Todesfälle

Kreuzfahrt: Die verschwundenen Passagiere

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Peter Michalski

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Seit Jahresbeginn gingen auf Kreuzfahrten 13 Menschen verloren. Ein amerikanischer Verein will Aufklärung der Todesfälle erzwingen.

London. "Ein netter älterer Herr", entsinnt sich eine Mitreisende. "Ende 70 oder Anfang 80, Engländer und anscheinend allein." Beim Zwischenstopp der "Balmoral" (43 537 BRT) in Stavanger war er noch auf dem größten Fred-Olsen-Liner gesehen worden. Einen Tag später war er verschwunden.

Der mutmaßliche Selbstmord des Mannes, in dessen Kabine eine "Notiz" gefunden wurde, ist der mindestens 13. Todessturz von einem Luxusliner seit Jahresbeginn. Kreuzfahrten werden beunruhigend häufig zur Reise in den Tod. Seit Anfang 2000 sind laut Erhebungen des kanadischen Soziologieprofessors Ross A. Klein 159 Passagiere und Crewmitglieder über Bord gegangen; nur 33 konnten gerettet werden. Fachleute vermuten eine höhere Dunkelziffer. Um geschäftsschädigende Schlagzeilen zu vermeiden, verzichten Reedereien gern auf eine Vermisstenmeldung. Auch bei der Kreuzfahrt-Messe Seatrade, die am Sonnabend in Hamburg zu Ende geht, wird das Thema "Vermisst auf See" lieber totgeschwiegen.

Suizid, Unfall, Verbrechen - meist bleiben Hergang und Ursache des Todessturzes so ungeklärt wie das Schicksal von Sabine L., 62, aus Hamburg-Wellingsbüttel, die 2006 von Bord der "Queen Elizabeth 2" verschwand, oder der 40 Jahre alten "Costa Atlantica"-Passagierin aus Bad Honnef in der Ägäis im selben Jahr. "In der Kreuzfahrtindustrie besteht ein Verantwortlichkeitsproblem", sagt Kendall Carver, 79. "Sobald du an Bord gehst, befindest du dich auf ausländischem Boden und bist der Polizei des Dritte-Welt-Landes ausgeliefert, in dem das Schiff registriert ist." Carver, ein ehemaliger Versicherungschef, ist Vorsitzender der International Cruise Victims Association (ICV) in Sammamish (US-Staat Washington).

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Anlass zur Gründung der ICV war das Verschwinden seiner Tochter Merrian, 40, am zweiten Tag einer Alaska-Kreuzfahrt im August 2004 auf der in Papenburg gebauten "Mercury" (77 713 BRT), die inzwischen "Mein Schiff 2" heißt. "Als der Kabinensteward sie vermisst meldete, wies sein Vorgesetzter ihn an: 'Kümmere dich um deine Arbeit und vergiss es'", berichtet der Vater. "Weder das FBI noch die Angehörigen wurden informiert. Am Ende der Kreuzfahrt stopfte das Personal Merrians Habe in Müllsäcke und gab sie einer Wohltätigkeitsorganisation."

Die Leiche der zierlichen Frau wurde nie gefunden, ihr Tod nie geklärt. Auf breiterer Front jedoch kann Carver, der mit Professor Klein zusammenarbeitet, Erfolge vorweisen. Sein Verband, dem mittlerweile Mitglieder aus mehr als 20 Ländern angehören, hat sich zu einer einflussreichen Gruppe entwickelt: Auf ICV-Initiative begann der US-Kongress, Druck auf die Reedereien auszuüben. 2010 unterzeichnete Präsident Barack Obama den Cruise Vessel Security and Safety Act. Danach sind Kreuzfahrtunternehmen gesetzlich verpflichtet, jedes Verschwinden von - und Verbrechen an - Amerikanern binnen vier Stunden zu melden. "FBI und US-Küstenwache sind nun zu Ermittlungen ermächtigt, gleichgültig wo das Schiff registriert ist", erläutert Carver.

Jetzt kämpft seine Organisation um eine ähnliche Gesetzgebung europaweit. Bei einem Treffen mit dem britischen Staatssekretär für Schifffahrt, Mike Penning, forderten Michael und Annmaria Coriam aus dem nordenglischen Chester kürzlich, die Kreuzfahrtindustrie zur "anständigen Regulierung der Sicherheit auf See" zu zwingen. Ihre Tochter Rebecca, 24, hatte als Kinder-Animateurin auf der in den Bahamas registrierten "Disney Wonder" angeheuert. Das Schiff war auf dem Weg von Los Angeles nach Mexiko, als die junge Frau am 22. März verschwand - spurlos, bis auf eine mysteriöse Abbuchung von ihrem Bankkonto am 19. April.

"Weil Kreuzfahrtschiffe voller glücklicher Urlauber sind, wiegen sich die Leute an Bord in einem falschen Gefühl der Sicherheit", sagt Rebeccas Vater, 57. "Dabei verschwinden auf solchen Schiffen Menschen zu Dutzenden. Verbrechen werden unter den Teppich gekehrt und Zwischenfälle nicht richtig ermittelt. Obwohl 2400 Passagiere und 945 Besatzungsmitglieder auf der 'Disney Wonder' waren, ist lediglich ein einziger Beamter der Bahamas mit den Ermittlungen befasst. Wir werden nie erfahren, was Rebecca zugestoßen ist."