Historische Rückschau

Schlacht am Skagerrak: Der Sieg, der keiner war

Lesedauer: 23 Minuten
Sven Kummereincke
Deutsche Kreuzer auf dem Weg in die Schlacht am Skagerrak. Von welchem Schiff dieses Foto gemacht wurde, ist unbekannt

Deutsche Kreuzer auf dem Weg in die Schlacht am Skagerrak. Von welchem Schiff dieses Foto gemacht wurde, ist unbekannt

Foto: dpa Picture-Alliance / Uncredited / picture alliance / AP Photo

Eine Fülle von Irrtümern und Zufällen bestimmte 1916 die Schlacht am Skagerrak. Statistisch war Deutschland der Gewinner.

Der Krieg tobt seit 22 Monaten. Im Westen währt das Gemetzel von Verdun nun schon 107 Tage, die Verluste werden nach Hunderttausenden gezählt, Gewinne gibt es nicht. Genauso wenig wie an der Ostfront, wo weder Deutschen noch Russen ein entscheidender Vorstoß gelingt. Es ist Donnerstag, der 8. Juni 1916. Und in Hamburg wird gefeiert.

„Schon manchen Festzug durch Hamburgs Straßen haben wir erlebt; aber keinen wie diesen. Es war ja kein ,historischer Festzug‘, der Altehrwürdiges auffrischen sollte, sondern ein Stück mitten aus blutigem Kriegsgeschehen in Deutschlands schwerster und größter Zeit. (…) Über Johannisbollwerk, Vorsetzen, Baumwall, Rödingsmarkt, Alten Wall marschierten sie. Aber es war nicht möglich, ganz vorschriftsmäßig geschlossen zu bleiben, denn die blumenstreuende Menge ließ sich nicht halten. (…) Inzwischen waren viele oben im Senatsgehege angekommen. Aber es half nichts, blumenbedeckt wie sie waren, mußten sie sich ... oben zeigen; tausendfältiges Hurra hinauf und grüßende Winke hinab, und ,Deutschland, Deutschland über alles!‘ brauste das Trutzlied über den Rathausmarkt.“

Es sind die „Hamburger Nachrichten“, in denen dieser Bericht auf Seite 1 steht. „Die Nordsee-Kämpfer beim Hamburger Senat“ ist der Artikel überschrieben. Und es folgt der Abdruck der Ansprache des Ersten Bürgermeisters Carl August Schröder, der den eingeladenen Offizieren und Mannschaften zum „glänzenden Siege über die englische Armada“ gratulierte, Hanseatenkreuze verlieh und den „Schöpfer unserer Seemacht“, Kaiser Wilhelm II., hochleben ließ.

Die Schlachten werden weit weg von Hamburg geschlagen. Und doch ist der Krieg nah. Frauen haben die Arbeit der eingezogenen Männer in Fabriken, Büros und Straßenbahnen übernommen, die Versorgung wird immer schlechter, Lebensmittel sind bereits knapp.

Und so ist das, was eine Woche zuvor in der Nordsee vorm Skagerrak geschah, geradezu eine Erlösung: ein deutscher Erfolg in der bis dahin größten Seeschlacht der Geschichte. Doch der große „Sieg über die Armada“, den die Hamburger so euphorisch feiern, ist nicht wirklich einer. Gewiss: Die Briten haben mehr Schiffe verloren und auch mehr Tote und Verwundete zu beklagen als die Deutschen. Doch die Skagerrak-Schlacht oder „the battle of Jutland“, wie die Briten sie nennen, hat nichts an der trostlosen Lage des Deutschen Reichs geändert. Weder konnte die Blockade der deutschen Küsten durchbrochen noch die Briten zu Friedensverhandlungen genötigt werden. Die bitteren Folgen müssen schon fünf Monate später auch die Hamburger erleben, als der „Hungerwinter“ beginnt und Menschen Geschäfte plündern, weil sie nicht genug zu essen haben.

Militärhistoriker sprechen später von einem taktischen Sieg der Kaiserlichen Marine – aber von einer strategischen Niederlage. Und so bedeutet die Seeschlacht am Skagerrak zugleich das Scheitern einer verhängnisvollen Politik, die zwei Jahrzehnte zuvor ihren Anfang nahm, als ein ruhmsüchtiger junger Kaiser Deutschland zur Weltmacht formen wollte. Es sollte ihn seinen Thron kosten – und zehn Millionen Soldaten das Leben.

Ein Platz an der Sonne

Deutschland war eine „späte“ Nation. Erst 1871 kam es zur Reichsgründung, nachdem es zuvor noch eine Vielzahl nur locker verbundener mittlerer, kleiner und Kleinststaaten (wie auch Hamburg und Lübeck) gegeben hatte. Das neue, zweite Kaiserreich wurde nach siegreichem Krieg gegen Frankreich ausgerufen. Das europäische Gleichgewicht war fortan labil. Während Frankreich auf Revanche sann, war Deutschland unter Kanzler Otto von Bismarck bemüht, es zu isolieren. Mit Russland gab es einen Nichtangriffspakt, mit Österreich-Ungarn ein Bündnis, mit Großbritannien wurde eine wohlwollende Neutralität gewahrt.

Doch als 1888 der 29-jährige Wilhelm II. Kaiser wurde, änderte er den Kurs. 1890 entließ er Bismarck, verlängerte die Verträge mit Russland nicht und entwickelte ehrgeizige Pläne: Deutschland sollte zur Weltmacht werden. Mit einer schlagkräftigen Flotte. Die war seit jeher der Traum Alfred von Tirpitz’, seit 1897 Chef des Marineamtes. Unterstützt vom „marineverrückten“ Kaiser und dem 1898 gegründeten Flottenverein (der zehn Jahre später bereits mehr als eine Million Mitglieder hatte) entwickelte Tirpitz einen extrem ehrgeizigen Plan: die „Risikoflotte“. Deutschland, das nie eine Seemacht gewesen war, sollte mit dem Bau einer großen Schlachtflotte Großbritannien herausfordern. Sie sollte so stark sein, dass es für die Briten zu riskant wäre, gegen sie Krieg zu führen – denn das britische Weltreich war auf seine Flotte (die stärkste der Welt) angewiesen. Ihr Verlust wäre gleichbedeutend mit Wehrlosigkeit. Auf diese Weise sollten die Briten zu einem Bündnis gezwungen, zumindest aber von einem Krieg gegen Deutschland abgehalten werden.

So wurde 1898 das erste deutsche Flottengesetz verabschiedet, das unter anderem den Bau von 16 Großkampfschiffen vorsah. Doch binnen weniger Jahre scheiterte diese Politik, weil wesentliche Voraussetzungen nicht mehr erfüllt waren. So war die deutsche Regierung fest davon ausgegangen, dass Großbritannien sich weder seinem jahrhundertealten Feind Frankreich noch dem von vielen Briten verachteten, autokratischen Russland annähern könnte. Doch das Unmögliche geschah, begünstigt durch die deutsche Aufrüstung: Die „Triple-Entente“ zwischen den drei Staaten entstand 1904 beziehungsweise 1907. Und noch eine weitere „Katastrophe“ trat in diesen Jahren ein: die Indienststellung der „Dreadnought“ (Fürchtenicht) 1906, eines neuen Kriegsschiffs der Briten, das allen anderen an Größe, Panzerung und Bewaffnung so überlegen war wie ein Maschinengewehr einem Vorderlader.

Doch in Berlin wuchs nicht etwa die Einsicht, dass die eigene Politik gescheitert war – man erhöhte sogar die Dosis der bis dahin wirkungslosen Medizin. Das Wettrüsten nahm weiter an Fahrt auf. So wurden die Beziehungen zu Großbritannien (mit dem es objektiv so gut wie keine Interessengegensätze gab) immer schlechter. Gleichzeitig blieb Frankreich ein erbitterter Feind, während das Verhältnis zu den Russen immer schwieriger wurde. Denn die gerieten, vor allem auf dem Balkan, in scharfe Gegensätze zu Österreich-Ungarn, dem einzig verlässlichen Bündnispartner der Deutschen. Somit drohte zu Lande ein Zweifrontenkrieg, während die Flotte der britischen noch immer weit unterlegen war.

Koste es, was es wolle

Die Rüstungsausgaben wurden für das Deutsche Reich zu einer gewaltigen Belastung. 1913 umfasste der gesamte Reichshaushalt rund 1,5 Milliarden Reichsmark. Davon entfielen 785 Millionen auf das Heer und 181 Millionen auf die Marine – das entsprach rund 64 Prozent der Gesamtausgaben! Übertragen auf den Bundeshaushalt 2014 würde das einen Verteidigungs-Etat von 190 Milliarden Euro bedeuten – tatsächlich betrug er 32,5 Milliarden.

Wie teuer das Wettrüsten war, zeigt sich besonders an den Schlachtschiffen. Die 172 Meter lange „SMS Kaiser“ etwa, die in Kiel gebaut und 1912 in Dienst gestellt wurde, kostete rund 45 Millionen Reichsmark. Gemessen am Haushalt würde das in der Gegenwart Kosten von drei Milliarden Euro für ein einziges Schiff bedeuten, gemessen am Bruttosozialprodukt sogar neun Milliarden. Die größten und modernsten Schiffe der Deutschen Marine, die 150 Meter langen Fregatten der „Baden-Württemberg“-Klasse, kosten etwa 750 Millionen Euro pro Einheit.

Mal kurz nach Paris

Trotz dieser gewaltigen Anstrengungen haben die deutschen Militärs am Vorabend des Kriegsausbruchs wenig Hoffnung, dass die Flotte siegreich sein könnte. Stattdessen setzt man darauf, Frankreich in einem kurzen Feldzug zu besiegen, um anschließend Russland bekämpfen zu können. Ein kurzer Krieg ist der Plan (einen Plan B gab es nicht), denn einen langen – da sind sich die Strategen sicher – kann Deutschland nicht gewinnen. Auch weil die Briten die deutschen Nordseehäfen blockieren und so alle Einfuhren verhindern würden.

Als der Krieg in den ersten Augusttagen 1914 ausbricht, spielt die Flotte eine sehr passive Rolle. Die in Übersee stationierten Verbände werden zum größten Teil schnell ausgeschaltet, in der Nordsee gibt es nur Scharmützel. Als der Krieg zu Lande sich in starren Fronten festläuft, ist auch bei der Marine die Stimmung verheerend. „Wenn der liebe Herrgott unserer Marine nicht hilft, so sieht es schlimm aus“, schreibt Tirpitz am 14. September 1914 seiner Frau.

Doch da Frankreich und Russland offensichtlich nicht schnell zu besiegen sind, gerät die Ausschaltung Großbritanniens in den Fokus. Dazu bieten sich theoretisch zwei Möglichkeiten: die Vernichtung der „Grand Fleet“ – oder die Unterbindung der britischen Lebensmittelimporte, auf die auch das Inselreich unbedingt angewiesen ist. Auch benötigt man kriegswichtige Rohstoffe. Und so kommen die deutschen U-Boote, von denen bei Kriegsausbruch aber nur 30 vorhanden waren, ins Spiel.

Doch der U-Boot-Krieg ist für die Deutschen ein Dilemma. Das Kriegsrecht sieht vor, dass eine U-Boot-Besatzung, wenn sie ein Handelsschiff aufbringt, auftauchen, das Schiff durchsuchen und dessen Mannschaft Gelegenheit geben muss, in die Rettungsboote zu steigen. Erst dann darf das Schiff versenkt werden. Doch wegen der überraschend großen Erfolge der Deutschen beginnen die Briten, ihre Handelsschiffe zu bewaffnen – und die über Wasser fast wehrlosen U-Boote zu beschießen. Deswegen geht Deutschland dazu über, Schiffe ohne Vorwarnung zu versenken – der sogenannte „uneingeschränkte U-Boot-Krieg“.

Doch so erfolgreich das militärisch auch ist, politisch ist es eine Katastrophe, weil eben nicht nur britische, sondern auch Schiffe der neutralen USA britische Häfen anlaufen und versenkt werden. Die Torpedierung des auch mit Rüstungsgütern beladenen Passagierdampfers „Lusitania“ am 7. Mai 1915, bei der rund 1200 Menschen – darunter mehr als 100 Amerikaner – ums Leben kommen, führt dazu, dass der U-Boot-Krieg aufgegeben wird, um nicht die USA zum Kriegseintritt zu nötigen.

Zugleich wächst wegen der vielen Verluste in den Schützengräben der öffentliche Druck, die teure und gefeierte Flotte endlich wirksam einzusetzen. Doch der Stabschef der Hochseeflotte, Adolf von Trotha, schreibt wenige Tage vor der Skagerrakschlacht ernüchtert in einem Vermerk: „Die Entwicklung unserer Marine war eine verfehlte Spekulation. Man muß versuchen, dies dem Volk langsam verständlich zu machen.“

Noch ein „Trafalgar“?

Die Operationen der Schiffe gleichen einem Stochern im Nebel. Radar gibt es noch nicht, und so ist es mehr oder minder dem Zufall überlassen, ob feindliche Verbände aufeinanderstoßen oder nicht. Zumal die Deutschen unbedingt eine Schlacht in der Nähe der eigenen Küsten schlagen wollen, um gefahrlos wieder abrücken zu können. Die Briten aber brauchen keine Schlacht aus militärischen Gründen. Ihr Ziel ist mit der Aufrechterhaltung der Blockade erreicht. Gleichwohl gibt es auch in England öffentlichen Druck, denn die Flotte ist der Stolz der Nation. Man erwartet ein neues „Trafalgar“; an diesem Ort nahe der Straße von Gibraltar hatte Lord Nelson 1805 die napoleonische Flotte vernichtet und eine Invasion Englands ein für alle Mal verhindert.

Die Stimmung ist auf der Insel ebenfalls latent depressiv: Zum einen muss Großbritannien immer mehr Soldaten nach Frankreich schicken (man hatte die Wehrpflicht eingeführt und ein Millionen-Heer geschaffen), ohne dass sich irgendein Erfolg zeigt; zum anderen war die große Landeaktion an der türkischen Küste bei Gallipoli (die Türken sind Verbündeter der Deutschen) unter großen Verlusten grandios gescheitert. Die Idee zu dieser Aktion hatte der Erste Lord der Admiralität gehabt, ein gewisser Winston Churchill. Nach dem Desaster musste er sein Amt räumen. Angesichts dieser Lage suchen auch die britische Admiralität und der Chef der Grand Fleet, John Jellicoe, nach einer Gelegenheit für eine Schlacht.

Die Briten haben neben ihrer quantitativen Überlegenheit einen weiteren unschätzbaren Vorteil: Sie konnten (auch mithilfe eines von den Russen erbeuteten Buchs) den deutschen Funkcode knacken. So sind sie bestens darüber informiert, dass die gesamte deutsche Flotte in der Nacht zum 31. Mai 1916 aus Wilhelmshaven gen Norden auslaufen soll – und setzen die „Grand Fleet“ auf Kurs.

Die Zufalls-Schlacht

Es sind zwei gewaltige Armadas, die sich treffen sollen. Auf deutscher Seite rund 45.000 Mann, verteilt auf 100 Schiffe – von schnellen Torpedobooten über Zerstörer und kleine Kreuzer bis zu den Schlachtkreuzern und den größten Schlachtschiffen der „König“- und „Kaiser“-Klasse, die über Artillerie mit Kaliber 30,5 Zentimeter verfügten. Die britische Streitmacht ist noch gewaltiger: 151 Schiffe sind ausgelaufen. Die modernsten britischen Schlachtschiffe der „Queen Elizabeth“-Klasse haben sogar Kanonen des Kalibers 38,1 Zentimeter, die den deutschen an Reichweite deutlich überlegen sind.

Die beiden Flotten stoßen trotz der britischen Aufklärung keineswegs „planmäßig“ aufeinander: Was in den kommenden Tagen geschieht, ist auch das Ergebnis von Zufällen, Fehlinformationen und falschen Einschätzungen. Beide Flotten sind geteilt: jeweils in die Hauptmächte, befehligt von John Jellicoe und Reinhard Scheer, und die Schlachtkreuzerverbände, kommandiert von David Beatty und Franz Hipper.

Die Briten hoffen, die Deutschen in eine Falle locken zu können. Ihr Ziel ist es, sich mit der Grand Fleet zwischen den Deutschen und ihrer Küste zu platzieren, um so ein Entkommen zu verhindern. Doch Kommunikationspannen führen dazu, dass sie den Feind noch immer auf Reede vor Wilhelmshaven wähnen, als dieser längst auf See ist. Und so werden die Briten überrascht, als Admiral Beatty am Nachmittag des 31. Mai auf die Schlachtkreuzer unter Admiral Hipper stößt. Der dreht ab, um Beatty auf die 50 Seemeilen entfernte deutsche Hauptmacht zu führen, die Briten gehen auf Abfangkurs, sodass gegen 16.50 Uhr das Gefecht beginnt.

Sowohl der Sonnenstand als auch der Wind begünstigen die Deutschen. Nach kurzer Zeit werden die „Indefatigable“ und die „Queen Mary“ versenkt – nur 24 der rund 2400 Mann überleben. Die „Lion“ entgeht nur knapp demselben Schicksal. „There seems to be something wrong with our bloody ships today“ („Irgendetwas scheint heute nicht zu stimmen mit unseren verdammten Schiffen“), sagt ein verzweifelter Beatty auf seiner Kommandobrücke. Die britischen Schiffe sind an Geschwindigkeit, Artillerie-Reichweite und Feuerkraft überlegen – die Deutschen haben aber die sehr viel bessere Munition und schießen zielgenauer. Und die Panzerung ist bei den Briten zu schwach. Erst als ein weiteres britisches Geschwader eintrifft, wendet sich das Blatt. Die deutschen Schiffe erhalten ebenfalls viele schwere Treffer, können aber durch Fluten verhindern, dass ihre Munitionsräume explodieren.

Jetzt nähert sich das deutsche Gros unter Admiral Scheer – und die Briten drehen ab, um den Feind in die Arme der britischen Hauptmacht zu locken. Als sie sich in deren Nähe wähnen, wenden sie wieder, um die Deutschen zu überraschen. Nun kommt es zu Gefechten der beiden Hauptverbände. Das Flaggschiff von Admiral Hood, die „Invincible“, sinkt nach der Explosion der Munitionskammer. Hippers Flaggschiff, die „Lützow“, wird gefechtsunfähig geschossen, sodass der Admiral auf die „Moltke“ umsteigen muss.

In dieser Phase steht der Kleine Kreuzer „Wiesbaden“ im Mittelpunkt des Geschehens, auf dem ein junger Hamburger Schriftsteller namens Johann Kinau als Obermaat Dienst tut. Sein Pseudonym ist Gorch Fock. Admiral Scheer wagt einiges, um die „Wiesbaden“ zu retten – und bringt sich damit in eine fatale Lage. Denn Jellicoe gelingt nun das klassische „Crossing the T“-Manöver. Das heißt, seine Schiffe liegen wie der Querstrich bei dem Buchstaben T zur deutschen Flotte und können volle Breitseiten feuern, der Gegner aber kaum zurückschießen. Scheer gelingt es mit Glück und Geschick, sich bei einsetzender Dunkelheit abzusetzen. Die Briten verlieren einige Zerstörer, die Deutschen mehrere Kreuzer, das Linienschiff „Pommern“, den Schlachtkreuzer „Lützow“ – und die „Wiesbaden“. Auf ihr sterben 589 Besatzungsmitglieder, darunter Johann Kienau. Nur ein Mann überlebt: Oberheizer Hugo Zenne. Er wird zwei Tage später auf einem Floß treibend von einem norwegischen Schiff gerettet.

Die gesamte Schlacht kostet 6094 britische und 2551 deutsche Seemänner das Leben. Die Briten verlieren drei Schlachtkreuzer, drei Panzerkreuzer und acht Zerstörer (Gesamt-Tonnage 117.000 Tonnen), die Deutschen ein altes Linienschiff, einen Großen Kreuzer, vier Kleine Kreuzer und fünf Torpedoboote mit insgesamt 61.180 Tonnen.

Dinosaurier zu Wasser

Marine-Historiker beider Seiten haben die Schlacht wieder und wieder minutiös aufgearbeitet und die Fehler der Kommandierenden aufgelistet; noch heute ist die Schlacht Lehrstoff an fast allen Marine-Akademien der Welt. Während Hipper und Scheer auf deutscher Seite hochdekoriert wurden, kam es in London zum Scherbengericht. Auch dank einflussreicher Freunde schaffte es Beatty, sich weitgehend reinzuwaschen und seinem Vorgesetzten Jellicoe die Hauptschuld am Misserfolg zu geben. Ein Jahr später wurde er dessen Nachfolger als Flottenchef.

Doch all die noch Jahrzehnte später vorgebrachte Kritik an den handelnden Personen ist weitgehend ungerecht. Ohne Radar und Luftaufklärung (die es zwar gab, am Skagerrak aber keine Rolle spielte) waren die Kommandanten auf das angewiesen, was sie sahen. Und das war bei der gewaltigen Rauchentwicklung der kohlebetriebenen Schiffe, der Artillerie und der Brände an Bord oft genug nichts.

Auch bei der Kommunikation haperte es. Flaggensignale wurden häufig nicht korrekt erkannt. Und das Funken dauerte viel zu lange, wenn es um schnelle Entscheidungen ging: Der Kommandant musste seine Mitteilung an den Funker weitergeben, der sie verschlüsselt sendete; der Funker des Empfängers musste sie wieder entschlüsseln und schließlich seinem Kommandanten vorlesen.

Und so traf es der Militärhistoriker Correlli Barnet auf den Punkt, als er schrieb: „Die Schlachtflotten (…) glichen in Wirklichkeit (…) Dinosauriern: Sie waren schwerfällig, mächtig stark gepanzert, aber mit rudimentärem (…) Nervensystem ausgestattete Wesen. Obwohl sein Flaggschiff zehnmal mehr wog als das von Nelson, die dreifache Geschwindigkeit erreichen konnte und ein Geschoss die zehnfache Reichweite besaß, vermochte Jellicoe durch seinen Ausguck und seine Kreuzervorposten nicht weiter (…) zu sehen als Nelson.“

U-Boote als letzte Hoffnung

Auf deutscher Seite wird der vermeintliche Sieg natürlich propagandistisch genutzt. „Der erste gewaltige Hammerschlag ist getan, der Nimbus der englischen Weltherrschaft herabgerissen, die Tradition von Trafalgar in Fetzen gerissen“, sagt Wilhelm II. am 5. Juni 1916 bei einem Empfang von Abordnungen der Besatzungen. Doch seine Admiralität kommt zu einer realistischeren Einschätzung. Scheer schreibt in seinen Bericht am 4. Juli: „... kann kein Zweifel bestehen, daß selbst der glücklichste Ausgang einer Hochseeschlacht England in diesem Kriege nicht zum Frieden zwingen wird.“ Scheer spricht sich vehement für die Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges gegen Handelsschiffe aus, weil der die einzige Chance sei. Neun Monate später wird dieser Plan umgesetzt. Die Schlachtschiffflotten treffen nie wieder auf­einander.

Und tatsächlich versenken die U-Boote im Frühjahr 1917 so viele Schiffe, dass in England Panik ausbricht. In allerhöchster Not (und gegen die Widerstände vieler Marine-Experten, darunter auch Jellicoe) führen die Briten ein Konvoi-System ein – mit durchschlagendem Erfolg: Die Verluste gehen stark zurück. Gleichzeitig erklären die USA wegen des U-Boot-Kriegs Deutschland den Krieg, der damit endgültig verloren ist.

Ende September 1918 erklärt das deutsche Oberkommando den Krieg für verloren. Aus einem heute nur schwer zu begreifenden Ehrgefühl heraus will die Marineführung in einem letzten als ritterlich empfundenen Akt nochmals in die Schlacht ziehen – und in den Untergang. Doch die Matrosen weigern sich, als Schlachtvieh zu dienen. Es kommt zur Meuterei: erst in Kiel, dann in Wilhelmshaven und Hamburg, bald darauf im ganzen Land. Die Revolution beginnt. Das Kaiserreich bricht zusammen, die Republik wird ausgerufen.

Epilog

Während in Versailles die Siegermächte zur Friedenskonferenz zusammenkommen, liegt die deutsche Kriegsflotte, immer noch die zweitgrößte der Welt, in ihren Häfen. Sie wird gezwungen, mit Notmannschaften und ohne Munition vor dem britischen Stützpunkt Scapa Flow im Norden Schottlands auf Reede zu gehen. Die Stimmung ist angespannt. Beatty, der vor Skagerrak die britischen Schlachtkreuzer befehligt hatte, gibt sich unversöhnlich: „Vergesst nie, dass der Feind eine blutige Bestie ist“, sagt er seinen Matrosen. Später sollte er deswegen im Gegensatz zu den anderen britischen Kommandeuren nie zu den Gedenktagen von den Deutschen eingeladen werden.

Als die für Deutschland überaus harten Ergebnisse des Versailler Vertrags sich im Juni 1919 abzeichnen, ist das für die Besatzungen ein Schock: Auch die gesamte Flotte soll den Siegermächten ausgeliefert werden. Der kommandierende Konteradmiral Ludwig von Reuter entschließt sich zu einem Akt der Verzweiflung: Er befiehlt am 21. Juni 1919 die Selbstversenkung der 74 Schiffe (der über Funk erteilte Befehl lautet in der Tradition studentischer Verbindungen „Es wird fortgesoffen“). Bis auf 15 kleinere Schiffe versinken alle. Heute sind die verbliebenen Wracks (einige wurden gehoben und ausgeschlachtet) eine Attraktion für Taucher und ganz offiziell ein Denkmal.

Die deutsche Hochseeflotte endet aber nicht unblutig – sondern mit einem Kriegsverbrechen. Als die Rettungsboote mit den deutschen Matrosen auf britische Schiffe zuhielten, lässt ein Offizier das Feuer auf sie eröffnen – sieben Matrosen sterben. Sie sind die letzten der zehn Millionen Toten des Ersten Weltkrieges.