Depressionen

Das Leben in der Großstadt geht auf die Nerven

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Depression, Angststörung, Schizophrenie: Hirnforscher finden heraus, warum Großstadtbewohner viel häufiger psychisch krank werden.

Mannheim. In den großen Städten, wo das Leben pulsiert und die meisten Trends und Ideen geboren werden, eröffnet sich dem Einzelnen ein schier unerschöpfliches Angebot an Anregungen. Doch wo Hunderttausende oder gar Millionen auf engem Raum zusammenleben, kann dieses urbane Leben auch schwer aufs Gemüt drücken: Menschen, die in Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern leben oder dort ihre Kindheit verbracht haben, leiden häufiger an Depressionen sowie Angststörungen und doppelt so häufig an Schizophrenie als Menschen vom Lande. Die vermutete Ursache: Stress.

Florian Lederbogen von der Universität Heidelberg und Jens Pruessner von der McGill University in Montreal ist es erstmals gelungen, den Einfluss des Stadtlebens auf unser Gehirn sichtbar zu machen. Ihr Fazit: Von der Größe des Wohnortes hängt es ab, wie stark das Gehirn in Stresssituationen reagiert und wie intensiv jene Hirnbereiche aktiviert werden, die bei psychischen Erkrankungen eine Rolle spielen. "Wir können jetzt besser verstehen, wie eine städtische Umgebung zu Nervenerkrankungen führt", sagt Pruessner. "Das kann helfen, zukünftig auf Gesundheitsprobleme in Großstädten besser reagieren zu können."

Für die Untersuchung wurden 60 Probanden je nach Größe ihres aktuellen Wohnortes und des Wohnortes ihrer Kindheit in drei Gruppen eingeteilt. Sie mussten unter Zeitdruck schwierige Mathematikaufgaben lösen. Zusätzlich wurden die Versuchsteilnehmer dabei mit negativen Kommentaren bombardiert, um den Stressfaktor zu erhöhen. Mit einem Hirnscanner, der "funktionellen Magnetresonanztomografie", konnten die Forscher dann die Reaktionen der betreffenden Hirnregionen der Stadt- und Landbewohner beobachten. Sie stellten fest, dass vor allem der Mandelkern (Amygdala), eine für Emotionskontrolle und Stressverarbeitung essenzielle Hirnregion, bei Land- und Stadtbewohnern unterschiedlich reagiert. Je größer der Wohnort des Probanden, umso stärker wurde der Mandelkern unter Stress aktiviert. Das Organ, das dem Limbischen System zugerechnet wird, steuert das Empfinden von Nähe und Distanz und wirkt ausgleichend. Stadtbewohner, so die Forscher, wiesen danach ein um fast 40 Prozent erhöhtes Risiko auf, an Depressionen zu erkranken, als Menschen vom Land. Bei Angststörungen betrage die erhöhte Wahrscheinlichkeit 20 Prozent. "Wenn das hektische Großstadtleben das Gleichgewicht auf Dauer stört, können Depressionen und Angststörungen sehr viel häufiger vorkommen", sagt Lederbogen.

Doch die Großstadt scheint auch die Hirnstrukturen von Heranwachsenden entscheidend zu prägen: Hierbei spielt der "perigenuale anteriore Gyrus Cinguli" (pACC) eine wichtige Rolle. Dieser Hirnbereich verarbeitet Stress und hängt gleichzeitig eng mit dem Mandelkern zusammen. In ihren Tests untersuchten Lederbogen und Pruessner jene Personen getrennt, die ihre Kindheit bis zum 15. Lebensjahr in ländlichen oder städtischen Regionen verbracht hatten. Das Ergebnis: Je länger ein Kind in der Stadt aufgewachsen war, umso stärker war der Gyrus cinguli bei den Stresstests aktiv. Womöglich ist die Überbeanspruchung dieser Hirnregion ebenfalls eine Erklärung für das erhöhte Schizophrenierisiko der Stadtbewohner - denn bei Patienten mit dieser Krankheit wird dieser Hirnbereich nicht richtig reguliert.

Doch welche Faktoren des Stadtlebens für die Stressmuster im Gehirn verantwortlich sind, konnten die Wissenschaftler noch nicht entschlüsseln. "Individuelle Aspekte wie Alter, Einkommen, Gesundheitszustand oder das aktuelle psychische Befinden der Probanden konnten wir ausschließen", schreiben Lederbogen und Pruessner.

1950 lebten nach Angaben der Vereinten Nationen etwa 30 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Heute sind es mehr als 50 Prozent, bis 2050 wird der Anteil fast 70 Prozent erreichen. Der Großteil der Menschen wird sich also mit dem Stadtleben arrangieren müssen. Doch das Leben in der Stadt sei nicht nur negativ. "Letztendlich bestimmt die persönliche Lebenskontrolle den Alltag", sagt Pruessner. "Wer selbstbewusst ist und sich nicht leicht unterordnet, ist gegen negative Einflüsse des urbanen Lebens gut gewappnet." Darüber hinaus stellten ja auch viele Studien beispielsweise höhere Selbstmordraten auf dem Land fest.