Mollig oder mager - eine Frage der Mode

| Lesedauer: 5 Minuten
Armgard Seegers

Zeitschrift "Elle" überrascht mit einem Model, das Größe 46 trägt

Hamburg. Die französische "Elle" traut sich was. Während andere Hochglanz-Magazine auf Magermaße setzen, nimmt sie das Plus-Size-Model Tara Lynn aufs Cover. Das dralle Model posiert sexy in Spitzen-Top und High Heels für die aktuelle Ausgabe. Bereits 2010 hatte die Zeitschrift Tara Lynn und ihren Kurven 20 Seiten gewidmet. Lynn, die Kleidergröße 46 trägt, ist gefragt wie das frühere Super-Model Sophie Dahl, die Größe 42 hatte, 1,80 Meter groß ist und sich den sehr kleinen Swingmusiker Jamie Cullum angelte, bevor sie abnahm und ganz dünn wurde. Was wieder einmal Männern und Frauen für die allseits beliebte Frage "Was ist attraktiver, dick oder dünn?" Gesprächsstoff liefert.

Fragt man Männer, so antworten die meisten: "An einer Frau muss was dran sein", oder "richtige Männer stehen auf Kurven, nur Hunde spielen gern mit Knochen". Wie kann es da sein, dass Millionen von Frauen sich das Essen versagen, Diätpillen, Abführmittel oder Algen schlucken, heißes Wasser in Sturzbachmenge trinken und bei jedem Restaurantbesuch Salat bestellen, um dünn zu bleiben? Was sie mit hübsch gleichsetzen. Magermodels - angefangen mit Twiggy in den 60er-Jahren - beherrschen bis heute das Bild dessen, was als Schönheitsideal zu gelten hat. Europäische Prinzessinnen hungern sich dürr. Und jede, die heute Schauspielerin, ja selbst Sängerin werden will, muss zuerst einmal dünn sein. Die britische Sängerin Adele, die in dieser Woche sechs Grammys gewann, ist da eine Ausnahme: Sie ist mollig.

Ein britisches TV-Team hat vor Jahren Urvölkern am Amazonas Bilder der rappeldürren Kate Moss, 38, gezeigt und gefragt, ob diese Frau schön sei. Erschrocken anworteten die Indianer: "Diese Frau wird bald sterben, sie verhungert." In mehr als der Hälfte aller Kulturen der Welt gelten dicke Frauen als attraktiv. Nicht dass man das falsch versteht, niemand empfindet Schwabbelbäuche, fette Oberschenkel, Grübchen statt Fingerknöchel oder ein Dreifachkinn als schön. Zumal 60 Prozent der Männer, 50 Prozent der Frauen, und 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland zu dick sind. Aber warum gelten "Röntgenbilder", wie sie der US-Autor Tom Wolfe schon 1987 in seinem Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten" nennt, als Schönheitsideale?

Im historischen Vergleich hat unser heutiges Schlankheitsideal eher Seltenheitswert. Körperfülle galt in der Geschichte der Menschheit immer auch als Zeichen des Wohlstandes, der Gesundheit. Wer genug zu essen hatte, der konnte auch Kinder durchbringen. Und nur deshalb lebte man schließlich. Wer kräftig war, hatte einen Vermehrungsvorteil. Dass Fett ein Statussymbol war, sieht man an der "Venus von Willendorf", einer 25 000 Jahre alten Kalksteinfigur einer dicken Frau. In der griechischen Klassik hatten die Frauen ein breites Becken. Bis weit ins 17. Jahrhundert war ein anschwellender Frauenbauch das Zentrum erotischer Aufmerksamkeit. Die Frauen, die Rubens malte, waren mit ihren üppigen Rundungen das Schönheitsideal, bevor man die Frauen bis ins 20. Jahrhundert per Korsett in die Sanduhrfigur zwängte.

Dann kam die Jugendbewegung mit ihrem Ideal der Natürlichkeit. Der Bubikopf wurde Mode und das Model "garconne", also weiblicher Jüngling. Frauen durften dürr und dekadent aussehen. Fett wird mit Trägheit in Verbindung gebracht, Schlankheit steht nun für Erfolg und Leistungswillen. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine kurze Renaissance der üppigen weiblichen Formen ein, verkörpert in Filmstars wie Marilyn Monroe und Brigitte Bardot. Dies endete jedoch in den 60er-Jahren. Bis heute hängt unsere Gesellschaft einem Jugendkult an und gefragt sind Mädchen- statt Frauenfiguren. Jugendliches Aussehen, flacher Bauch, eine schlanke Figur: Sie versinnbildlichen Tatkraft und Lebensfreude. Wer dick ist, so der Umkehrschluss, gilt als alt, unbeherrscht, ernährt sich ungesund, ist labil oder träge und faul.

In Zeiten des Überflusses wie der unseren ist ein schlanker Körper ein begehrtes Luxusgut. Soziologisch ist erwiesen: Je mehr Macht Frauen haben, desto eher bevorzugen ihre Männer schlanke Partnerinnen. Vielleicht sind unsere Rollenbilder verschoben. Junge Männer gelten inzwischen oft als Weicheier. Sie trauen sich kaum noch, eine Frau zu küssen. Und Frauen im Job wird oft nachgesagt, sie seien "bossy". Einen fraulichen Körper zum Kinderkriegen will heute kaum noch eine. Vielleicht ist aber auch das Ideal der schlanken und schönen Frau entstanden, weil die Mehrzahl der Modeschöpfer homosexuell ist. Und die stehen nun mal auf eher jungenhafte Körper.