Finkenwerder

Was nach einem Jahrhundert von Gorch Fock bleibt

Heute bekannter als ihr Namensgeber: die Dreimastbark "Gorch Fock"

Heute bekannter als ihr Namensgeber: die Dreimastbark "Gorch Fock"

Foto: dpa Picture-Alliance / Kurt Scholz / picture-alliance / dpa

Vor 100 Jahren starb der Fischersohn Johann Wilhelm Kinau. Er begeisterte einst unter seinem Pseudonym Millionen von Lesern.

Hamburg. Zwei Fenster, rechts daneben die Eingangstür, unter der Dachschräge noch ein Obergeschoss mit zwei kleinen Rundbogenfenstern. Gediegen, aber sehr bescheiden wirkt dieses kleine Haus mit der hellen Fassade, das man leicht übersehen kann. Es scheint aus der Zeit gefallen, wie ein Relikt aus einer weit entfernten Geschichte, die die Gegenwart hier buchstäblich an den Rand gedrängt hat. Davor eine viel befahrene Straße und direkt gegenüber das Werksgelände der weltweit drittgrößten Flugzeugwerft. Ein Airbus A380, schwarz, rot, grün mit dem Logo der Fluggesellschaft „Emirates“ lackiert, schiebt sich massig ins Bild. Die Triebwerke werden angelassen, der Lärm schwillt an, wird ohrenbetäubend.

Als das kleine Haus im Jahr 1883 am Nessdeich 6 erbaut wurde, war das Flugzeug noch nicht erfunden, Finkenwerder noch eine Insel, und die Elbe reichte bis dicht an das Grundstück heran. An der Haustür hängt noch ein ovales Porzellanschild, das aus dieser Zeit stammt. „Heinrich Kinau. Seefischer“, kann man darauf lesen. Und neben dem linken Fenster verrät eine Tafel, dass dies ein besonderer Ort ist. „Gorch Focks Elternhaus“ steht dort und darunter in kleinerer Schrift: „Hier verlebte der Dichter der Nordsee seine Jugendjahre“.

Abendblatt-Motto von Gorch Fock geprägt

Werner Marquart öffnet die Tür und bittet mich gleich in die Döns, wie die Stube im Niederdeutschen genannt wird. Der 86-Jährige, der eine Finkenwerder Seefischermütze trägt, hat weißes Haar und ein Gesicht, das vom Wetter gegerbt zu sein scheint. Er passt gut in dieses Haus, in dem man sich ins späte 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlt. „Wenn Gorch Fock heute zur Tür hereintreten könnte, würde er die Stube sofort wiedererkennen, hier haben wir fast alles unverändert gelassen“, sagt Marquart, der Ehrenvorsitzende der Heimatvereinigung Finkenwerder, die das kleine Museum betreibt.

Ein Teppich, ein bankartiges Sofa mit Holzlehne, drei altertümliche Stühle, eine Kommode und neben der Eingangstür eine Vitrine, in der Bücher ausgestellt sind. Es wirkt puppenstu­benhaft klein, aber fast so, als sei dieses 60-Quadratmeter-Haus noch immer bewohnt. An den Wänden hängen Bilder, vergilbte Familienfotos, darunter auch das berühmte Porträt des Mannes, der zwar nie Hausherr war, hier aber mit Eltern und Geschwistern lange gelebt hat. Marquart deutet auf das Bild, das einen jungen Mann in Matrosenkleidung zeigt, der ein wenig skeptisch in die Kamera blickt. „S.M.S. Wiesbaden“ steht auf seiner Mütze. „Das war Gorch Fock, wenige Wochen vor seinem Tod“, sagt Marquart, bevor er darüber erzählt, wie das Leben auf Finkenwerder, das man damals noch mit ä schrieb, vor 100 Jahren so ablief.

Aber wer war Gorch Fock? Wer kennt heute noch diesen Mann, der auf der Gedenktafel an der Fassade seines Elternhauses so selbstverständlich „Der Dichter der Nordsee“ genannt wird? „Mit der Heimat im Herzen die Welt umfassen“, das Motto, welches das Hamburger Abendblatt seit seiner ersten Ausgabe täglich im Titel führt, stammt von ihm, aber wer weiß das noch? Wenn der Name zum Mythos wird, tritt die Person zurück. In diesem Fall ist sie fast gänzlich verschwunden.

Wer heute in Hamburg nach Gorch Fock fragt, wird höchstens bei einigen älteren Menschen noch die Antwort bekommen, dass es sich hier um das Pseudonym des Dichters Johann Kinau handelt, der Anfang des 20. Jahrhunderts berühmt und beliebt war, viel gelesen wurde und heute vor 100 Jahren in der Schlacht vor dem Skagerrak sein Leben verlor. In Eimsbüttel gibt es eine Gorch-Fock-Straße, gleich neben der Laeisz­halle den Gorch-Fock-Wall, aber die meisten Passanten glauben, dass sich die Benennung auf das Schiff bezieht, die berühmte Dreimastbark, die 1958 gebaut wurde und der Bundesmarine als Segelschulschiff dient. Selbst wenn man in die Suchmaske von Google den Namen Gorch Fock eingibt, stößt man zuerst auf die Homepage der Bordkameradschaft, dann auf den Wikipedia-Eintrag des Schiffes und erst danach auf den des Schriftstellers, dessen Bücher man heute fast nur noch in Antiquariaten findet.

43 Tage in Marineuniform

Und es gibt Verwechslungen. „War das nicht so ein berühmter Seemann?“, heißt es dann, was sich einerseits aus der Selbststilisierung des Dichters erklären mag, vor allem aber aus „Seefahrt ist not“, dem 1913 erschienenen Roman, der Gorch Fock berühmt gemacht hat und mehrere Generationen lang so etwas wie ein norddeutsches Volksbuch gewesen ist.

Die Marineuniform, mit der er auf dem berühmten Foto zu sehen ist, hat Johann Kinau alias Gorch Fock nur 43 Tage getragen: vom 18. April 1916 bis zu seinem Todestag, heute vor 100 Jahren. Er war ein Prominenter, heute würde man sagen: ein Starautor, als er im Frühjahr 1916 auf eigenen Wunsch vom Brandenburgischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 207 zur Marine wechselte und als Matrose auf dem Kleinen Kreuzer „Wiesbaden“ Dienst tat. Wie viele, wenn nicht die meisten deutschen Schriftsteller in dieser Zeit hat auch Gorch Fock für den Krieg geschwärmt und es kaum erwarten können, selbst Soldat zu werden. „Uns Mariners“ heißt ein Band mit seinen plattdeutschen Kriegsgedichten, die damals in hoher Auflage gedruckt wurden.

Leiche trieb wochenlang im Meer

Nun kauerte er im Ausguck des Kreuzers, nahm an Vorstößen gegen die englische Küste teil und litt merkwürdigerweise nicht mehr unter der Seekrankheit, die Jahre zuvor seinen Berufsplan, Fischer zu werden, durchkreuzt hatte. Die „Wiesbaden“ gehörte zu der aus fünf Panzerkreuzern, elf Kleinen Kreuzern, sieben Torpedobootsflottillen und 21 Linienschiffen bestehenden Flotte, mit der das Kaiserreich am 31. Mai 1916 im Skagerrak gegen eine weit überlegene englische Streitmacht in die Schlacht zog. Die SMS „Wiesbaden“ bekam mehrere Granattreffer ab, bevor ein Volltreffer in den Maschinenraum einschlug und das Schiff manövrierunfähig machte.

Für die britischen Kreuzer gab es nun eine ideale Zielscheibe ab. In den frühen Morgenstunden des 1. Juni sank die „Wiesbaden“, ein einziger Matrose der 589 Besatzungsmitglieder überlebte. Gorch Focks Leiche trieb wochenlang im Meer und wurde an die schwedische Schäreninsel Trolleskären angespült. In der Schwimmweste entdeckte man seine Bordkladde mit den letzten Notizen. Zu Grabe getragen hat man ihn am 2. Juli 1916 auf dem kleinen Soldatenfriedhof der Insel Stensholmen. Ein Anker ziert sein Grab, dessen Stein neben dem Namen und Daten auch den Buchtitel „Seefahrt ist not!“ trägt.

„Geschrieben hat er oft in dem kleinen Zimmer direkt über uns“, sagt Werner Marquart, der regelmäßig Gäste durch das kleine Haus auf Finkenwerder führt und dabei aus Gorch Focks Leben erzählt: von dem Jungen, der wie der Vater gern Fischer geworden wäre, dafür aber zu schwächlich und außerdem nicht seefest gewesen war. Von der kaufmännischen Lehre in Geeste­münde (jetzt Stadtteil von Bremerhaven), vom beruflichen Werdegang, der schließlich in eine Anstellung bei der Hapag in Hamburg mündet; von der Theaterleidenschaft und dem Start der literarischen Laufbahn mit plattdeutschen Gedichten und Erzählungen. „Seefahrt ist not!“ erschien 1913 und war, um ein möglichst großes Pu­blikum zu erreichen, weitgehend auf Hochdeutsch verfasst.

Es ist die Heldensaga des Klaus Mewes, der Klaus Störtebeker genannt wird, und das versucht, was Gorch Fock selbst versagt blieb: Er heuerte als Schiffsjunge auf dem Kutter seines Vaters an, begleitete ihn auf die gefahrvolle Nordsee hinaus und nahm, als der Vater auf See geblieben war, dessen Platz ein. Eindringlich schilderte Gorch Fock das gefahrvolle Leben der Finkenwerder Fischer, die aufgrund der Konkurrenz der Dampfer immer größere Risiken eingehen mussten, ohne diesen Kampf je gewinnen zu können.

Nazis instrumentalisierten Gorch Fock

Dieses heroische Grundmotiv, das er den idealisierten Fischern zuschreibt, sowie die Kriegsbegeisterung und sein unbestreitbarer Nationalismus machten Gorch Fock posthum anfällig für die Inanspruchnahme durch die Nationalsozialisten. Allerdings wirkten einige seiner Verwandten sowie seine Muse und Nachlassverwalterin Aline Bußmann kräftig daran mit. Kein Wunder also, dass die Nazis einen gewaltigen Kult um den „Dichter der Nordsee“ machten, dessen Bücher zur Schullektüre wurden. Aus heutiger Sicht wirkt es erstaunlich, wie bruchlos Gorch Focks Popularität in der jungen Bundesrepublik weiterlebte. Wäre es heute noch denkbar, dass die Bundesmarine ein Schulschiff, wie 1958 geschehen, auf den Namen eines von den Nazis gefeierten Dichters taufen würde, der bereits Namensgeber eines 1933 erbauten Schulschiffs war? Erst in den 1960er-Jahren gingen die Auflagen seiner Bücher zurück und wurden nicht mehr als Schullektüre verwendet.

Etwa 700 bis 800 Menschen kommen pro Jahr noch in das kleine Museum am Finkenwerder Nessdeich Nummer 6, das von Werner Marquart und seinen Mitstreitern so liebevoll betreut wird. Wer liest heute noch „Seefahrt ist not!“? Der alte Mann zuckt die Schultern. „Das sind wohl vor allem ältere Leute aus Finkenwerder“, sagt er. Und junge Leute? Er schüttelt den Kopf, lächelt dann aber doch. „Mein Enkel liest es jetzt, aber nur weil ich es ihm gesagt habe.“

Als wir uns vor dem Haus verabschieden, müssen wir schreien, denn drüben auf dem Airbusgelände startet gerade ein A320. Später frage ich in der Bücherhalle Finkenwerder, nicht weit entfernt vom Gorch-Fock-Park, ob „Seefahrt ist not!“ dort zum Bestand gehört. Die freundliche Mitarbeiterin an der Auskunft tippt den Titel in den Computer und wirkt dabei nicht so, als ob er ihr geläufig sei, „Tut mir leid, haben wir nicht. Wird wohl zu selten nachgefragt“, sagt sie und wird wenig später doch noch fündig: „Wir haben es als Hörbuch, das sind fünf CDs. Manchmal wird das noch ausgeliehen.“

Neue Bücher

"Seefahrt ist not!" Der Kieler Literaturwissenschaftler Rüdiger Schütt nutzt den berühmten Romantitel für seine eben erschienene Gorch-Fock-Biografie. Fundiert zeichnet er Johann Kienaus kurzes Leben und seine literarische Entwicklung in ihrer Widersprüchlichkeit nach und schildert, wie Gorch Fock posthum zu einem Mythos wurde, den die Nationalsozialisten zu nutzen wussten (Lambert Schneider, 224 S., 24,95 Euro).

„Gorch Fock und Finkenwerder“, heißt das Buch von Kurt Wagner, das zum 100. Todestag erschienen ist und einen lokalen Blick auf den Dichter und dessen enge Beziehung zu seinem Geburtsort wirft (Sutton, 128 Seiten, 19,99 Euro).

Gedenkveranstaltungen

Am Gedenkstein, der im Gorch-Fock-Park auf Finkenwerder seit 50 Jahren an den Dichter und Namensgeber erinnert, findet am heutigen Dienstag um 14 Uhr eine feierliche Kranzniederlegung statt. Zu den Rednern gehören Jutta Haag, Vorsitzende der Heimatvereinigung Finkenwerder, und deren Ehrenvorsitzender Werner Marquard.

In der St.-Nikolai-Kirche Finkenwerder (Landscheideweg 157) beginnt um 17 Uhr eine von der Kirchengemeinde und der Finkenwarder Speeldeel gestaltete Gedenkveranstaltung. Der Schauspieler Jasper Vogt wird plattdeutsche Texte des Dichters lesen.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.