Der teure Flirt mit einem Phantom

So ködern unseriöse SMS- Partner-Börsen ihre Kunden

Foto: siehe Caption / iPhone: Berthold Fabricius/ iPhone Display : dpa Montage

Tausende Männer fallen bei der Partnersuche per SMS auf unseriöse Anbieter herein. Zum Beispiel bei "Kathrin", 29 Jahre alt, blond mit Traumfigur.

Markus lässt einfach nicht locker. Er will seine Kathrin aus Soltau jetzt unbedingt treffen, nachdem es schon dreimal nicht geklappt hat. Immer wieder hat sie - die "1,76 Meter große, blonde 29-jährige Krankenschwester mit der Traumfigur" - die Verabredung mit dem Hamburger platzen lassen: Einmal hatte sie diese "blöde Grippe", dann gab es einen Wasserrohrbruch, und das dritte Date scheiterte, weil sie überraschend für eine Kollegin auf der Intensivstation einspringen musste ...

"Ich freu' mich so. Wo wolln wir uns den treffen Schatz?", tippt Kathrin in das SMS-Chatprogramm auf ihrem PC ein. Sie schickt die SMS an Markus ab, lehnt sich entspannt zurück und zündet sich eine Zigarette an. "Kleine Tippfehler und keine Kommas machen die SMS glaubwürdiger", sagt die Frau, die im wirklichen Leben Maren heißt und tatsächlich mehrere "große Enttäuschungen" hinter sich hat.

16 Prozent aller Paare, die heute in Deutschland zusammenleben, lernten sich über das Internet kennen, hat eine Single-Studie des Portals parship.de ergeben.

Kathrins/Marens Kurzprofil mit dem Foto einer anonymen Schönen findet sich gleich in fünf verschiedenen SMS-Chat-Portalen, die offenbar alle vom selben Unternehmen ins Netz gestellt wurden. Drei Kinder von zwei Männern; die Kerle haben sich aus dem Staub gemacht und zahlen keinen Cent Unterhalt. Daher musste die dunkelhaarige Kathrin/Maren, 38 Jahre, gerade mal 1,65 Meter kurz und um die 68 Kilogramm schwer, nicht einmal schwindeln, als sie vor sechs Monaten damit begann, für diverse SMS-Chat-Anbieter als freie "IKM" zu jobben - als "Internet-Kontakt-Mitarbeiterin", ein ziemlich mies bezahlter Job. Allerdings ein Job mit Zukunft, so wie es aussieht.

Zurzeit gibt es in Deutschland 15 SMS-Single- und -Partnerbörsen-Portale mit jeweils über einer Million Mitgliedern.

"Ich muss ja sehen, mit den Kindern finanziell über die Runden zu kommen", sagt Kathrin/Maren, "und ich hab ehrlich gesagt keine Zeit, um darüber nachzudenken, ob ich nun fies bin oder nicht."

Ihr Büro ist auch ihr Schlafzimmer. Auf dem leichten Schreibtisch aus Fichtenholz vom Möbeldiscounter steht ein Laptop mit zusätzlichem Flachbildschirm. Ein halblautes "Ping" ertönt: Markus hat ihr geantwortet, seine SMS erscheint auf dem Bildschirm: "Wann und wo, Süße?"

Kathrin/Maren legt ihre Stecki-Zigarette im Aschenbecher ab. "Mach du nen vorschlag. Disco?", antwortet sie.

"Erst mal essen gehen?", schreibt Markus prompt zurück. Er hat sich als 36-jähriger eheerfahrener Lagerfacharbeiter beschrieben, kinderlos und getrennt lebend, auf der Suche nach einer "ehrlichen und treuen Frau". Welches Spiel da gerade mit ihm gespielt wird, ahnt er offenbar noch nicht.

Wieder ein "Ping". Ein neuer Kunde?

"Nö", meint Kathrin/Maren, "das ist Hubert aus Kiel. Der ist 67 und kapiert gar nichts. Er ist Witwer, aber was der sich einbildet ..." Für jede SMS, die sie ihren ebenso ahnungslosen wie einsamen "Kunden" entlockt, kassiert die "Profi-Chatterin" sieben Cent. Die liebeshungrigen Männer, die von einem Treffen und mehr mit der hübschen, aber imaginären Krankenschwester Kathrin träumen, zahlen 1,99 Euro pro SMS. Den großen Reibach machen also die Chatbetreiber und die Telefonanbieter. Bis Markus und Hubert und all die anderen es irgendwann vielleicht doch einmal begreifen, dass sie nach Strich und Faden abgezockt werden.

Die Betreiber der Flensburger MintNet GmbH sollen 700 000 Handynutzer mit falschen Kontaktanzeigen um 46 Millionen Euro geprellt haben. Der Prozess vor dem Kieler Landgericht läuft voraussichtlich bis 2011.

Kathrin/Maren hat "ihrem Markus" inzwischen 16 weitere SMS à 1,99 Euro entlockt. Immer schön den SMS-Chat am Laufen halten. Auf jeden Fall jede Antwort mit einer Frage an den Kunden beenden. So hat es ihr der Chef ihrer Firma beim 90-minütigen telefonischen Einführungsseminar eingeschärft. Und: Nie darf es zu einem Treffen kommen.

Kathrin/Maren spürt inzwischen, wann sie aufhören muss, Fragen zu stellen. Bloß nicht zu gierig werden. Sie verabredet sich mit Markus am kommenden Sonnabend in Hamburg-Harburg um 19 Uhr im Blockhouse. Harburg liegt zwar nicht ganz auf der Mitte zwischen Hamburg-Rahlstedt und Soltau, aber Kathrin/Maren möchte "ihrem Schatz" ausnahmsweise "ein wenig entgegenkommen". Doch am Sonnabendmorgen wird sie Markus wie immer kurzfristig absagen. Wahrscheinlich wegen eines kleinen Autounfalls. Nichts Ernstes, aber dafür sehr, sehr ärgerlich. Immerhin: Sie würde nicht schuld sein. Aber Markus wird ganz bestimmt fragen. Sie wird ihm antworten und ebenfalls Fragen stellen. Und dann, spätestens am darauffolgenden Wochenende, würde es mit ihrem Date ganz bestimmt klappen. Da habe sie auch frei.

Hubert, der einsame Witwer aus Lübeck, war mit 20 SMS heute etwas kurz angebunden, aber dafür hat Kathrin/Maren mit dem 52-jährigen selbstständigen Handelsvertreter Jürgen aus Fallingbostel einen neuen Kunden gewonnen. "Das ist allerdings ziemlich blöd", sagt sie, "weil Außendienstmitarbeiter häufig unabhängig sind und sich ihre Zeit frei einteilen können." Das heißt, sie wird sich ziemlich gute Ausreden einfallen lassen müssen, um Jürgens Besuchswünsche einerseits konsequent abzublocken, ohne ihn jedoch schnell zu verlieren. "Sieben Cent pro SMS sind dafür eigentlich zu wenig", findet Kathrin/Maren, deren drei Kinder inzwischen aus der Schule eingetrudelt sind. Es gibt heute Fischstäbchen mit Instant-Kartoffelpüree und hinterher Fruchtpudding. "Mal läuft es schlechter, mal besser mit dem Chatgeschäft", erzählt die "IKM" und zündet sich noch eine Zigarette an, "aber die Hartz-IV-Regelsätze sind eben einfach zu niedrig. Da komm ich echt nicht mit aus."

Ganz zu Anfang ihrer IKM-Karriere hat sie mal drei Wochen lang als Profi-Telefonistin gearbeitet. Für 35 Cent pro Minute. Da kam sie dann aber selbst nicht mit klar: wegen ihrer Kinder in der kleinen Wohnung ...

48,62 Prozent aller User einer großen Single-Börse haben zugegeben, zu schummeln, wenn sie sich selbst beschreiben.

Frank, 55 Jahre, ehemaliger Polier und seit einem Arbeitsunfall auf dem Bau vor viereinhalb Jahren Frührentner, hat sein Schicksal inzwischen akzeptiert. "Tanzen geht nicht mehr", sagt er, "und kurz nach dem Bein habe ich auch meine Frau verloren. Sie ist über Nacht weg, weil sie noch was vom Leben haben wollte", erzählt er. Frank hatte sie aus Thailand mitgebracht, 2002 war das gewesen. Sie war knapp 20 Jahre jünger als er - und viele Kilos leichter.

Als Frank die Decke seiner Wohnung in Hamburg-Hamm auf den Kopf fiel, hat er einen Computer gekauft und sich schlaugemacht. Auf seine Weise: Inzwischen pokert er regelmäßig im Netz, geht ab und zu auch ins benachbarte Online-Kasino zocken. "Aber nie wieder", sagt er ächzend, "rufe ich bei einer Sexadresse an." Das Verlangen sei natürlich da. Aber das Kennenlernen sei eben so schwierig für einen wie ihn. "Und zu einer Professionellen gehe ich nicht."

"Single Flirt! Keyword-Eingabe + Postleitzahl!" Mit Werbung im Teletext wird dem potenziellen Kunden gleich die Postleitzahl entlockt und dem Betreiber damit der Wohnort mitgeteilt.

Wenn schon eine Partnerin, dann sollte sie auch was fürs Auge sein, was man umgekehrt von Frank vielleicht nicht behaupten kann. Er ist der klassische Pykniker, gedrungen, mit schmalem Brustkorb, einem dicken Bauch und einem runden Kopf auf einem ziemlich kurzen Hals. Und dazu kommt die Beinprothese, obendrein auch noch Diabetes. "Nee", meint er in einem Anflug von Selbstkritik, "im Grunde hätte ich es natürlich viel früher merken müssen, dass Carola mich bloß verarscht ..."

Beim Fernsehen, spätnachts war Frank auf ein Paar "dicke Dinger" angesprungen und hatte kurz entschlossen zum Telefon gegriffen. "Die Frau war echt nett", erinnert er sich. "Sie hatte eine tolle Stimme und irgendwie viel Verständnis. Ich habe ihr ganz genau erzählt, was mit mir los ist - und da hat es sofort gefunkt. Dachte ich jedenfalls, aber irgendwas kam dieser Carola dann immer dazwischen."

Derzeit gibt es in Deutschland rund 2000 Single-, Partner- und Sexportale mit rund 54,4 Millionen Mitgliedern. Die Zahl der Karteileichen ist unbekannt.

Nach ein paar Wochen der vergeblichen Versuche, sich mit der ominösen Carola persönlich zu verabreden, machte ihn ein Bekannter aus der Spielhalle nebenan auf seinen "Irrtum" aufmerksam. Doch da hatte Frank über die 0900er-Nummer bereits knapp 2200 Euro für seine Gespräche mit seiner Traumfrau ausgegeben. "Was habe ich mich geschämt", erinnert sich der Frührentner, der dank seiner relativ üppigen Berufsunfähigkeitsversicherung wenigstens keine nennenswerten Schulden aufgehäuft hat. "Die war aber echt nett, wirklich. Irgendwie schade, oder?" Frank ist noch mal glimpflich davongekommen.

50 000 bis 100 000 Deutsche sind süchtig nach Online-Sex, berichtet die Gesellschaft für Sexualwissenschaft in Leipzig

Die dubiosen Chatanbieter halten ganz genaue Anweisungen für ihre Mitarbeiter parat: "Profi-Chatter" sollen gegenüber ihren Kunden zum Beispiel solche Berufe angeben, bei denen es - glaubhaft - berufsbedingt zu Terminverschiebungen kommen kann. Am beliebtesten sind "Hebamme" oder "Kinderkrankenschwester" oder auch "Altenpflegerin". Am Anfang der betrügerischen Liaison werden den Kunden zahllose Löcher in den Bauch gefragt. Wie alt? Wie schwer? Machst du Diät? Beruf? Was hast du an? Familienstand? Wo lebst du? Erst nachdem der Kunde seinen Wohnort bekannt gegeben hat, verraten die abgebrühten "Profi-Chatter" ihren eigenen - angeblichen. Sie wählen dafür üblicherweise eine Stadt aus, die etwa 100 Kilometer vom Neukunden entfernt ist. Zu nah darf der fiktive Wohnort nicht liegen, um Fragen des Kunden nach bestimmten Sehenswürdigkeiten, Diskotheken oder Gaststätten zu vermeiden. "Wenn ein Typ irgendwann mit der Polizei oder einem Anwalt droht, breche ich den Kontakt sofort ab", sagt Kathrin/Maren. "Das ist auch eine klare Ansage von der Firma."

Auch sie selbst könnte einen Anwalt gebrauchen. Denn von ihrem letzten Auftraggeber hat sie nur am Anfang ihrer neuen Karriere einmal Geld gesehen. 235 Euro, kurz vor Weihnachten, mit sechswöchiger Verspätung. Das SMS-Chat-Unternehmen aus dem Westfälischen ist inzwischen "nicht mehr erreichbar".