"Forbes"-Liste der Milliardäre

Reicher als Bill Gates, aber Anzüge von der Stange

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Anne Dewitz

Foto: dpa / dpa/DPA

Der Mexikaner Carlos Slim führt erstmals die Weltrangliste an. Mit zwölf kaufte er die erste Aktie, mit 17 verdiente er seine erste Million.

Hamburg/Mexiko-Stadt. Carlos Slim Helú mag Baseball, Zigarren und Light-Getränke. Seine Anzüge kauft er günstig von der Stange, und seine Büros verströmen den Charme der 70er-Jahre. Zugleich besitzt Slim eine bedeutende Kunstsammlung, unter anderem mit einem Werk des französischen Bildhauers Auguste Rodin. Der 70-jährige Witwer mit dem Schnauzbart ist ein Mann der leisen Töne. Für den reichsten Menschen der Welt wirkt er ziemlich bescheiden.

Die Basis für sein Vermögen, das das US-Magazin "Forbes" auf 53,5 Milliarden Dollar (39,3 Milliarden Euro) beziffert, schuf der Mexikaner libanesischer Herkunft bei der Privatisierung der staatlichen Telefongesellschaft Telmex. Diese baute er durch Zukäufe zum größten Unternehmen Lateinamerikas aus.

Obwohl er unter allen Superreichen jetzt auf Platz eins vorrückte, wollte im Hause Slim niemand die Korken knallen lassen. "Das ist doch nur eine Zahl, von einem Magazin verkündet", sagte sein Schwiegersohn Elias Ayub, der häufig als Sprecher des Milliardärs auftritt. "Das geht uns nichts an, macht uns aber auch keine Sorgen."

Der Telekommunikationsunternehmer besitzt neben Telmex noch den Konzern Grupo Carso - ein bunter Mix aus Einkaufszentren, Hotels, Autozulieferer, Fabriken, Bergwerken und Baufirmen. Es gibt kaum einen Mexikaner, der nicht zu den Kunden seines Firmengeflechts gehört. Slims Reichtum entspricht acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Jede zweite Aktie, die in Mexiko gehandelt wird, gehört zu seinem Konzern.

Slim wurde am 28. Januar 1940 in Mexico City als fünftes von sechs Kindern libanesischer Einwanderer geboren. Sein Vater Julián Slim Haddad war ein maronitischer Christ, der 1902 als Jugendlicher vor der Militärregierung des Osmanischen Reiches aus dem Libanon nach Mexiko floh. Slim bezeichnete seinen Vater, in dessen Geschäft er seit seinem achten Lebensjahr mithalf, als seinen wichtigsten Lehrer in Management, Verkauf und Finanzierung. Im Alter von zwölf Jahren kaufte er seine erste Aktie, mit 17 machte er seine erste Million. Slims Mutter Linda Helú entstammte einer anderen reichen libanesischen Händlerfamilie. Als Julián Slim Haddad 1952 starb, hinterließ er seiner Familie ein kleines Immobilienvermögen, das Slim später als Grundlage für seinen Karriere als Investor nutzte. Nach seinem Studium zum Bauingenieur begann er damit, angeschlagene und staatliche Unternehmen billig aufzukaufen - er sanierte sie und stieß sie teuer wieder ab.

1990 erhielt er den Zuschlag für Telmex, der ihn reich machte. Im Zusammenhang mit dem Kauf wurden Gerüchte laut, dass die Freundschaft zum damaligen Präsidenten Carlos Salina eine Rolle gespielt habe. Dies hat Slim stets bestritten. Fakt ist, dass 1,8 Milliarden US-Dollar ein sehr günstiger Preis für ein Unternehmen waren, dessen Wert auf etwa zehn Milliarden Dollar geschätzt wurde.

Die Telefonkosten stiegen danach dramatisch. Slim konnte immer wieder Konkurrenz im Telefonsektor erfolgreich verhindern - mal juristisch, mal durch seine Kontakte in die Politik. Die Preise zählen heute zu den höchsten der Welt. Für Kritiker ein Paradebeispiel einer gescheiterten, zu einem Monopol führenden Privatisierung.

Slim war mit Soumaya Domit verheiratet, die 1999 starb. Erst nach ihrem Tod und nach einer schweren Herzerkrankung begann er, sich sozial zu engagieren. Besonders Kinder liegen dem sechsfachen Vater am Herzen. Der Stiftung ALAS, die sich für Bildung einsetzt, hat er mehr als 100 Millionen Dollar gespendet. Er gründete sie zusammen mit Popstar Shakira. Kritiker sagen, Slim verteile nur einen geringen Prozentsatz dessen, was er den Leuten vorher aus der Tasche gezogen hat. In deren Bild würde dann auch passen, dass Microsoft-Gründer Gates ohne sein umfangreiches karitatives Engagement noch ein wesentlich größeres Vermögen angehäuft haben könnte - mehr als 80 Milliarden Dollar. Damit wäre er immer noch auf Platz eins.