"Unser Problem bist du!"

Alle gegen eine. Sarah Knappik ist aus dem Rennen um den Titel der "Dschungelkönigin" ausgestiegen. Für die Quote könnte sich das rächen

Mobbing heißt Hassen, und es war der weltberühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der im Jahr 1963 diesen Begriff erstmals verwendete. So bezeichnete er den gemeinsamen Angriff einer Gruppe auf einen Fressfeind oder einen überlegenen Gegner. In Lorenz' Fall handelte es sich um eine Gruppe Gänse, die einen Fuchs attackierte.

Dieser Vergleich zwischen der Wissenschaft und den dramatischen Geschehnissen am neunten und zehnten Sendetag der fünften Staffel des "RTL-Dschungelcamps" sind beabsichtigt. Denn dort stand auf der einen Seite die gesamte Campbesatzung mit ihrem Wortführer Mathieu Carrière. Ihr gegenüber kauerte die 24 Jahre alte Sarah Knappik aus Bochum, von Beruf Fotomodell, bekannt aus der Casting-Show "Germany's next Topmodel" mit Heidi Klum auf ProSieben. In jenem TV-Format war sie eine der beliebtesten Protagonistinnen. Jetzt, im "Dschungelcamp", ist sie das nicht mehr. Bereits das Kurzprotokoll der entscheidenden Gruppensitzung dürfte noch vielen Generationen angehender Psychologen als Lehrbeispiel fürs Mobbing-Syndrom dienen. Sarah Knappik, die bei ihren Dschungelprüfungen nicht sonderlich geglänzt hatte, hatte ihrer Mitbewohnerin Indira Weis zunächst vorgeworfen, dem Vegetarier Rainer Langhans die Mahlzeit stibitzt zu haben.

Jay Khan mischte sich ein: "Deine Aktionen hier in den ersten neun Tagen waren unter aller Sau und jetzt geht es dir auf einmal um das Wohlergehen des ganzen Camps? Ich lach mich tot." Sarah: "Ganz ehrlich. Jemand, der sagt, ich kann das Fleisch nicht essen, kann ich akzeptieren. Dann sehe ich, dass sie doch was isst. Was soll ich denn da denken? Ist das fair? Das ist voll unglaubwürdig!" Peer Kusmagk, mittlerweile so was wie ein echter "Heuler", versuchte noch, die Wogen zu glätten. Erfolglos. Denn als Sarah, die sich freiwillig für eine Dschungelprüfung gemeldet hatte, um Futtersterne für die anderen und Punkte für sich zu sammeln, wurde sie abgewimmelt. Sarah: "Von mir wird immer Respekt erwartet, aber mir hört auch gar keiner zu." Jay: "Du scheißt auf alles und jeden außer auf dich selber. Wie soll man Interesse für dich aufbauen, wenn du dich komplett asozial benimmst?" Mathieu: "Sarah, eins würden wir dir gerne vorschlagen: freiwillig das Camp zu verlassen." Sarah: "Das verstehe ich nicht. Warum soll ich jetzt freiwillig gehen?"

Mathieu: "Weil du uns allen ungeheuer auf den Geist gehst." Jay: "Tue es für dich. Damit tust du dir den größten Gefallen." Sarah: "Dann bin ich lieber der Asi und bin mir selber treu." Jay: "Ja, du bist ein richtiger Asi." Peer, weinend: "Mir tut das wirklich weh (...) Eine Woche haben wir deine Sorgen zu unseren Sorgen gemacht, und du behandelst uns wie Scheiße (...)." Sarah: "Dann sagt mir doch mal konkret, was euer Problem ist."

"Unser Problem bist du!", antwortete Mathieu, fiel auf die Knie und bettelte: "Bitte, bitte, bitte lass uns hier kämpferisch und kollegial weitermachen. Sarah, bitte verlass uns!" Daraufhin ließ die Sündenböckin eine Bombe detonieren: Jay soll ihr vor dem "Dschungelcamp" das Angebot gemacht haben, mit ihm eine Liebesgeschichte zu inszenieren, die er nach ihrem Nein jetzt wohl mit der quotengeilen Indira durchzog. Jay sprang hyperentrüstet auf. Distanzpsychologen meinen: So sehen ertappte Heiratsschwindler aus. Am Ende erpressten die Dschungelcamper Sarahs Abgang. Doch sie verließ das Camp nicht mit gesenktem Kopf, auch wenn ihr Hals an manchen Stellen ziemlich dreckig war. Sondern sammelte Punkte. Für sich.

Damit hat RTL sich nun erstmals in der Geschichte des "Dschungelcamps" die Regie von den Kandidaten aus der Hand nehmen lassen. Wirklich? Quotenmäßig war's für RTL ein Traum, aber das Sendekonzept wurde verlassen, da kein Kandidat, trotz des Zuschauervotings, das Camp verließ - wobei anfangs nicht klar war, um wen es sich handelte. Inzwischen spricht einiges dafür, dass RTL die Zuschauer absichtlich in die Irre geführt haben könnte, um noch mehr Sendezeit zu schinden. Fans der Sendung äußern in Blogs inzwischen auch den Verdacht, dass die Dialoge gescripted sein könnten - vor allem die Wasserspiele von Indira und Jay. So steht Sarah Knappik plötzlich als moralische Siegerin einer Sendung da, die von ihren Machern vielleicht überdreht wurde. Fest steht aber auch, dass das Camp einen neuen Sündenbock benötigt. Damit alle schön weitergucken.

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