Gesundheitsreport

Jeder vierte Deutsche ist fettsüchtig

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Ulrike von Leszczynski

Kleidergröße XXL: Der neue Gesundheitsreport zeigt, dass auch Depressionen zusammen mit dem Gewicht zunehmen, vor allem bei jungen Menschen.

Berlin/Dresden. Kleidergröße XXL und jede Woche eine Sitzung beim Psychologen - ist Deutschland auf dem Weg zu amerikanischen Verhältnissen? So überspitzt und düster wollen Wissenschaftler und Politiker die brandneuen Daten aus Deutschlands wichtigstem Gesundheitsreport auf keinen Fall interpretieren.

Gleichwohl klingen die Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) bei der gestrigen Präsentation des bundesweiten Gesundheitsreports für Erwachsene (DEGS) doch erschreckend: Rund ein Viertel der Deutschen ist inzwischen so dick, dass die Fettpolster die Gesundheit ernsthaft bedrohen können. Nahezu jeder vierte Mann und jede dritte Frau haben zumindest zeitweilig psychische Probleme. Bereits vier Prozent der Befragten hatten ein Burn-out, oft durch ihren Job.

Die genauen Gründe für all diese Entwicklungen können die Gesundheitsforscher noch gar nicht nennen. Zu neu sind die Zahlen, die nach der ersten großen Erhebung 1998 nun zwischen 2008 und Ende 2011 erhoben wurden. Untersucht und befragt wurden rund 8000 Erwachsene aus allen Teilen der Gesellschaft. Überrascht hat die Forscher der deutliche Trend zur Fettleibigkeit. Der Body-Mass-Index (BMI) als Verhältnis von Körpergewicht und Körpergröße ist bei etwa einem Viertel der Bevölkerung völlig aus den Fugen geraten - auf einen Wert über 30. Bereits ein Wert ab 25 zählt als Übergewicht. Das Dicksein hat in Deutschland auch mit der gesellschaftlichen Stellung zu tun. Menschen mit guter Bildung sind schlanker als sozial Schwache.

+++ Stress im Job schlägt auf das Herz +++

Die neuen Ergebnisse zu seelischen Erkrankungen bewerten Politik und Wissenschaft noch sehr vorsichtig. Denn die Ursachen für die Zunahme seit 1998 sind noch nicht analysiert. Gibt es wirklich mehr Erkrankungen? Oder gibt es nur mehr Diagnosen, weil das Krankheitsbild jetzt häufiger erkannt wird - auch von zahlenmäßig mehr Psychiatern und Psychotherapeuten? Gesundheitsforscher Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden spricht ganz vorsichtig von Hinweisen, dass bei bestimmten seelischen Störungen "gewisse Zunahmeeffekte" zu erwarten seien. Die neuen Zahlen passen aber in die Jahresberichte vieler Krankenkassen, die längere Fehlzeiten wegen psychischen Erkrankungen melden.

Die Studie deckt noch andere Zusammenhänge auf. Auch Depressionen treffen häufiger Menschen aus sozial schwachen Milieus. Und darüber hinaus wohl auch mehr junge Erwachsene zwischen 18 und 29 als früher. Beim Burn-out gibt es gegenläufige Entwicklungen. Hier steigt die Häufigkeit eher mit dem Bildungsgrad - und es trifft vor allem die Mittelschicht im besten Alter zwischen 40 und 49 Jahren.

Beim Burn-out, das keine medizinische Diagnose wie eine Depression ist, sondern einen allgemeinen Erschöpfungszustand beschreibt, sieht Gesundheitsminister Daniel Bahr (35, FDP), der an der Studie teilgenommen hat, vor allem die Betriebe gefordert - Stichwort Arbeitsverdichtung und Stress. Beim drohenden Fachkräftemangel sei es besonders wichtig, auf Gesundheit und Motivation der Mitarbeiter zu achten. Ingrid Munk, Psychiaterin und Psychologin am Berliner Vivantes-Klinikum Neukölln, kann da nur zustimmen. "Von Führungskräften erfordert das, Arbeitsplätze so human zu gestalten, dass möglichst wenige Mitarbeiter ausfallen. Ein Burn-out hat nicht die Stigmatisierung einer psychischen Erkrankung. Dahinter können sich aber Depressionen verbergen, die behandelt werden sollten."