKMS die Registrierungsaktion in der Reinfelder Schule geplant. Für Nicos Familie war es selbstverständlich, den Termin nach dem Schicksalsschlag nicht abzusagen. "Es ist uns eine große Herzensangelegenheit, die Typisierung stattfinden zu lassen, um anderen betroffenen Kindern und Erwachsenen ein gesundes weiteres Leben zu ermöglichen", sagt Bente Eggert, die Tante von Nico und eine der Hauptinitiatorinnen.

Schon um 9 Uhr standen viele Helfer bereit. Feuerwehrleute, Fußballer von Preußen Reinfeld und Mitglieder von anderen Sportvereinen aus der Umgebung hatten alles einen Tag zuvor aufgebaut. Damit sich die Teilnehmer nach der Blutabnahme stärken konnten, hatten viele Bäckereien und Freiwillige Kuchen gebacken. Mehr als 80 Stück kamen zusammen. Der Erlös aus dem Verkauf, die Versteigerung von Bildern aus einem Malwettbewerb und die Einnahmen einer Tombola dienen zur Finanzierung der Aktion. 58.000 Euro kamen zusammen. DKMS-Projektleiterin Annika Schirmacher war äußerst zufrieden: "Die Bereitschaft hier in Reinfeld ist sehr erfreulich." Jede Typisierung kostet 50 Euro.

Barbara Leder ist für den Malwettbewerb zuständig, der bereits seit drei Wochen und noch bis Freitag, 21. Dezember, läuft. "Für die eingereichten Bilder gibt es tolle Preise zu gewinnen, zum Beispiel Jahreskarten für den Hansapark, Englischkurse für Kinder und einen Segelausflug für acht Personen", sagt Barbara Leder. Die bisher gemalten Bilder konnten für jeweils fünf Euro gekauft werden, die restlichen Bilder werden der Kinderonkologie Lübeck und Nicos Familie zugesendet. "Zwar ist alles überschattet von dem traurigen Tod von Nico, doch ich bin sehr berührt, was alle zusammen leisten", sagt Leder.

Inken Ditscher ist die Tante von Yuma Ofelia, einem kleinen Mädchen aus Reinfeld. Bei Yuma wurde im Alter von fünf Wochen eine Blutkrebserkrankung diagnostiziert. Mittlerweile ist sie drei Monate alt und kämpft sich tapfer durch ihren zweiten Chemotherapie-Block. Inken Ditscher organisiert die Tombola. In den vergangenen Wochen hat sie eine große Auswahl an Sachpreisen eingeworben. Mehrere Zeitschriften spendeten Parfüms, ein Computerhersteller einen Monitor, Stage Entertainment aus Hamburg stellte Musical-Karten für "König der Löwen", "Tarzan" und "Rocky" zur Verfügung. Auch Dutzende Firmen aus der Region unterstützten die Aktion. "Der Zusammenhalt hier in Reinfeld ist der Wahnsinn", sagt Inken Ditscher. "Die Kinder, die den ganzen Tag über beim Kuchenverkauf für Musik gesorgt und rund 60 Bilder gemalt haben, zeigen, wie viel Herzblut in dieser Aktion steckt. Das ist einfach nur beeindruckend."

Zur Typiserung kamen auch 150 Bundespolizisten. Im Vorfeld hatten sich Prominente für die Aktion eingesetzt. Darunter die Fußballer René Adler, Tolgay Arslan und Per Skjelbred vom Hamburger SV sowie die Tänzerin Isabel Edvardsson und die Schauspielerin Saskia Valencia. Der Fußball-Regionalligist VfB Lübeck will im Januar ein Benefizspiel gegen Preußen Reinfeld organisieren.