Urvater Abraham - warum seine Söhne Feinde wurden

Religionskonflikte: Moslems, Christen und Juden eint derselbe Ursprung - was macht eine Aussöhnung so schwer? Nicht biblisches Zeugnis, sondern seine Deutung betont das Trennende der Religionen - bis hin zur flammenden Empörung über den Papst.

Hamburg. Die Kulisse wirkt alltäglich, doch der Vorgang ist von weltgeschichtlicher Dimension. Ein paar Zelte am Rand des Sinai, im spärlichen Grün weiden Rinder, Schafe und Ziegen. Ein alter Mann gibt einer jungen Sklavin ein paar Brote und einen Schlauch Wasser. Dann schickt er sie und ihren kleinen Sohn für immer fort, hinaus in die Wüste.

Vier Jahrtausende später ringen die Nachkommen der drei um den Vorrang unter den Religionen der Erde. Denn der alte Mann ist Abraham, der erste Monotheist der Menschheit. Aus seinem Glauben entstehen als älteste Schriftreligion das Judentum mit dem Talmud, als bisher am weitesten verbreitete das Christentum mit der Bibel, und als jüngste der Islam mit dem Koran.

Alle drei führen sich auf Abraham als ihren Urvater zurück, alle drei fühlen sich als die legitimen Erben seiner ganz besonderen Beziehung zu Gott: Die Juden als Nachfahren Isaaks, den Abraham nach göttlicher Verheißung mit seiner Ehefrau Sarah noch in hohem Alter zeugt; die Christen als die jüngeren Brüder der Juden; die Araber als Nachfahren Ismaels, des Erstgeborenen Abrahams, geboren von der ägyptischen Magd Hagar, die Abraham später auf Wunsch Sarahs verstieß.

"Nach Isaak sollen deine Nachkommen benannt werden", sagt der Gott des Alten Testaments zum Vater der beiden Jungen, "aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem großen Volk machen." Und der Engel des Herrn prophezeit für Ismael: "Seine Hand gegen alle, die Hände aller gegen ihn!"

In der Bibel kämpfen die Söhne nicht gegeneinander, der Altersunterschied ist zu groß: Bei Isaaks Geburt ist Ismael schon 14. Erst die Lehre des Propheten Mohammed macht sie zu feindlichen Brüdern, und die jüngere Zeit mit ihren blutigen Konflikten betont längst lieber die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten. "Man wird erkennen müssen", sagt Matthias Morgenstern, Religionswissenschaftler und Judaist der Universität Tübingen, "dass die Abrahamsbilder, wie ähnlich und wie miteinander verwoben sie in früherer Zeit auch waren, im Laufe der Jahrhunderte immer weiter auseinander traten und mittlerweile unvereinbar werden."

Das historische Bild dagegen tritt nach zahlreichen archäologischen Entdeckungen der letzten Jahre immer klarer aus dem vorgeschichtlichen Dunkel: Abraham kommt aus der Großstadt Ur, dem New York der Zeit vor 4000 Jahren, Welthafen mit Verbindungen bis nach Indien und China. Sein Vater Terach handelt mit Fleisch en gros, er kauft Vieh von den Nomaden und versorgt damit Städter und Schiffsvolk. Es gibt Lieferscheine und auch schon Steuerbescheide. Abraham studiert Agrarwissenschaften, Betriebswirtschaft und Handelsrecht.

Um näher an seinen Lieferanten zu sein, verlegt Terach die Familienfirma nach Haran in der heutigen Südtürkei, damals ein Zentrum der Fleischproduktion wie später Texas oder Argentinien.

Das Geschäft blüht, auch weil der Chef sich mit Steuersparmodellen auskennt und langfristige Lieferverträge aushandelt, wie sie Archäologen später im größten Keilschriftarchiv der Welt finden: im syrischen Ebla, dem Paris der Alten Welt, wo 200 000 Bürger im Luxus schwelgen, mit goldenen Tellern, Seidenstoffen und kostbaren Gewürzen.

Nach Terachs Tod übernimmt Abraham die Firma. Seine Frau Sarah ist unfruchtbar, die 500 Götter von Haran helfen nicht, da hat der Enttäuschte eine Vision: "Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde", hört er Gott sagen, "ich werde dich zu einem großen Volk machen."

Abraham entscheidet sich für das Neue, das Unbekannte, das Wagnis, und gehorcht. Er verkauft seine Immobilien, legt das Geld in Vieh an und geht auf Wanderschaft. Fortan spiegelt sein Leben das Ringen von Mensch und Menschheit um Gott und den Glauben, seine Stationen sind Fixpunkte auf dem langen Weg zur Erlösung der Welt.

Treue. Jahwe ist ein eifersüchtiger Gott, er besteht auf unbedingter Gefolgschaft. Abraham treibt seine Herden nach Kanaan. Sein Neffe Lot - im Koran ebenfalls ein Prophet - begleitet ihn. In der Nachbarschaft liegen Sodom und Gomorrha, durch den Handel mit Erdpech reich gewordene Großstädte mit allen Versuchungen der Zeit. Abraham widersteht allen, und auch den Götzen.

Vertrauen. Eine Dürre zwingt Abraham nach Ägypten. Dort schummelt er in seinem Asylantrag: Er verschweigt, dass Sarah seine Frau ist und sagt, sie sei nur seine Schwester, denn er befürchtet, von den Ägyptern um ihrer Schönheit willen erschlagen zu werden. Als der Pharao die Wahrheit herausfindet, wird Abraham ausgewiesen. Diese Lüge aus Feigheit bleibt sein einziges Versagen.

Gehorsam. Abraham ist sogar bereit, Gott seinen Sohn Isaak und damit seine eigene Zukunft zu opfern. Im letzten Moment verhindert ein Engel die Tat - auf einem Berg, den die Gläubigen später dort wiederfanden, wo Salomo seinen Tempel baute, Mohammed in den Himmel ritt und heute der Felsendom steht.

Die wichtigsten Namen der Bibel stehen in Briefen, Urkunden, Gerichtsbeschlüssen und Geschäftsberichten, die Forscher in Kanaans alter Hauptstadt Hazor nicht weit vom See Genezareth fanden. "Die Tontafeln bestätigen alles, was die Schöpfungsgeschichte berichtet", sagt Brian Wood, Archäologe der Universität Toronto. Doch der Glaube benötigt keine wissenschaftlichen Beweise, sondern er strebt nach Zeichen göttlichen Wirkens und findet in jeder Religion andere, je nach Überlieferung und Auslegung.

In der jüdischen Legende folgt Abraham Gottes Ruf nicht erst nach dem Tod des Vaters, sondern nach einem Streit mit ihm: Er stürzt in Terachs Devotionaliendepot und zertrümmert die Götzenbilder. Der Koran berichtet davon in den Suren 19 und 37, in denen Abrahams Vater "Azar" heißt. Noch krasser unterscheiden sich die älteren jüdisch-christlichen Abrahambilder von den jüngeren islamischen in den Szenen von Sexualität und Gewalt:

Die Bibel lässt vermuten, dass Sarah auch Abrahams Schwester war. Jüdische Legende macht sie zu Abrahams Nichte, die islamische nur noch zur Tochter eines Onkels. Nach jüdischer Überlieferung besteht sie auf der Verstoßung Hagars und ihres Sohnes, weil der halbwüchsige Ismael verheirateten Frauen nachstellt. Später nimmt sich Sarah aus Schreck über Isaaks vermeintliches Sterben das Leben; Abraham heiratet daraufhin Hagar.

Die islamische Tradition verlegt Abrahams Opfer mildernd in einen Traum - der Stammvater soll von jedem Makel reingehalten werden: Er ist wie Moses und Jesus ein Vorläufer des Propheten Mohammed und reist nach Mekka, um die Kaaba von den Unreinheiten des polytheistischen Götzendienstes zu säubern.

Je heftiger der Konflikt zwischen den drei Religionen, desto größer das Gewicht der Unterschiede auch im Abraham-Bild. "Auffallend ist, dass die Überlieferungen sich häufig gerade dort, wo sie stofflich ähnlich sind, von der Intention her konträr, ja polemisch gegenüberstehen", sagt Religionsforscher Morgenstern. Feindliche Brüder versöhnen sich besonders schwer, seien sie nun Menschen oder Religionen.

Zur Aufklärung in den westlichen Ländern gehörte die Entwicklung einer wissenschaftlichen Bibelkritik, die, von kirchlicher Bevormundung befreit, auch Unangenehmes, ja sogar Anstößiges aus dem Glaubensgut untersuchen und deuten will. Genau damit aber verletzt die christlich-abendländische Diskussionsfreiheit islamisch-gläubige Gefühle.

"Was, ausgehend von den Berichten der Bibel, etwa über die sexuellen Verfehlungen und Gefährdungen in der Abrahamsfamilie erzählt wird", meint der Tübinger Gelehrte, "muss in traditionell-muslimischen Augen wie eine Verunglimpfung ehrwürdiger Gottesmänner erscheinen, die schlimmer ist als jede Karikatur." Von solchen Empfindlichkeiten ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur flammenden Empörung über einen missverstandenen theologischen Diskussionsbeitrag des Papstes.