Erst das Baby, dann die Hochzeit

Jedes dritte Kind kommt in Deutschland außerehelich zur Welt - so viele wie nie zuvor. Sachsen-Anhalt ist Spitzenreiter

Wiesbaden. Eine Schwangerschaft ist für viele Paare längst kein Grund mehr für die Ehe. "Heiraten ist freiwilliger geworden", sagt Renate Reddemann, Geschäftsführerin und Beraterin von Pro Familia. "Schwangerschaft, Hochzeit, Haus bauen - wir warnen sogar davor, gleich alles auf einmal zu machen, weil das zu viel Stress ist. Wir raten dazu, kleine Schritte zu gehen." In Deutschland kamen im vergangenen Jahr 33 Prozent aller Babys unehelich zur Welt - so viele wie nie zuvor.

Seit 1990 hat sich der Anteil der außerehelich zur Welt gekommenen Babys in Deutschland 1990 mehr als verdoppelt, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit.

Zwischen Ost und West verzeichneten die Statistiker erhebliche Unterschiede. Während 2010 in den neuen Bundesländern mit 61 Prozent die meisten Neugeborenen nicht verheiratete Eltern hatten, ist im Westen (27 Prozent außerehelich Geborene) die Ehe der Eltern nach wie vor der Regelfall. Die Gründe für diesen großen Unterschied liegen nach Ansicht von Michaela Kreyenfeld vom Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung in der ehemaligen DDR-Gesetzgebung, die ledige Mütter unterstützte, in der häufigeren Erwerbstätigkeit ostdeutscher Frauen sowie in der hohen kulturelle Akzeptanz unverheirateter Elternschaft in den neuen Bundesländern.

Zwischen den einzelnen Bundesländern sind die Unterschiede noch größer: Die meisten nicht ehelichen Kinder wurden in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern (je 64 Prozent) sowie Brandenburg (62 Prozent) geboren. Die niedrigsten Quoten gab es in Baden-Württemberg (22 Prozent), Hessen und Bayern (je 26 Prozent). Überdurchschnittlich viele Babys nicht verheirateter Eltern gab es in den alten Bundesländern vor allem in Bremen (39 Prozent), Hamburg (36 Prozent) und Schleswig-Holstein (35 Prozent).

Gemeinsames Sorgerecht sei inzwischen bei unverheirateten Eltern die Regel und damit nicht mehr der Grund für eine Ehe, sagt Reddemann. Auch um eine Wohnung zu finden, müssten werdende Eltern heute nicht mehr verheiratet sein. "Früher ging das ja ohne Mann gar nicht", sagt Reddemann.

Was bei einer Entscheidung für eine Hochzeit oft eine Rolle spiele, sei die Steuer. "Das ist der Punkt, der meist vom Mann eingebracht wird." Wenn sich Paare nach der Geburt ihres ersten Kindes das Jawort geben, gehe es oft um Steuererleichterungen. "Je mehr Kinder, desto eher wird geheiratet."

In ländlicheren Regionen ist Heiraten nach Einschätzung Reddemanns noch selbstverständlicher als in der Stadt. Paare lebten dort häufig in oder neben dem Haus der Eltern.

Nicht verheiratet sind die Eltern vor allem beim ersten Kind, wie die Statistik weiter zeigt: Unter den Erstgeborenen hatten 2010 rund 43 Prozent nicht miteinander verheiratete Eltern, wobei es im Westen 36 Prozent und im Osten 74 Prozent waren. Die Zahlen lassen vermuten, dass Paare oft nach der Geburt eines gemeinsamen Kindes heiraten: Bei 20 Prozent der Eheschließungen im Jahr 2010 gab es schon mindestens ein gemeinsames voreheliches Kind, wobei es in den neuen Bundesländern 36 Prozent und im alten Bundesgebiet 16 Prozent waren. Das war vor 20 Jahren noch nicht so: 1991 hatten nur acht Prozent der Brautpaare schon gemeinsamen Nachwuchs.

Im EU-Vergleich werden in Deutschland unterdurchschnittlich viele Kinder außerhalb einer Ehe geboren. Der EU-weite Durchschnitt lag 2009 bei 38 Prozent. Dabei waren die Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten immens: Am höchsten war der Anteil der außerehelichen Geburten in Estland (59 Prozent), am niedrigsten in Griechenland (7 Prozent).

In Zukunft werden, so Demografin Michaela Kreyenfeld, noch mehr Kinder in Deutschland nicht ehelich geboren werden. Die meisten jungen Menschen in Deutschland wünschten sich Kinder, doch eine Heirat gehöre nicht mehr zwangsläufig dazu, sagt sie. Sie gehe davon aus, dass in Westdeutschland künftig noch weniger oft geheiratet werde und der Anteil der nicht ehelichen Kinder weiter steigen werde, sagte die Wissenschaftlerin. Für Ostdeutschland erwarte sie, dass bald "ein Plateau erreicht" sei.