Olympische Spiele

Am Ende hat Pechstein auch noch die Nerven verloren

Claudia Pechstein sitzt entkräftet auf der Bande. Die bald 46-Jährige hatte sich über die 5000 Meter völlig verausgabt

Claudia Pechstein sitzt entkräftet auf der Bande. Die bald 46-Jährige hatte sich über die 5000 Meter völlig verausgabt

Foto: Peter Kneffel / dpa

Eisschnellläuferin Claudia Pechsteinwird über 5000 Meter nur Achte. Danach zerriss sie das Formular für den anstehenden Dopingtest.

Pyeongchang.  Nach gut der Hälfte des Rennens verriet das Gesicht von Claudia Pechstein die Schmerzen, die ihr durch die Oberschenkel fuhren. Aus der Kurve, in der ihr Lebenspartner Matthias Große stand, kamen die Anfeuerungsrufe nur noch in gedämpfter Lautstärke. Die Hoffnung auf die Medaille, die sie anstrebte, die schwand früh bei der Berlinerin. Am Ende schien es, als wollte die Uhr einfach nicht stehen bleiben, nachdem die Sollzeit überschritten war. Fast zwölf Sekunden fehlten der Eisschnellläuferin schließlich zu Platz drei über 5000 Meter, für mehr als Platz acht im olympischen Rennen von Pyeongchang genügte das nicht.

Wer Pechsteins Ehrgeiz kennt, war auf große Enttäuschung eingestellt. Doch Pechstein tauchte mit einem Lächeln auf, um ihr Rennen in Worte zu fassen. „Ich habe gut angefangen mit guten Rundenzeiten. Danach kann ich leider nicht sagen, woran es lag, warum ich das Tempo nicht mehr halten konnte“, sagte sie: „Siegen oder sterben, heute war ich eher Richtung sterben unterwegs.“ Vielleicht hatte sie ihren Frust bereits einfach an den Dopingkontrolleuren abgearbeitet. Die hatten Pechstein noch bevor sie entkräftet das Eis verlassen hatte, das Formular für den bevorstehenden Test hingehalten. Sie zerriss es einfach. Erst etwas später ließ sie den Test über sich ergehen.

Pechstein kämpft um Schadensersatz

An Zufall glaubt Pechstein in solchen Momenten nicht. Sie führt verbissen ihren Kleinkrieg mit dem Eislauf-Weltverband (ISU), der sie ihrer Meinung nach zu Unrecht aufgrund von Indizien zwischen 2009 und 2011 gesperrt hatte, kämpft um Schadensersatz, um Rehabilitation, um Gerechtigkeit. Fast schien es, als würde der Verband hier einen gemeinen kleinen Abschiedsgruß senden wollen im Augenblick der bitteren Niederlage einer Athletin, die die ISU lange angeprangert und damit geärgert hat. Falls ja, ging der Plan nicht auf. Auch deshalb nicht, weil Pechstein zwar verloren hat an diesem Abend, sie gibt sich allerdings nicht geschlagen. „Das gehört zum Sport. Die nächste Chance, um über 5000 Meter eine Olympiamedaille zu gewinnen, ist in vier Jahren“, sagte Pechstein. Sie will weiterlaufen.

Am nächsten Donnerstag wird sie 46 Jahre alt. Über die 5000 Meter wirkte es, als sei dies ein großer Nachteil gegenüber denen, die vorn waren. Mit gerade 22 Jahren lief Esmee Visser aus den Niederlanden ein enorm starkes Rennen, legte Pechstein 6:50,23 Minuten vor. Die Berlinerin, die ihre zehnte Olympiamedaille im Visier hatte und als älteste olympische Medaillengewinnerin in einer Einzeldisziplin in die Geschichte eingehen wollte, versuchte, eine ähnliche Zeit anzusteuern wie die spätere Siegerin, begann auch sehr gut. Doch von der „sechsten, siebten Runde“ an fehlte der Druck auf das Eis.

Unrealistisch war das Ziel einer Medaille nicht

„Wenn es nicht so läuft, dann denkt man schon im Rennen über alles nach. Wenn es nicht vorangeht, überlegt man warum, aber findet nicht so schnell eine Lösung“, klagte Pechstein. Ihre Zeiten für die 400-Meter-Runden stiegen von anfänglich 32 auf 33 Sekunden, dann binnen einer Runde sogar von 34 auf 35 Sekunden. „Mein Plan wäre genau richtig gewesen für eine Medaille“, sagte sie. Sie habe angegriffen, alles gegeben, fügte Große hinzu.

Im Vorjahr war sie bei der Weltmeisterschaft an gleicher Stelle 6:53 Minuten gelaufen, unrealistisch war das Ziel einer Medaille also nicht. Doch gerade jetzt entsteht wieder der Eindruck, als würden vor allem die Niederländer, die bereits den sechsten von sieben Wettbewerben gewannen, aber auch andere Nationen in der Lage sein, in olympischen Jahren ihre Leistung deutlich steigern zu können.

Pechstein will jetzt bis zu den Spielen 2022 weitermachen

Pechsteins Kräfte ließen das ausgerechnet in ihrem Lieblingsrennen nicht zu. Warum das in vier Jahren anders sein sollte, diese Frage vermochte in der Nacht von Pyeongchang zumindest kein Außenstehender zu beantworten. Ob sie sich nicht denke, dass ihre Zeit vorüber sei, wurde Pechstein gefragt. „Nein, ich schlage die jüngeren Mädels ja noch“, antwortete sie. Die beste deutsche Eisschnellläuferin, die ist sie freilich weiterhin. Und es sieht auch nicht so aus, als würde sich das bald ändern.

Gäbe es mehr Athletinnen auf ihrem Niveau, ließe sich wohl schon im nächsten Rennen der olympische Traum von der zehnten Plakette erfüllen. Pechstein tritt noch in der Teamverfolgung an, dazu im Massenstart. Gerade auf die Teamverfolgung hatte die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft gesetzt, doch die Leistungen in Pyeongchang lassen nur geringe Erwartungen zu. Sollte Sprinter Nico Ihle in seinen kommenden Rennen nicht über sich hinauswachsen, droht dem Verband die nächste Nullnummer nach Sotschi 2014. Genau dieser Fall sollte nicht eintreten. Doch in dem Erfurter Patrick Beckert (27) und nun Pechstein konnten bereits zwei Medaillenkandidaten die Erwartungen nicht erfüllen.

Pechstein ging betont gelassen damit um, blickte nicht im Zorn zurück, sondern sah in der Zukunft die Möglichkeit, das Resultat nach ihren Vorstellungen umzugestalten. „Ob ich Achte bin oder Vierte, ist am Ende völlig egal“, sagte die Berlinerin. „Alles oder nichts, darum ging es eben, das ist heute nicht aufgegangen. Also machen wir was?“, fragte Große in einem kleinen Zwiegespräch. Pechstein antwortete: „Wir machen vier Jahre weiter.“

Zu Hause in Erfurt hatte Eisschnelllauf-Legende Gunda Niemann-Stir­ne­mann das Rennen verfolgt, sie fieberte und litt mit Pechstein. Zu ihrer Ankündigung, bis Peking 2022 durchzuhalten, habe sie nur einen Rat: „Claudia, schlaf erst mal eine Nacht drüber!“