Tennis

Auf welches Erfolgsrezept Daviscup-Kapitän Kohlmann setzt

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Daviscup-Teamchef Michael Kohlmann (l.) beobachtet mit Athletikcoach Carlo Thränhardt (65) das Training.

Daviscup-Teamchef Michael Kohlmann (l.) beobachtet mit Athletikcoach Carlo Thränhardt (65) das Training.

Foto: Michael Schwartz / dpa

Am Mittwoch spielt die Auswahl des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) im Stadion am Rothenbaum gegen Frankreich.

Hamburg.  Er ist kein Mensch, der im Vergangenen schwelgt, weil seine Aufgabe darin besteht, Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Doch vor der Zwischenrunde im Daviscup, die für die deutschen Tennisherren an diesem Mittwoch (14 Uhr/Servus TV und DAZN) am Rothenbaum gegen Frankreich beginnt, erlaubt sich Michael Kohlmann einen Blick zurück. 2012, als letztmals in Hamburg zum wichtigsten Teamwettkampf der Sportwelt aufgeschlagen wurde, war der heutige Teamchef erstmals im Trainerstab dabei, sein Vorvorgänger Patrik Kühnen hatte ihn eingeladen.

So erlebte der 48-Jährige hautnah, wie der damals 21 Jahre junge Cedrik-Marcel Stebe im Relegationsmatch gegen Australien zum Helden wurde, als er den ehemaligen Weltranglistenersten Lleyton Hewitt bezwang und den entscheidenden dritten Punkt für den Klassenerhalt holte.

Kapitän Kohlmann will nur Spieler, die Lust auf Daviscup haben

Zehn Jahre später sitzt Kohlmann im Stadion am Rothenbaum und führt Stebes Triumph als Beispiel an für das, was ihm auch in dieser Woche wichtig ist. „Die magischen Momente, die dieser Wettbewerb kreiert, sind nur durch Zusammenhalt möglich. Wer als Einheit agiert, kann große Ziele erreichen“, sagt der gebürtige Hagener, der den Bogen vom Gestern zum Heute schlägt. Damals war Stebe für den verletzten Philipp Petzschner ins Team gerückt. In dieser Woche musste kurzfristig ein Ersatz für Spitzenmann Alexander Zverev (25) her, der das Heimspiel in seiner Geburtsstadt wegen eines Knochenödems im rechten Fuß verpasst.

Kohlmann fand diesen in Yannick Hanfmann (30), und auch wenn dem Karlsruher hinter den Einzelspielern Oscar Otte (29/Köln) und Jan-Lennard Struff (32/Warstein) zunächst nur die Rolle des Ersatzmannes bleibt, strich der Teamchef dessen sofortige Anreise von einem Challengerturnier in Stettin (Polen) als Musterbeispiel für das heraus, was er seit dem Beginn seiner Amtszeit im Februar 2015 befördert hat wie kaum etwas anderes: den Teamgeist. „Für mich ist das Wichtigste, dass jedes Teammitglied Lust hat, für Deutschland alles zu geben. Wir wollen Geschlossenheit demonstrieren, gerade in so einer Woche in Hamburg, die uns eine große Bühne bietet“, sagt er.

Kohlmann setzt auf wertschätzenden Umgang mit seinen Profis

Tatsächlich hat es der frühere Doppelspezialist, der 2013 in Wimbledon seine aktive Karriere beendet hatte, über die vergangenen Jahre geschafft, dass aus einer Ansammlung von Individualisten eine Einheit wurde, die nicht wie eine nur wegen der Aussicht auf maximalen Erfolg funktionierende Zweckgemeinschaft wirkt. Selbst ein Topstar wie Zverev beansprucht, so schildern es Teaminsider, keine Sonderrolle. Für den als Zugpferd nun fehlenden Weltranglistenfünften war es selbstverständlich, nach der Hiobsbotschaft vom Montag nicht etwa abzureisen, sondern dem Team „als Cheerleader“, wie er selber sagte, von der Bank aus zu helfen.

Eine wichtige Rolle kommt seit Jahren Jan-Lennard Struff zu, der für Deutschland regelmäßig zu Höchstform aufläuft und sich während der Abwesenheit Zverevs, der wegen seiner Ablehnung des neuen Daviscup-Formats einige Partien verpasste, trotz seines eher zurückhaltenden Naturells zum Anführer aufgeschwungen hat. Nach zwei starken Saisons, die ihn im August 2020 bis in die Top 30 der Welt brachten, schlägt der Sauerländer in diesem Jahr, auch gebeutelt von Verletzungen, seiner Form hinterher, in der Weltrangliste ist er auf Position 132 abgerutscht.

Dennoch hielt Kohlmann an Struff fest, anstatt den aufstrebenden Daniel Altmaier (24/Kempen/Nr. 96) zu berufen. „Struffi fehlten zuletzt Glück und Überzeugung, aber ich glaube, dass ihn die Gemeinschaft hier voranbringt und er an die Leistung anknüpfen wird, die wir von ihm im Daviscup gewohnt sind. Trotzdem bin ich mit Daniel ständig in Kontakt, er weiß, dass er zum Team gehört“, sagt er.

Es ist diese Art des kollegialen, wertschätzenden Umgangs, die bei den Spielern ankommt. Kohlmann, der 1998 zwar die Top 100 knackte, aber nie im Einzel ein ATP-Turnier gewann, kennt die Rolle als Spieler aus der zweiten Reihe aus eigener Erfahrung, weiß aber ebenfalls jene aus der ersten Reihe handzuhaben. Das hilft ihm, nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen. Sein Ego hat er komplett hinter das Teamwohl gestellt, „wir“ hat stets Vorrang vor „ich“. Seine Aufstellung für das Frankreich-Duell muss er bis 13 Uhr bekannt geben. Erwartet wird, dass zunächst Struff gegen Benjamin Bonzi (26/Nr. 53) antritt, gefolgt von Otte gegen Adrian Mannarino (34/Nr. 47). Den Abschluss bildet das Doppel Kevin Krawietz (30/Coburg)/Tim Pütz (34/Frankfurt am Main), die wohl auf Nicolas Mahut (40)/Richard Gasquet (36) treffen.

Wer auch immer spielt: Das Ziel ist klar definiert. „Wir wollen wie im vergangenen Jahr ins Halbfinale“, sagt Michael Kohlmann, „und dafür wird jeder alles geben.“ Nicht für sich, sondern für das Team.

Deutschland spielt am Freitag gegen Belgien und zum Abschluss am Sonntag (jeweils 14 Uhr) gegen Australien. Die beiden besten Teams der vier Gruppen erreichen die Final-8-Endrunde in Malaga (Spanien/21. bis 27. November).