Geheimprotokolle: Was die Justiz bisher verschwiegen hat

War Natascha Kampusch schwanger?

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Bengt Pflughaupt

Immer neue Rätsel. Wer ließ die Ermittlungsakten verschwinden? Was wurde noch vertuscht?

Wien. Acht Jahre wurde sie von ihrem Entführer in einem Kellerverlies gefangen gehalten. Was ist in dieser langen Zeit mit Natascha Kampusch wirklich passiert? Jetzt kam heraus: Die Justiz hat vieles vertuscht, Ermittlungsakten sind auf rätselhafte Weise verschwunden. Die Wiener Tageszeitung "Heute" (500 000 Auflage) enthüllte am Freitag exklusiv, dass österreichische Ministerien die Ermittlungsarbeiten im Fall Kampusch massiv behindert haben - und Natascha könnte sexuellen Verkehr mit ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil († 44) gehabt haben und schwanger geworden sein.

Der Entführungsfall Natascha Kampusch, die als Zehnjährige auf dem Schulweg gekidnappt wurde und der erst acht Jahre später die Flucht gelang, sorgte weltweit für Aufsehen und Anteilnahme. Doch schon die ersten Wochen von Natascha Kampusch in Freiheit wurden von neuen Verdächtigungen überschattet. Die Wiener Tageszeitung "Heute" zitiert aus bisher geheimen Ermittlungsakten der Polizei. Demnach soll Natascha Kampusch nach ihrer Flucht am 23. August 2006 auf der Polizeiinspektion Deutsch-Wagram in Niederösterreich (ca. 20 Kilometer vor Wien) von der Polizistin Sabine F. vernommen worden sein. Das Protokoll verschwand sofort im Safe des Untersuchungsrichters. In einer zweiten Abschrift, die Sabine F. sechs Tage später anfertigte, gibt es offenbar eindeutige Hinweise auf Mittäter des Entführers Wolfgang Priklopil. "Heute" zitiert aus diesem Bericht: "Im Fahrzeug fragte sie (Natascha Kampusch, Anm. d. Red.) den Entführer als Erstes, ob sie jetzt vergewaltigt werde. Anschließend fuhren sie in ein Waldstück und verweilten dort. Wie lange sie dort blieben, gab sie nicht an. Von dort fuhren sie weiter, und sie wurde anschließend in das Verlies gesteckt." Neben weiteren Details zu ihrem Geiselleben soll die Aktennotiz aber auch folgende brisante Passage enthalten: "Von mir wurden im Anschluss daran nur drei Fragen gestellt: ob sie mit dem Entführer Geschlechtsverkehr hatte, warum sie so einen gebildeten Eindruck erweckt und ob es Komplizen gab. Sie gab dazu an, dass sie Geschlechtsverkehr hatte und diesen freiwillig mit ihm vollzog. Sie bekam von ihm Bücher zu lesen, durfte Radio hören und Videos sehen. Bezüglich Komplizen gab sie wörtlich an: 'Ich weiß keine Namen'", zitiert "Heute" den Auszug. War Natascha Kampusch schwanger? Dr. Karl B. gab der Polizei zu Protokoll, dass er Natascha nach ihrer Flucht untersucht habe. Sie sei gesund gewesen und habe dann gebeten, doch ihr Herz zu untersuchen. Der Arzt sagte, er habe keine Anomalie festgestellt. Aus "Heute": "Nach diesem ersten, kurzen Gesundheits-Check wandte sich Natascha mit zwei Fragen, die ihr offenbar sehr am Herzen lagen, an den Mediziner. Natascha fragte mich dann, wie lange man eine Schwangerschaft nachweisen könne, wenn sie schon vorüber wäre. Sie machte dann die sinngemäße Bemerkung, dass es eh egal sei, weil es schon lange her sei. Die ganze Untersuchung mit Gespräch dauerte nur fünf Minuten. Fünf Minuten, um alle möglichen Fragen zu stellen. Doch Natascha interessierte nur, ob man eine ,gewesene' Schwangerschaft nachweisen kann." Das Blatt fragt: "Was passierte mit einem eventuellen Kind? Verlor sie es, oder verschwand es auf eine bisher ungeklärte Weise?" Die Staatsanwaltschaft schweigt dazu. Sprecher Wolfgang Jarosch verriet nur soviel: "Es stimmt, wir haben Frau Kampusch einige persönliche Beweismittel zurückgegeben - darunter ihr Tagebuch und auch Protokolle ihrer ersten Vernehmungen nach ihrer Flucht vor eineinhalb Jahren." In dem Fall werde aber nur ein einziges neues Verfahren hinzukommen. Jarosch: "Wir ermitteln, wer die Zeitung mit Material versorgt hat." Unter Verdacht stehen vor allem Mitglieder des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, der klären soll, ob es Polizei-Pannen bei den Ermittlungen gegeben habe. Der Vorsitzende Peter Fichtenbauer schloss das am Freitag jedoch kategorisch aus: "Von uns ist nichts durchgesickert", sagte er.