Untergang: Auch Wilfried Kehr starb vor 50 Jahren im Atlantik - Briefe, die er kurz zuvor an seine Familie schrieb

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Eigel Wiese

"Ich kann Euch sagen, es ist die Wonne", schrieb der 20-jährige Zimmermann nach Hause. Seefahrt war sein Leben - und wurde sein Tod.

Hamburg. Die See zog ihn unwiderstehlich an. Der gelernte Tischler Wilfried Kehr aus Esslingen am Neckar baute sich sein eigenes Segelboot, er heuerte auf Küstenmotorschiffen an, und mit 20 Jahren erfüllte er sich seinen großen Traum. Er unterschrieb einen Heuervertrag als Jungschiffszimmermann auf dem Segelschulschiff "Pamir", einem der beiden letzten deutschen seiner Art.

Bereut hat Wilfried Kehr seinen Entschluss offenbar nicht. Begeistert und sichtlich beeindruckt schrieb er jede Woche Briefe nach Hause. Sein Bruder Horst Kehr stellte sie jetzt dem Hamburger Abendblatt exklusiv zur Verfügung - 50 Jahre nachdem die "Pamir" in einem Hurrikan im Atlantik unterging und 80 Menschen mit in den Tod riss. Der junge Mann aus dem Binnenland schwärmte von dem Leben auf See:

30. Juni 1957 auf hoher See

"Ich möchte vorwegnehmen, dass es die schönste Zeit war und ist und meine Erwartungen bei Weitem übertroffen sind. Wir leben hier ein Leben, wie es nur wenigen vergönnt ist.

Wir segelten mit einer frischen Brise von England weg durch den Kanal hinein in die Biskaya. Wir waren auf alles gefasst, denn die Biskaya ist wie die Nordsee ein gefürchtetes Gewässer. Aber das Wetter blieb, wie es war: frischer Wind, blauer Himmel und Sonnenschein, und dann unsere weißen Segel, die wir alle gesetzt hatten. Die ,Pamir' legte sich etwas auf die Seite und stürmte mit 10-11 Meilen Fahrt durchs Wasser. So wie sie es schon 50 Jahre lang macht."

Die Fahrt führte weiter südlich, und auch Wilfried Kehr konnte sich dem Zauber der Passat-Region nicht entziehen:

30. Juni 1957 auf hoher See

"Die Passatnächte sind ein unvergessliches Erlebnis. Segel, die vom Mond bleich beleuchtet seltsame Schatten auffangen, das Spiel der Wellen im Mondlicht und das gleichmäßige Rauschen des Windes. Man gibt sich ganz der Stimmung hin, die einen Menschen in solchen Nächten überkommt, wenn in ihm auch nur ein Funke von poetischer Empfindung glimmt."

Die "Pamir" überquerte den Äquator, und auch Wilfried Kehr musste sich wie alle, die diese Linie erstmals kreuzten, den Schikanen der Äquatortaufe unterziehen.

7. Juli 1957 im Südatlantik

"Wir sind jetzt aus der Südostpassat-Region heraus, und ein anderer günstiger Wind hat unser Schiff weitergetrieben. Wir laufen nun schon wochenlang immer schön gleichmäßig wie mit einem Motor. Ich kann Euch sagen, es ist eine Wonne. Diese Woche haben wir übungshalber ein paar Wende-Manöver gefahren. Es ist eine interessante Sache, und man kann die einzelnen Funktionen gar nicht ganz erfassen. Es sind immerhin 32 Segel, die bedient werden müssen. Es war ganz finster, und der Wind orgelte in der Takelage. Da macht es Spaß, in der Takelage zu arbeiten."

Es war beileibe nicht nur eine Schönwetterreise. Bei der Annäherung an die südamerikanische Küste verschlechterte sich das Wetter:

21. Juli 1957, 200 Meilen vor dem La Plata

"Am Montag wurden schon die Wellen kürzer, und die See verfärbte sich grün, was ein sicheres Zeichen von Landnähe ist. Auch sahen wir Seehunde im Wasser. Doch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch frischte der Wind zum Sturm auf, und da wir keine Ladung drin haben, sondern nur 800 Tonnen Sand als Ballast, konnten wir die ,Pamir' nicht mehr segeln und mussten beidrehen. Dadurch trieben wir wieder ein großes Stück hinaus.

Das Meer wurde wieder grau, und riesige Wogen wälzten sich vorbei. Ein gigantischer Anblick. Zusammen mit dem Heulen des Sturms ein unvergessliches Erlebnis."

Die Briefe Wilfried Kehrs in die Heimat gaben seiner Familie lebhafte Einblicke in das Bordleben. Darin beschreibt er auch seine Arbeiten als Schiffszimmermann:

21. Juli 1957, 200 Meilen vor dem La Plata

"Die Arbeit macht mir sehr viel Freude. Hermann, der 1. Zimmermann, ist nur wenig älter als ich, und ich komme gut mit ihm aus. Der Schiffszimmermann an Bord genießt ein hohes Ansehen, was auf der einen Seite von seiner Persönlichkeit abhängig ist, auf der anderen Seite wird man aber durch diesen Beruf zu einer Persönlichkeit gemacht . . . Wir führen ein vollkommen freies Leben. Da der Zimmermann eine Respektsperson sein muss, müssen wir auch öfter den wilden Mann spielen."

Die Beladung des Schiffes mit Gerste als Schüttgut zog sich länger hin als erwartet, denn die erfahrenen Stauer streikten. Wilfried Kehr beobachtete:

6. August 1957, Buenos Aires

"Die Hafenarbeiter streiken immer noch. Das sind übrigens ganz tolle Gestalten . . . Am Sonntag hieß es, es sollen Soldaten kommen . . . Jetzt sind wir selber in die Luken gegangen zum Trimmen. Ja, so ist das hier. Wenn wir so weiterarbeiten, laufen wir vielleicht noch Ende dieser Woche aus."

Nachdem die "Pamir" in Buenos Aires ihre Ladung übernommen hatte, nahm sie wieder Kurs auf die Heimat. Am 15. September 1957 schickte Wilfried Kehr über den Bordfunker ein Glückwunsch-Telegramm an seine Eltern, die in derselben Woche Geburtstag feierten. Es war das letzte Lebenszeichen, das sie erhielten. Am 21. September fiel der Hurrikan "Carrie" über das Schiff her und versenkte es. Nach Tagen bangen Hoffens stand fest - Wilfried Kehr war nicht unter den Überlebenden. Er hatte seine Liebe zur See mit dem Leben bezahlt.