"Katrina": Auch zwei Jahre danach sitzen die Wunden, die der verheerende Hurrikan hinterlassen hat, noch tief

New Orleans - die Stadt der zwei Gesichter

Morgen besucht US-Präsident Bush die Metropole am Mississippi. Er wird Resignation und Misstrauen vorfinden - aber auch die ungebrochene Freude am Jazz und Menschen wie Jenga Mwendo, die ihr Schicksal in die eigene Hand genommen haben.

New Orleans. Riesige Werbetafeln säumen die Interstate 10, die von Westen nach New Orleans führt: "New Orleans is coming back. Will You?" Die eindringlichen Slogans bringen es auf den Punkt: In der Stadt am Mississippi gibt es nur noch ein "Davor und Danach". Vor und nach "Katrina", dem Hurrikan, der am 28. August 2005 alles zerstörte. Der gewaltige Wirbelsturm riss 1836 Menschen in den Tod und richtete einen Sachschaden von bis zu 100 Milliarden US-Dollar an - die bislang teuerste Naturkatastrophe in der Geschichte der USA.

Seither ist das Telefonbuch von New Orleans um ein ganzes Stück leichter geworden, geschrumpft auf weniger als die Hälfte der Seiten - so wie die Anzahl der Einwohner selbst. In New Orleans leben heute etwa 200 000 bis 270 000 Menschen, vor der Katastrophe waren es fast 500 000. Ist diese Stadt wirklich zurück?

Der Name Jenga Mwendo findet sich noch nicht im örtlichen Telefonbuch, erst im März ist die 28-Jährige mit ihrer Tochter Azana aus New York in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Sie erinnert sich nur ungern an den 29. August 2005 - jenen Tag, der ihr Leben von Grund auf veränderte. An die Stunden in New York vorm Fernseher, das schweigende Telefon, an das über Tage andauernde, zermürbende Warten auf ein Lebenszeichen ihrer Familie.

Jenga entscheidet sich, den gut bezahlten Job als Web-Designerin in einem Filmstudio aufzugeben, ihre persönlichen Sachen zu verkaufen und in ihre Heimat zurückzugehen. "Ich wollte Teil des Guten sein, das in die Stadt zurückkommt. Ich hatte viel gelernt und wollte New Orleans etwas zurückgeben." Jenga ist Swahili und heißt "aufbauen".

Jetzt wohnt sie mit Tochter Azana und Mutter Nilima in einem winzigen 1-Zimmer-Apartment im Treme Distrikt, keine fünf Minuten vom French Quarter entfernt, dem Vorzeige-Viertel der Stadt. Dort pulsiert das Leben wie eh und je, der Tourismus floriert wieder in der Stadt, von den Folgen des Hurrikans ist hier nichts zu spüren. Nur wenige Straßenzüge weiter sieht das ganz anders aus - New Orleans, die Stadt der zwei Gesichter.

Im Osten liegt der Lower 9th Ward, eine früher dicht besiedelte und überwiegend von Schwarzen bewohnte Gegend. Das Viertel ist am schlimmsten von der Katastrophe betroffen. Hier in der Holy Cross Neighborhood, dem am Mississippi gelegenen Teil des Lower 9th Ward, steht Jengas Haus. Sie hat es im Juli 2005 gekauft.

Vier Tage in der Woche fährt Jenga dorthin. Auf dem Weg verliert sie sich in einer staubigen Kolonne schwer beladener Fahrzeuge - New Orleans ist eine Baustelle. Je weiter man nach Osten kommt, umso trostloser wird die Gegend. Der Geruch der Katastrophe hängt noch in der Luft, kaputte Häuser stehen am Straßenrand, verlassen und zugenagelt und immer noch mit den Markierungen versehen, die die Nationalgarde auf der Suche nach Überlebenden hinterlassen hat.

Der Lower 9th Ward gleicht einer Geisterstadt. Vor einem Jahr hingen hier die Autos in den Bäumen, standen die Überreste weggetriebener Häuser am sichtbar falschen Platz. Die Bulldozer haben inzwischen ganze Arbeit geleistet. Dort, wo einmal Häuser standen, führen Treppenstufen ins Nichts. Das wieder sprießende Grün lässt die Gegend fast friedlich erscheinen - doch für die, die hier alles verloren haben, ist es ein falscher Frieden.

Jenga hat sich in den Kopf gesetzt, ihr Haus allein wieder aufzubauen. Von finanzieller Unterstützung durch den Staat - wie etwa durch das Road Home Program - ist sie ausgeschlossen, da sie im August 2005 nicht in New Orleans gemeldet war. Auch die Versicherung tut sich schwer. So macht Jenga bis auf Elektroinstallationen und Klempnerarbeiten alles allein.

Einen Crashkurs in Sachen Hausbau bekommt sie jeden Donnerstag, wenn sie mit dem Team des St. Bernard Project unterwegs ist - einer der vielen Organisationen in New Orleans, in der Freiwillige von überall her beim Wiederaufbau helfen. Warum lässt sie sich nicht selbst vom Project helfen? "Es ist nicht so, dass mein gesamtes Leben durch eine Flut fortgespült wurde", sagt Jenga. "Den wirklichen Opfern von ,Katrina' wurde über Nacht alles genommen, sie hatten keine Wahl."

Jenga ist die Erste in ihrer Straße, die zurückgekehrt ist. Den Schlamm und die verrotteten Reste des Inventars haben sie und ihre Mutter schon beseitigt, aber Schimmel hat sich in den Wänden eingenistet. Die müssen raus. Nilima und Jenga schützen sich notdürftig mit Brillen und Mundschutz, dann versinken sie für Stunden in ihrer monotonen Arbeit, spüren weder Hunger noch die schmerzenden Muskeln. Unbeirrt hacken die zwei schmalen Gestalten, als gelte es, den ganzen Kummer, die Ohnmacht und die Wut gleich mit herauszureißen.

Im Hintergrund läuft WWOZ, der lokale Radiosender. Es ist Jazzfest in New Orleans - und John Boutte lässt jedem, der zuhört, mit seiner Interpretation von "A Change Is Gonna Come" die Tränen in die Augen steigen. In diesem Moment fallen die ersten dicken Tropfen, ein Gewitter grollt los. Innerhalb von Sekunden wird die Straße vorm Haus zum Fluss: Das komplizierte Pumpensystem unter der Stadt ist überfordert - wie so vieles in dieser Stadt.

Das Vertrauen in die Sicherheitsvorkehrungen der Stadt hat die Menschen hier ohnehin längst verlassen. Die Dämme, deren Wartung im Verantwortungsbereich der US-Regierung liegt und die im Sturm so kläglich versagt haben, sind gerade einmal auf das Niveau von "Vor-Katrina" wiederhergestellt. Sollte ein neuer Hurrikan New Orleans treffen, ist die Stadt verloren.

Morgen, am Jahrestag der Katastrophe, werden amerikanische Politiker der Stadt ihre Aufwartung machen, auch US-Präsident George W. Bush wird kommen. Er halte sein Versprechen, den Menschen der Region "beim Wiederaufbau ihres Lebens und ihrer Wohnorte" beizustehen, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses. Doch auf die Bush-Regierung, den Staat Louisiana und die Stadtverwaltung ist hier keiner gut zu sprechen.

Es geht um Versagen einer Regierung im Katastrophenfall, um Korruption, um Fehler der Behörden vor Ort, um bürokratische Hürden für Hilfebedürftige, um die schleppende Auszahlung von Bundesmitteln. Den Zuschlag beim Wiederaufbau bekommen Großinvestoren wie Donald Trump, der im Downtown Business Distrikt sein Millionenprojekt Trump-Tower verwirklichen wird. Der Bau von Luxusapartments und Hotels soll die Touristen in die Stadt zurückholen.

Im Radio erklingen die letzten Takte vom Jazzfest. Viel spannender als das jährlich verordnete Riesenspektakel selbst aber sind die vielen spontanen Sessions am Abend. In den Bars und kleinen Kneipen dieser Stadt wird diese Mischung aus Funk, Jazz und Blues zelebriert, die Kummer vergessen lässt. Allerdings - das Leben der Musiker in New Orleans ist nach "Katrina" nicht leichter geworden.

Es gibt kaum Wohnraum, die Mieten haben sich seit dem Sturm verdoppelt. Viele haben ihre Instrumente verloren, die meisten Kneipen, in denen sie früher auftreten konnten, sind geschlossen. Zudem sorgen die Behörden mit dem Verbot von Straßenmusik im French Quarter auf ihre Art für Ruhe und Ordnung.

An diesem Abend klingen von der St. Augustin Church wilde Jazz-Rhythmen herüber. Eine Parade zieht durch das Viertel, allen voran eine Mini-Brassband und Tänzer, das Stampfen der Tuba gibt den Takt vor. Ein Jazz-Funeral: In New Orleans zelebriert man den Abschied von den Toten. Nilima, Jenga und Azana schließen sich der Second Line an: "Für uns in New Orleans ist der Tod der Höhepunkt eines reichen Lebens und ein Grund, ausgelassen zu feiern. So zeigen wir, wie sehr wir den Verstorbenen geliebt haben." Jengas Großmutter ist wenige Tage nach "Katrina" gestorben. Sie hat die Strapazen um die Evakuierung und den Schock über den Verlust ihres New Orleans nicht überlebt. Jenga quält der Gedanke, dass es fast zwei Jahre nach ihrem Tod noch keine offizielle Beerdigungsfeier gegeben hat. Sie möchte sich würdig von ihrer Großmutter verabschieden.

"Will New Orleans be back?" Jenga ist sich da ganz sicher. Anders als vorher, und es werde lange dauern, sagt sie. Alles stehe und falle mit den Menschen, die hier leben wollen - an einem Ort der Möglichkeiten und des Neuanfangs.