Supertalent: Mundharmonikamann rührte Millionen

Vom Hartz-IV-Empfänger zum Sieger der Herzen

Als Michael Hirte am Ende sein "Ave Maria" spielte, gab es Standing Ovations - und 100 000 Euro. Hier geht’s zur Bildergalerie.

Hamburg/Köln. Von der kalten Fußgängerzone in die Herzen eines Millionen-Publikums: Michael Hirte (44) aus Kartzow, genannt der "Mundharmonikamann", ist zum "Supertalent" des Jahres gewählt worden. Er gewann die zweite Staffel der RTL-Castingshow, die in der Spitze 7,6 Millionen Zuschauer (Schnitt: 6,1 Millionen) vor die Bildschirme lockte. Zwar mag der ein oder andere der neun Konkurrenten besser gewesen sein, aber Hirte hatte mehr Schicksal zu bieten. Das beeindruckte sogar Jury-Lästermaul Dieter Bohlen (54) so sehr, dass er dem "Oldie" des Finales den strategisch besten Platz am Ende der Show einräumte. Als er "Ave Maria" spielte, gab es Standing Ovations vom Studiopublikum und der Jury. Bohlen: "Du schenkst den Leuten so viel, ich denke, keiner hat es so verdient wie du, hier zu gewinnen." Kurz vor dem Ende der Abstimmung drohte Bohlen sogar: "Wenn Michael es nicht wird, fresse ich diese Jacke auf."

Das Publikum wollte ihm das nicht zumuten, und um 0.24 Uhr fiel die Entscheidung für den "Mundharmonikamann". Michael Hirte fristete sein Leben bisher in Potsdams Fußgängerzone. Nach einem schweren Unfall lag der ehemalige Lkw-Fahrer lange im Koma. Heute hat er ein kaputtes Bein, auf einem Auge ist er blind. Seine Frau konnte das nicht ertragen und verließ ihn. Mit seiner Mundharmonika besserte Hirte sein mageres Dasein als Hartz-IV-Empfänger auf. Geldnot dürfte der arbeitslose Brandenburger nun nicht mehr haben. 100 000 Euro Preisgeld sind ihm sicher. Dazu kommen vermutlich noch Plattenverträge. "Ein Riesentraum geht in Erfüllung. Es ist überwältigend, unfassbar", sagte der einstige Straßenmusiker.

Die zwei Hauptkonkurrenten aus der "Krabbelgruppe" (fünf Finalisten waren minderjährig), die 13-jährige Yosefin Buohler aus Königswinter und der Mini-Hip-Hopper Marcel Pietruch (10) aus Bremerhaven hatten "nur" Talent, aber keine anrührende Lebensgeschichte. Wie sollten sie auch mit ihren jungen Jahren. Yosefin dürfte dennoch Karriere machen, sie hat eine großartige Stimme, und mit ihrer Version von "Hero" konnte sie glatt mit ihrem Vorbild Mariah Carey mithalten. Marcel versetzte mit seinem Tanz nach Michael-Jackson-Manier - allerdings ohne den Griff in den Schritt - vor allem Jurorin Sylvie van der Vaart (30) in Verzückung. Sein Lohn: ein Küsschen von der Schönen.

Auch hier zeigte sich Bohlen anders als in zahlreichen früheren Castingshows erstaunlich milde in seiner Beurteilung der Kandidaten. Weder von ihm noch von seinen Mitjuroren war auch nur ein schlechtes Wort über die zehn Anwärter zu hören. Im Gegenteil: Mit Worten wie "Engel auf Erden" über "junge Granate", "Wahnsinn" oder "wunderschön", wurden die Talente gelobt.

Derwischtänzer Shinouda Ayad (31) aus Kiel, der als Gebäudereiniger ebenso wenig zu den Gutbetuchten gehört wie Hirte, bot zwar eine tolle Leistung, gehörte aber von Anfang an nicht zu den Favoriten. Seine Lebensgeschichte hatte keine Tränenqualitäten. Jongleur Kelvin Kalvus (40) aus Dresden konnte als "liebender Vater" punkten. Das reichte auch nicht für eine deutsche Version der Paul-Potts-Story "vom Handyverkäufer zum Millionär". Hier konnte nur Michael Hirte mithalten: vom Hartz-Empfänger zu Bohlens Herzens-Sieger.

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