US-Journalist findet Indizien, wonach der Sex-Skandal des IWF-Chefs vom politischen Gegner initiiert worden sein könnte

Paris. Ist Dominique Strauss-Kahn, 62, doch Opfer eines Komplotts geworden? Das ist die Frage, die in Paris heftig debattiert wird, nachdem ein Artikel des US-Enthüllungsjournalisten Edward Epstein für Aufregung gesorgt hat. Epstein, der sich durch Bücher über die Ermordung Kennedys und Attentatsversuche gegen Fidel Castro einen Namen gemacht hat, hatte in der "New York Review of Books" auf Ungereimtheiten in den Ermittlungen wegen der angeblichen Vergewaltigung eines Zimmermädchens hingewiesen.

Dominique Strauss-Kahn (DSK) wird vorgeworfen, im Mai im New Yorker Hotel Sofitel Nafissatou Diallo, 32, zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. Da die Staatsanwaltschaft die Glaubwürdigkeit der Zeugin für erschüttert hält, wurde das Strafverfahren eingestellt. Ein Zivilprozess ist noch anhängig. Strauss-Kahn kostete der Skandal seinen Posten als IWF-Chef und die sozialistische Präsidentschaftskandidatur gegen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy, 56. Epstein schildert in betont sachlichem Ton mehrere dubiose Punkte - die Spekulationen Tür und Tor öffnen. Denn der Text suggeriert die Möglichkeit, dass Sicherheitskräfte der französischen Hotelkette Sofitel mit Kontakten zu Geheimdienstkreisen und zur französischen Regierung kollaboriert haben könnten, um DSK zu Fall zu bringen.

Nach Epsteins Recherchen soll DSK am Morgen des 14. Mai über eine Bekannte, die bei der französischen Regierungspartei UMP arbeitete, die Information erhalten haben, dass sein Smartphone abgehört werde und sein SMS-Verkehr im Élysée bekannt sei. Wenige Stunden später, um 12.51 Uhr, wurde dieses Mobiltelefon - nach dem Zusammentreffen Strauss-Kahns mit dem Zimmermädchen - auf mysteriöse Weise "stillgelegt". Es ist seither verschwunden. Strauss-Kahn meldete den Verlust telefonisch im Hotel - und konnte deshalb noch am Flughafen verhaftet werden. Eine solche Stilllegung - die die Lokalisierung des Gerätes unmöglich macht - könne nur durch einen "Unfall" oder von einem Experten erreicht werden, schreibt Epstein.

Besonders fragwürdig findet der Journalist das Verhalten der Sicherheitskräfte des Sofitel. Epstein hatte Zugang zu den Überwachungsvideos und will darauf gesehen haben, wie der Sicherheitsangestellte, der Nafissatou Diallo nach dem Vorfall befragte, mit einer "unbekannten dritten Person" einen dreiminütigen Freudentanz aufführt, nachdem die Polizei verständigt wurde. Der Hotelkonzern hat die Existenz dieser Sequenz zunächst bestritten, dann erklärt, sie dauere "höchstens acht Sekunden", und der Jubel der Mitarbeiter stehe "in keiner Beziehung" zum Fall Diallo. Epstein verlangt die Veröffentlichung des Videos.

Sein Artikel wirft zudem die Frage auf, ob Sarkozy möglicherweise weit früher über die Ereignisse im Bilde war als bislang bekannt. Während sich das Drama in Manhattan entfaltete, saß der Präsident auf der Tribüne eines Fußballstadions in Paris. Mit ihm in der Loge: René-Georges Querry, oberster Sicherheitsdirektor der Accor-Gruppe, zu der das Sofitel gehört. Dieser ist befreundet mit Ange Mancini, Geheimdienstkoordinator des Präsidenten. Außerdem ist er seit September nicht mehr bei Accor - was aber angeblich nichts mit dem Fall zu tun hat. Querry bestritt erwartungsgemäß, in den Fall Diallo/DSK eingegriffen zu haben.

Epstein weist außerdem darauf hin, dass das Hotelzimmer, das Nafissatou Diallo unmittelbar nach dem Vorfall auf demselben Flur betreten hat, nicht auf Spuren untersucht wurde, weil Diallo nicht ausgesagt hatte, es betreten zu haben. Die Hotelleitung weigert sich, den Namen des Gastes preiszugeben. Epstein legt nahe, bei dem Nutzer des Zimmers könne es sich um einen Mitverschwörer gehandelt haben. Die DSK-Getreuen in Frankreich fordern, den neuen Spuren nachzugehen. Der Generalsekretär der UMP, Jean-François Copé, bestritt derweil jede Beteiligung seiner Partei. Bei aller Begeisterung über mögliche Komplotte kann Epstein eine Frage nicht beantworten: Warum sollten sich französische Regierungskreise die Mühe machen, DSK eine komplizierte Falle zu stellen - wenn zu diesem Zeitpunkt so gut informierten Stellen längst klar sein musste, dass eine Prostitutionsaffäre in Lille, die DSK angelastet wurde, ihn ohnehin als Präsidentschaftskandidaten erledigen würde?

Fotos zur Affäre DSK: www.abendblatt.de/dsk