Zum Töten gezwungen - die Kindersoldaten von Gulu

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Christophe Pierre Bayer

Uganda-Krieg Die Rebellenarmee verschleppt schon Zehnjährige und läßt sie ihre eigenen Dörfer überfallen. Wer irgendwann seinen Häschern entkommt, wird meist von der Familie verstoßen. Besuch in einem Rehabilitationscamp, in dem Hilfsorganisationen die traumatisierten Kinder auffangen.

Gulu/Uganda. Die anderen Kinder nennen ihn nur "Mr. Serious". Und tatsächlich hat er den Gesichtsausdruck eines Erwachsenen, schaut mißtrauisch drein und hält sich verschlossen zurück. Dabei ist Richard erst 14 Jahre alt. Mit elf war er von den Rebellen der ugandischen Widerstandsarmee LRA (Lord's Resistance Army), einer der brutalsten bewaffneten Gruppen der Welt, entführt und zum Kindersoldaten ausgebildet worden. Jetzt lebt er im Kindersoldaten-Rehabilitationszentrum in Gulu; dort versucht man, ihn auf eine bessere Zukunft vorzubereiten.

Richard ist eines von mindestens 25 000 Kindern, die die LRA verschleppt, zum Töten erzogen oder in die Sex-Sklaverei gezwungen hat. Sofern sie überleben und diesem grausamen Schicksal entkommen, kehren diese Kinder schwerst traumatisiert zurück. Sie leiden unter Schlafstörungen, Alpträumen und Depressionen.

Als die Rebellen Richards Dorf überfielen, sperrten sie die Bewohner in ihre Häuser und befahlen ihnen, alle Lebensmittel zusammenzupacken. Einige Hütten wurden mitsamt ihren Bewohnern in Brand gesetzt. Viele, unter ihnen auch Richard und seine Geschwister, wurden gefesselt und gezwungen, die geplünderten Lebensmittel für die Rebellen zu tragen. Sein Vater befand sich zum Zeitpunkt des Überfalls als Soldat der regulären ugandischen Armee irgendwo mit seiner Einheit im Kampf gegen die Rebellen.

Weil die Häscher für gewöhnlich nachts die Dörfer überfallen, findet jeden Abend bei Anbruch der Dämmerung ein bizarres Schauspiel statt: Aus den umliegenden Dörfern strömen, singend und in kleinen Gruppen, Kinder in die relativ sicheren größeren Orte der Region. Zehntausende Kinder hofft man auf diese Weise vor den Rebellen schützen zu können. Sie nehmen dafür jeden Abend und jeden Morgen noch vor der Schule einen Fußmarsch von jeweils bis zu drei Stunden auf sich. Bis vor einiger Zeit waren die Straßen, öffentlichen Plätze und Verandas der Häuser der nächtliche Schlafplatz für diese "Night Commuter Children". Mittlerweile haben verschiedene lokale und internationale Hilfsorganisationen große Zelte für sie errichtet.

Nach seiner Entführung wurde Richard in den Busch verschleppt. "Hier haben mir die Rebellen dann gezeigt, wie man schießt und eine Waffe bedient. Und dann bekam ich auch mein eigenes Gewehr - sogar mit Bajonett", berichtet der Junge. "Vor jedem Kampf haben wir uns mit einem speziellen Zauberöl eingerieben und waren dann für die Kugeln der Feinde unverwundbar." Trotzdem sind viele andere Kinder getötet worden. "Die haben dann nicht genug an das Zauberöl geglaubt, hat uns der Kommandant erklärt."

Richards Geschwister wurden recht bald von den Rebellen freigelassen: "Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht", sagt der Junge. Sein Dorf ist verlassen, und wenn seine Familie noch leben sollte, dann in irgendeinem der 200 Camps für Binnenflüchtlinge (IDP-Camps). Nahezu die gesamte Bevölkerung Nord-Ugandas, etwa 1,7 Millionen Menschen, lebt in solchen Camps. 80 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder. Cholera ist dort an der Tagesordnung, jede Woche sterben 1000 Menschen durch Übergriffe und Krankheiten.

Dabei werden die IDP-Camps von der ugandischen Armee bewacht und sollen Schutz und Sicherheit bieten. Aus Angst vor Überfällen verlassen die Menschen die Camps nicht und sind nicht mehr in der Lage, ihre Felder in ausreichendem Maße zu bestellen. Dabei ist der Norden Ugandas äußerst fruchtbar - vor dem Krieg konnten sich die Menschen hier selbst versorgen. Heute wird nahezu die gesamte Bevölkerung dieser Region durch Lieferungen der Vereinten Nationen ernährt. "Doch auch diese Versorgung ist gefährdet, sollten keine neuen Mittel zum Kauf von Nahrungsmitteln bereitgestellt werden", sagt Ken Davis, Direktor des World Food Programms der Uno.

Niemals sei Richard im Kampf ernsthaft verletzt worden - doch mit gesenktem Blick und einem kleinen Papierschnipsel zwischen seinen Fingern, den er nervös hin und her bewegt, erzählt er von dem Tag, als er ein Aufladegerät für eines der Funkgeräte der Rebellen verloren hat. Zur Strafe wurde ein anderer Junge gezwungen, so lange mit einem Stock auf ihn einzuschlagen, bis sich Richard nicht mehr bewegen konnte. "Ich war am ganzen Körper geschwollen und blutüberströmt. Ich dachte, nun müßte ich sterben", erzählt er.

Eine gängige Methode der Rebellen ist, die Kinder zu zwingen, andere Kinder - oftmals Freunde oder sogar Geschwister - zu schlagen oder zu ermorden. Ebenso ist meist einer der ersten Kampfeinsätze der neuen Kindersoldaten der Überfall auf ihr eigenes Dorf. Denn die Kinder kennen sich in ihrem Dorf aus; sie wissen, wo Nahrungsmittel und andere Wertgegenstände versteckt sind. Dadurch sollen die Kinder zu "richtigen" Rebellen werden. Zudem sollen die an ihrer eigenen Dorfgemeinschaft und Familie begangenen Greueltaten ihnen eine Flucht zurück nach Hause unmöglich machen.

Auch Richard mußte ein anderes Kind, das eine Landmine verloren hatte, mit 50 Stockhieben schlagen. Dieser Junge ist nun ebenfalls im World-Vision-Rehabilitationszentrum für ehemalige Kindersoldaten untergebracht. Mittlerweile verstehe man sich wieder gut, wie Richard anmerkt, denn beide wissen, daß das Verweigern eines Befehls bei den Rebellen der LRA oft mit dem Tod bestraft wird.

Die Kindersoldaten der LRA sind gefürchtet wegen ihrer Grausamkeit und Brutalität bei der Ausführung von Befehlen. Richard erzählt mit leiser Stimme, daß er zusammen mit einem anderen Jungen einen alten Mann mit schweren Stöcken totgeprügelt hat, als sich die Rebellen im Südsudan befanden. "Der Mann wollte einfach nicht verraten, wo die Nahrungsmittel in seinem Dorf versteckt waren. Da ist unser Kommandant ausgerastet und hat uns befohlen, den Mann so lange zu schlagen, bis er sicher tot war."

Richard erlebte zahlreiche Kampfeinsätze. "Immer, wenn wir gegen die ugandischen Regierungssoldaten gekämpft haben, habe ich geglaubt, meinen Vater unter ihnen zu sehen", sagt er. Nach drei Jahren in der Rebellenarmee ergriff Richard während eines Feuergefechts mit Regierungssoldaten die Flucht. Er wurde angeschossen, doch ein älterer Soldat, der ebenfalls floh, kümmerte sich um ihn. Nach tagelangem Fußmarsch erreichten sie einen Posten der ugandischen Armee. Er wurde ausgefragt und in das Rehabilitationszentrum für ehemalige Kindersoldaten gebracht.

Auch die 18jährige Judith lebt im Zentrum. Sie trägt ihr drei Monate altes Kind in ein rosa Tuch gewickelt auf dem Arm. Die Rebellen hatten Judith entführt und als Sex-Sklavin mißbraucht. Sie wurde schwanger. Als sich die junge Frau eines Tages weigerte, dem Verlangen eines Kommandanten nachzukommen, wurden ihr Ohren, Nase und Lippen mit einer Machete abgetrennt. Judith überlebte die schweren Verletzungen, ist jedoch für ihr Leben entstellt.

Für Mädchen und Frauen, die ein solches Schicksal erlebten, ist der Weg zurück in die zivile Gesellschaft besonders schwer. Vielfach werden sie als "Kony-Wives" (Joseph Kony ist der Anführer der LRA) beschimpft und von ihren Familien und Dorfgemeinschaften verstoßen. Die Chancen der jungen Frauen, einen Mann zu finden und zu heiraten - in Uganda Voraussetzung für gesellschaftliche Akzeptanz - sind gering.

Eine der schwierigsten Aufgaben von Hilfsorganisationen wie World Vision und Unicef ist es, die Dorfgemeinschaften und Familien auf die Rückkehr der entführten Kinder vorzubereiten. Nahezu jede Familie im Norden Ugandas ist von dem fast zwei Jahrzehnte andauernden Konflikt persönlich betroffen. Vielfach wollen die Eltern ihre Kinder nicht wieder aufnehmen. In ihren Augen sind die Kinder zwar Opfer der LRA, doch zugleich auch unberechenbare, grausame Täter und brutale Mörder. Geschürt wird diese Angst durch Gerüchte in der Bevölkerung, wonach ehemalige Kindersoldaten nach banalen Streitigkeiten ihre Eltern und Geschwister einfach mit einer Machete erschlagen haben sollen.

Richard fühlt sich mittlerweile im Rehabilitationszentrum für ehemalige Kindersoldaten von Gulu wohl. Doch die fürchterlichen Erlebnisse sieht man ihm deutlich an. Seine Mimik und Gestik erinnert nur wenig an die eines Kindes. "Ich wünsche mir, wieder zur Schule gehen zu können - und daß die grausamen Träume vom Krieg endlich aufhören."

Der Autor Christophe Pierre Bayer (29) lebt in Hamburg. Er hat Medizin studiert und für seine Doktorarbeit zum Thema "Psychische Gesundheit ehemaliger Kindersoldaten" mit 170 ehemaligen Kindersoldaten im Osten der Republik Kongo und in Nord-Uganda gesprochen. Neben Medizin studierte Bayer an der Bucerius Law School in Hamburg und schloß mit dem Bachelor of Law ab. Sein Studien- schwerpunkt war das Völkerrecht, insbesondere beschäftigte er sich mit den Rechten von Kindern in bewaffneten Konflikten.