Terroranschlag vor 40 Jahren

Deutscher Neonazi half Olympia-Attentätern

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Ein Deutscher vermittelte den Palästinensern im Sommer 1972 unter anderem einen Passfälscher, zeigen die Verfassungsschutzakten.

München. Fast 40 Jahre nach dem Terroranschlag auf die Olympischen Spiele von München sind überraschend neue brisante Details bekannt geworden. Danach hatten die palästinensischen Terroristen der Gruppe Schwarzer September bei ihren Anschlagsvorbereitungen Helfer aus der deutschen Neonazi-Szene. Das berichtet der "Spiegel" unter Berufung auf jüngst freigegebene Akten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV).

In dem mehr als 2000 Seiten umfassenden Konvolut befinde sich unter anderem ein Fernschreiben, das die Dortmunder Kriminalpolizei rund sieben Wochen vor dem Anschlag vom 5. September an den Verfassungsschutz geschickt habe. Darin heiße es, dass sich ein Mann "arabischen Aussehens" mit dem Namen Saad Walli konspirativ mit dem deutschen Neonazi Willi Pohl getroffen habe.

Dieser wiederum habe gegenüber seinem damaligen Arbeitgeber mit Kontakten zum radikalen Flügel der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) geprahlt. Saad Walli sei ein Deckname des palästinensischen Terroristen Abu Daud gewesen, des Drahtziehers des Olympia-Anschlags, schreibt der "Spiegel". In den Unterlagen finden sich dem Bericht zufolge keine Hinweise darauf, dass die von der Dortmunder Polizei informierten Landeskriminalämter, das Bundeskriminalamt oder der Verfassungsschutz etwas unternommen hätten, um Daud zu finden. So habe dieser sich unbehelligt in Deutschland aufhalten und die blutige Aktion im olympischen Dorf vorbereiten können. Der Neonazi Pohl habe Abu Daud nicht nur einen Passfälscher vermittelt, sondern ihm auch anderweitig geholfen.

Pohl, der heute unter anderem Namen als Krimiautor arbeite und sich schon vor Jahrzehnten vom Terrorismus losgesagt habe, sagte dem Nachrichtenmagazin: "Ich habe Abu Daud quer durch die Bundesrepublik chauffiert, wo er sich in verschiedenen Städten mit Palästinensern getroffen hat." Pohl sei sich deshalb nahezu sicher, dass er seinerzeit unwissentlich in die Vorbereitung des Olympia-Attentats eingebunden gewesen sei.

Das Attentat hatte in den frühen Morgenstunden des 5. September 1972 mit der Geiselnahme von elf israelischen Athleten und Betreuern im olympischen Dorf begonnen und weltweit Entsetzen ausgelöst. Zwei Geiseln wurden sofort ermordet. Die Palästinenser wollten mit der Aktion die Freilassung von 232 Kampfgenossen aus israelischen Gefängnissen erzwingen.

Nach langen Verhandlungen, an denen auch der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) beteiligt war, brachten zwei Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes die acht Palästinenser und die noch lebenden Geiseln zum Fliegerhorst Fürstenfeldbruck bei München, wo eine Passagiermaschine wartete, um sie - wie von den Terroristen verlangt worden war - nach Kairo auszufliegen. Was diese nicht ahnten: Der Tank der Boeing 727 war fast leer.

Doch der Plan der deutschen Sicherheitsbehörden, in Fürstenfeldbruck die Geiseln zu befreien, mündete in ein furchtbares Massaker. Während einer zweistündigen Schießerei, bei der die Geiselnehmer auch Handgranaten einsetzten, wurden alle Geiseln sowie fünf Terroristen und ein deutscher Polizist getötet.

Als Palästinenser später Racheaktionen planten, soll laut "Spiegel" wieder Neonazi Pohl geholfen haben. Im Auftrag des PLO-Geheimdienstchefs Abu Ijad habe er Geiselnahmen im Kölner Dom und in Rathäusern deutscher Großstädte vorbereiten sollen.

Ende Oktober 1972 nahm die Polizei Pohl und einen Komplizen in München fest. Bei ihnen fand man nicht nur Maschinenpistolen und Handgranaten, sondern auch einen Drohbrief des Schwarzen Septembers an einen Richter, der gegen die drei überlebenden Terroristen von München ermittelte.

Einen entscheidenden Beleg für Pohls Zusammenarbeit mit den Palästinensern fand die Polizei, so der "Spiegel", in den sichergestellten Handgranaten. Dabei habe es sich um eine seltene Bauart gehandelt, bei der belgische Gehäuse und schwedischer Sprengstoff verwendet wurden und die nur für Saudi-Arabien produziert worden seien. Mit baugleichen Granaten hätten die palästinensischen Terroristen in Fürstenfeldbruck ihre israelischen Geiseln ermordet.

( (dpa, HA) )