Indien

Indisches Militär erforscht den Wunder-Yogi

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Anne Dewitz

Foto: AFP

Ein indischer Asket lebt angeblich seit 70 Jahren ohne Wasser und Nahrung. Jetzt soll er Armee-Ärzten Überlebensstrategien liefern.

Ahmedabad. Seit seiner Ankunft im Krankenhaus hat Prahlad Jani, 83, weder gegessen noch getrunken. Das war vor zwölf Tagen. Auch zur Toilette ging er nicht. Der Inder trägt Bart, lange Haare und einen Ring durch die Nase. Ein roter Punkt - das dritte Auge - schmückt seine Stirn. Er ist ganz in Rot gekleidet. Rot repräsentiert Stärke.

Dabei sieht der alte Mann klapperdürr aus. Jani ist nicht krank, er fastet und meditiert. Und möchte man ihm glauben, dann tut er das schon mehr als 70 Jahre. Er könne ohne Nahrung überleben, weil ihn im Alter von acht Jahren eine Gottheit gesegnet habe, erklärt der Hindu, der in dem Dorf Charod im Mehsana-Distrikt von Gujarat aufwuchs. Seine Energie gewinne er allein aus der Meditation. Nicht für jeden erscheint das undenkbar. Denn nun untersucht ein Team von Militärärzten vom staatlichen indischen Verteidigungsinstitut (DIPAS) den Yogi. Sie erhoffen sich Erkenntnisse für das Überleben im Katastrophenfall.

Der alte Mann wird jetzt rund um die Uhr überwacht

Seit dem 22. April steht er in einem Krankenhaus im westindischen Ahmedabad unter Rund-um-die-Uhr-Beobachtung. 30 Ärzte verfolgen jeden seiner Schritte und unterziehen ihn umfangreichen medizinischen Tests. "Die Untersuchungsergebnisse können uns Erkenntnisse zum Überleben ohne Nahrung und Wasser liefern", sagt der Arzt und DIPAS-Direktor Ilavazahagan. "Dies könnte uns dabei helfen, Überlebensstrategien für Naturkatastrophen, unter extremen Stressbedingungen oder bei Raumfahrtmissionen auf den Mond oder den Mars zu entwickeln."

Die Tests umfassen Magnetresonanztomografien, die Messung der Gehirn- und Herzaktivität mit Elektroden und andere neurophysiologische Studien sowie Blutuntersuchungen. 15 bis 20 Tage sollen sie dauern. "Mit den Untersuchungen wollen wir verstehen, woher er die Energie für seine Existenz bezieht", sagt der Mediziner. "Unsere Soldaten werden nicht meditieren können, aber wir würden trotzdem gern mehr über den Mann und seinen Körper herausfinden."

An den Tests nimmt auch der Neurologe Sudhir Shah teil, der Jani bereits 2003 untersuchte. Nach seinen Angaben wird der extrem magere, aber offensichtlich aktive Asket überwacht. "Zwei stationäre 24-Stunden-Video-Kameras sind in seinem Zimmer installiert, eine mobile Videokamera folgt ihm, wann immer er hinausgehen muss", sagt Shah. Ihm zufolge behauptet Jani, auf wundersame und unerklärliche Weise durch ein Loch in seinem Gaumen tropfenweise Wasser zu erhalten. Die Mediziner wollen ihn jetzt noch länger untersuchen.

Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung hält es physisch nicht für möglich, viel länger als vier Tage ohne Flüssigkeitszufuhr zu überleben. Es gebe aber Ausnahmen. In Haiti wurden nach dem verheerenden Erdbeben noch nach sieben Tagen Verschüttete lebend geborgen. Aber diese Fälle glichen einem Wunder. Zwölf Tage ohne Trinken - für Gahl undenkbar. "Unter normalen Lebensumständen gibt der menschliche Körper über Urin, Stuhl, Lunge und Haut 2,6 Liter ab", sagt die Ernährungswissenschaftlerin. "0,3 Liter nehmen wir als Oxidationswasser aus Stoffwechselvorgängen wieder auf. Einen Liter ziehen wir aus fester Nahrung. Den Rest müssen wir durch Trinken ausgleichen." Tun wir dies nicht, ist der Körper nach drei Tagen dehydriert. Ohne feste Nahrung könnte ein Mensch sogar 30 Tage und länger überleben.

Mahatma Gandhi hungerte sich mehrere Male fast zu Tode

Fasten als Teil indischer Kultur wurde durch den Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi bekannt. Gandhi hungerte sich mehrere Male fast zu Tode, als er aus Protest gegen die britische Kolonialherrschaft wochenlang auf Essen verzichtete. Sri Sahaj Muni Maharaj, ein Mönch der Jain-Religion, behauptet, ein Jahr ohne Essen überlebt zu haben, was als Rekord galt. "Wenn du mit etwas beschäftigt bist, fühlst du keinen Hunger, keinen Durst, keine Hitze und keine Kälte", sagte der Mönch. Während seines Rekordfastens bis Mai 1998 nahm er täglich lediglich ein Glas warmes Wasser zu sich.

Fastenzeiten haben auch im Christentum, Judentum und Islam Tradition. Die christliche beginnt Aschermittwoch und endet Ostern. Der Verzicht auf alles ist allerdings selten. Strenge Regeln, wie das Streichen von Fleisch, gibt es kaum noch. Fastende hierzulande stellt schon das Weglassen von Genussmitteln wie Schokolade, Kaffee oder Zigaretten auf eine harte Probe.

( (AFP/abendblatt.de) )