Olympia

Hockey-Thriller: Wie Hamburger Fürste für Gänsehaut sorgte

0,7 Sekunden vor Schluss: Die deutschen Hockey-Herren feiern das Tor zum 3:2

0,7 Sekunden vor Schluss: Die deutschen Hockey-Herren feiern das Tor zum 3:2

Foto: Soeren Stache / dpa

Die deutschen Hockey-Herren standen vor dem Aus. Doch dann drehte Moritz Fürste auf. Seiner emotionalen Ansprache ließ er Taten folgen.

Rio de Janeiro. Die Geschichte eines Hockeyspiels, das keiner, der es sah, jemals vergessen wird, begann in der Halbzeit. Christopher Rühr, deutscher Nationalspieler in Diensten von Rot-Weiß Köln, erzählte sie nach dem 3:2-Sieg über Neuseeland im Viertelfinale des olympischen Turniers, und er bekam Gänsehaut, als er es tat. Moritz Fürste, der Anführer der Mannschaft vom Uhlenhorster HC, der nach den Spielen von Rio seine internationale Karriere beenden wird, habe in der Kabine eine eindringliche Ansprache an seine Teamkollegen gehalten. „Er hat gesagt, dass das nicht seine letzte Halbzeit im Nationaltrikot werden soll. Alle hatten Gänsehaut, so etwas habe ich noch nicht erlebt“, schilderte Rühr die bewegenden Minuten.

0:1 lag der Olympiasieger von 2008 und 2012 zu diesem Zeitpunkt nach einem Kontertor durch Hugo Inglis (18.) zurück, und weil es der Auswahl des Hamburger Bundestrainers Valentin Altenburg nicht gelungen war, sich überhaupt nur eine Torchance zu erspielen, gab es wenig Hoffnung darauf, sich die Chance zu erhalten, das dritte Gold in Serie einfahren zu können. Und als der frühere Bundesligaspieler Shea McAleese elf Minuten vor Schluss die einzige Strafecke für den Außenseiter zum 0:2 ins deutsche Tor blockte, da schien sich Resignation breit zu machen.

Wie sehr der Schein doch trügen kann.

Hockey-Trainer wechselt geschickt

6:20 Minuten waren noch zu spielen, als der Bundestrainer wusste, dass er reagieren musste. Also nahm er UHC-Torhüter Nico Jacobi zugunsten eines elften Feldspielers heraus, um Überzahl zu schaffen. Es war der Beginn einer Drangphase, die die 300 laut-starken deutschen Fans schon viel früher erwartet hätten. „Wir hatten unglaubliche Probleme, gegen die tief stehenden Neuseeländer Chancen zu kreieren. Erst in Überzahl hat das funktioniert“, sagte Altenburg.

Und wie es funktionierte! Rühr holte mit einem seiner unwiderstehlichen Tempoläufe 4:57 Minuten vor dem Ende die zweite Strafecke heraus, aber Fürste scheiterte an Kiwi-Keeper Devon Manchester. 20 Sekunden später, wieder Foul an Rühr, nächste Ecke, und diesmal traf der Kapitän durch Manchesters Beine. Es war der dringend benötigte Startschuss für ein Powerplay, das Neuseeland in der eigenen Hälfte einbetonierte. Die vierte Strafecke 3:07 Minuten vor Spielende vergab Kölns Tom Grambusch. Als 48 Sekunden vor Schluss erneut auf Strafecke für Deutschland entschieden wurde, dachten alle: Das ist die letzte Chance.

Moritz Fürste dachte das auch, aber er wusste: „Den mache ich auf jeden Fall rein!“ Es braucht Anführer dieses Schlags, die in entscheidenden Momenten mit einer solchen Überzeugung antreten wie der 31-Jährige. Fürste hatte bei Grambuschs vergebenem Versuch gesehen, dass der Gegner bei seiner Abwehrformation beide Torecken abdeckte, aber das Zentrum öffnete. Genau dorthin zielte er, der Ball schlug im Netz ein. „Ich habe mich dann auswechseln lassen, um mich auf der Bank auf das Penaltyschießen vorzubereiten“, sagte Fürste, nachdem er auf den Knien vor der deutschen Fankurve entlanggerutscht war.

Es sollte der einzige Irrtum sein, dem der Hamburger an diesem Sonntagabend aufsitzen würde. Sieben Sekunden waren noch zu spielen, als Kölns Timur Oruz auf der rechten Außenbahn den Ball hatte. Florian Fuchs, der kurz darauf zum Matchwinner werden sollte, erlebte diesen Moment wie durch einen Schleier. „Ich habe nur gesehen, dass Timur den Ball hatte. Hau ihn lang rein, habe ich gedacht. Ich habe nichts mehr gesehen, bin einfach reingesprungen. Dann habe ich eine Schlägerberührung gespürt, dem Ball nachgeschaut und gejubelt“, beschrieb der UHC-Torjäger den Moment, mit dem er sein Team in kollektive Ekstase und Neuseeland in tiefe Trauer stürzte. Eine Sekunde stand bei seinem 3:2 noch auf der Uhr.

Deutschland erzwingt Last-Minute-Tore

Einig waren sich alle Beteiligten, so sie die deutschen Farben vertraten, in der Einschätzung, dass der Sieg keinesfalls ein glücklicher gewesen war. Schon in der Vorrunde, beim 2:1 gegen Indien und beim 4:4 gegen Argentinien, hatten Last-Minute-Tore zu wichtigen Punktgewinnen geführt. „Solche Erfolge sind kein Glück, sondern das Ergebnis harter Arbeit“, sagte Rühr. Altenburg befand, dass „die späten Tore das Ergebnis unseres Drucks und der mentalen und charakterlichen Stärke meiner Mannschaft“ gewesen seien. Zu keiner Zeit habe er den Glauben an sein Team verloren, auch wenn er zugab, sich nach dem 2:2 schon mit der Aufstellung seiner Penaltyschützen beschäftigt zu haben. „So etwas macht man nicht, und die Jungs haben mir darauf die richtige Antwort gegeben“, sagte er.

Inmitten der Euphorie, die der Triumph des puren Willens ausgelöst hatte, gab es jedoch auch Spieler, die mahnende Worte fanden. „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir über 55 Minuten recht kopflos gespielt haben“, sagte Mittelfeldmotor Tobias Hauke vom Harvestehuder THC, „deshalb dürfen wir uns jetzt zwar freuen, müssen aber den Kopf schnell wieder freikriegen, denn in 40 Stunden haben wir ein hartes Halbfinale vor uns.“ Am Dienstag (22 Uhr MESZ) wartet erneut Argentinien auf die Deutschen. Das Team, gegen das man vor zwei Jahren bei der WM in den Niederlanden das entscheidende Gruppenspiel 0:1 verloren und dadurch das Halbfinale verpasst hatte. „Das wird ein Riesenkampf“, sagte Altenburg, „ich hoffe, dass die Jungs sich mal was Neues einfallen lassen als einen Last-Minute-Sieg.“ Rühr dagegen freute sich „auf die große WM-Revanche“. Er hatte noch immer Gänsehaut auf den Armen, als er das sagte.