Ansbach: Opfer und Täter außer Lebensgefahr

Amokläufer schrieb vor dem Angriff sein Testament

Abiturient konnte noch nicht befragt werden. Seine Mitschüler können das Geschehene nur schwer verarbeiten.

Ansbach/Hamburg. Kerzen, Blumen und das rot-weiß gestreifte Absperrband der Polizei zeugen noch von dem entsetzlichen Drama, das sich am Donnerstag im fränkischen Carolinum-Gymnasium abspielte. Am Tag nach dem Amoklauf von Georg R. (18) können die Ermittler den Tathergang komplett rekonstruieren. Doch das Motiv des Abiturienten bleibt im Dunkeln. Man weiß nur so viel: Der Schüler hat offenbar in Selbstmordabsicht gehandelt. Er hatte vor der unbegreiflichen Tat sein Testament geschrieben.

Am Freitag korrigierte die Polizei Angaben vom Tattag. Danach war der Amokläufer mit vier Messern, einer Axt und fünf Molotowcocktails in den dritten Stock des Schulgebäudes gestürmt. Je zwei der Brandbomben habe er dann in die voll besetzten Klassenräume einer neunten und zehnten Klasse geworfen, so die Ermittler. Ein 15 Jahre altes Mädchen erlitt bei dem Anschlag Verbrennungen zweiten Grades, schwebt aber nicht mehr in Lebensgefahr. Eine weitere Zehntklässlerin, die Georg R. bei ihrer Flucht aus dem brennenden Zimmer mit seiner Axt schwer am Kopf verletzte, ist nach siebenstündiger Operation im Klinikum Nürnberg ebenfalls außer Lebensgefahr.

Was den Abiturienten zu solch einer Tat getrieben hat, ist hingegen noch immer unklar. Aufgrund seiner schweren Schussverletzungen am Oberkörper musste Georg R. in der Nacht zu Freitag erneut operiert werden. Danach war er noch nicht ansprechbar. Dennoch wurde schon Haftbefehl wegen versuchten Mordes gegen den 18-Jährigen erlassen. Unterdessen wurden bereits die Angehörigen, Freunde und Mitschüler vernommen. Die Ermittler erhoffen sich auch von der Auswertung des Computers des Schülers, den Schulleiter Franz Stark als "introvertiert" charakterisierte, Rückschlüsse auf seine Beweggründe. Fest steht, dass Georg R. bereits in psychotherapeutischer Behandlung war. Wie lange und aus welchen Gründen, wollte die Staatsanwaltschaft allerdings noch nicht mitteilen.

Offensichtlich hatte Georg R. seine Tat seit Längerem geplant. Bei der Durchsuchung des elterlichen Wohnhauses fanden die Ermittler Briefe, in denen er von einer "Apokalypse" sprach. Zudem fanden sie ein beigelegtes Kalenderblatt vom Tattag, auf dem der Eintrag "apocalypse today" (zu Deutsch: Apokalypse heute) stand. In den Schriftstücken seien aber keine konkreten Drohungen gegen bestimmte Personen enthalten, sagte Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger. Am Tattag sollte seine Kollegstufe eigentlich zu einer Klassenfahrt nach Rom aufbrechen. Bekannt wurde, dass kein Mitschüler das Zimmer mit Georg R. teilen wollte. Neben den Briefen fand die Polizei auch ein Testament des 18-Jährigen. Dieses hatte er auf den 11. September datiert - den Tag der Terroranschläge auf das World Trade Center in New York 2001. Die Justizsprecherin: "Zum Motiv kann ich ebenfalls noch keine Auskünfte geben."

Von den Schülern des Carolinum-Gymnasiums hat bisher ein Fünftel die psychologische und seelsorgerische Hilfe in Anspruch genommen. "Die bedrohlichen Bilder der Tat sehen Jungen und Mädchen immer wieder vor ihren Augen", berichtete der Notfallseelsorgeleiter Thomas Barkowski. Viele von ihnen hätten noch Probleme, das Geschehene zu realisieren. Nachdem die Schule am Freitag geschlossen geblieben ist, wurde es den Schülern freigestellt, ob sie am Montag den Unterricht besuchen. Einen Tag nach der Amoktat wird auch harsche Kritik laut. Schüler beklagten, dass zwar ein Feueralarm ausgelöst wurde, sie aber nicht über einen Amoklauf informiert wurden. Viele dachten zuerst an eine Übung.

Die Polizeigewerkschaft wirft der Politik Versäumnisse vor. "Die Landesregierungen müssen endlich ihre Hausaufgaben machen und massiv in Schulsicherheit investieren", sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt. Es fehle vor allem an Schulpsychologen. Der Deutsche Lehrerver- band hält regelmäßige Sicherheitsübungen nach US-Vorbild für nötig. Präsident Josef Kraus: "Wir müssen in Schulen eine Kultur des Hinsehens etablieren."