Corona-Folgen für den Sport

Der Abbruch der Handball-Saison und seine Folgen

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Tim Parge
Hamburgs Jan Kleineidam setzt im Fallen zum Wurf an. Der 34:28-Sieg gegen Bietigheim am 8. März war das letzte Spiel des HSVH in dieser Saison.

Hamburgs Jan Kleineidam setzt im Fallen zum Wurf an. Der 34:28-Sieg gegen Bietigheim am 8. März war das letzte Spiel des HSVH in dieser Saison.

Foto: Witters

Handballclubs und -verbände treffen „alternativlose“ Entscheidung. Der HSVH steht vor wichtigen Wochen.

Hamburg. Es gibt nüchterne Wahrheiten dieser Tage im Spitzensport: Der THW Kiel ist seit Dienstagmittag, 12.30 Uhr, deutscher Handballmeister. Erstmals seit 2015 darf der Branchenprimus aus dem Norden wieder den Titelgewinn bejubeln, den insgesamt 21. in der Historie des Rekordmeisters. Gefeiert wird jedoch nicht emotional vor den Fans, sondern nach dem Saisonabbruch einsam vor dem Laptop. „Nach einer richtigen Feier ist keinem zumute“, sagt THW-Sport-Geschäftsführer Viktor Szilagyi. Die Profis konnten sich beim gemeinsamen Videochat lediglich virtuell zuprosten. „Wir freuen uns dennoch. Es ist eine große Bestätigung für das Geleistete“, ergänzt Szilagyi.

Anders als in den abgebrochenen Spielzeiten im Eishockey (DEL) und im Volleyball (VBL) entschied sich im Handball das Präsidium aus Ligaverband (HBL) und Deutschem Handball-Bund (DHB), einen Titelträger zu küren. Nach Anwendung der sogenannten Quotientenregelung, bei der die zum Zeitpunkt der Unterbrechung am 12. März erzielten Punkte durch die Anzahl der absolvierten Spiele geteilt wird, ist der THW Kiel Deutschlands erster Coronameister. Nordrivale SG Flensburg-Handewitt hat bei einem mehr absolvierten Spiel und zwei Punkten Rückstand das Nachsehen. Das direkte Duell in Flensburg hätte noch ausgestanden. Hätte.

Kreative Lösungen gefragt

Zuvor beschlossen die Gesellschafter der 36 Erst- und Zweitligisten im Umlaufverfahren den erstmaligen Abbruch der Spielzeit. Den seit Tagen erwarteten Schritt bezeichnete HBL-Präsident Uwe Schwenker (61) als „sehr bitter, aber alternativlos“. Nach Abendblatt-Informationen gab es nur eine Gegenstimme. Die Füchse Berlin um den früheren Hamburger Manager Bob Hanning (52) hatten zuletzt ein Alternativmodell vorgelegt, mit dem die Saison bis zum 30. Juni zu Ende gespielt werden sollte – möglicherweise konzentriert an einem Ort und ohne Fans. Die Berliner sind als Sechste nach Anwendung der Quotientenregel der einzige Verlierer, tauschen mit den Rhein-Neckar Löwen (5.) die Tabellenposition. Die Füchse verlieren jetzt ihren Europapokalplatz.

Hannings Vorschlag war angesichts der bisher untersagten Trainingsmöglichkeiten, der Kürze der Zeit und vor allem der finanziellen Aspekte aus teurer Organisation (Hunderte Virustests), Spielern in Kurzarbeit und Ticketing-Einbußen nicht mehrheitsfähig. Noch nicht. Denn angesichts des Verbots von Großveranstaltungen bis zum 31. August werden kreative Lösungen mit Blick auf den Saisonstart 2020/21 möglicherweise wieder gefragt. Der im Rahmenterminplan avisierte Ligabeginn am 26. August wird auf Mitte September verschoben.

Kommende Zeit wird „existenziell entscheidend“

„Geisterspiele zum jetzigen Zeitpunkt waren keine Option“, sagt Sebastian Frecke (33). Der Geschäftsführer der Spielbetriebs-GmbH des Handball Sport Vereins Hamburg (HSVH) hatte „notgedrungen“ für den Abbruch gestimmt. „Sollten Spiele vor Zuschauern bis ins neue Jahr hinein nicht möglich sein, muss man sich mit Geisterspielen ernsthaft beschäftigen. Handball darf nicht für ein Dreivierteljahr von der Bildfläche verschwinden“, sagt Frecke.

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„Existenziell entscheidend“ für das wirtschaftliche Überleben der Clubs werden nun die kommenden Tage, Wochen und Monate sein, betont HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann. Auf ein Minus von 25 Millionen Euro taxiert der 55-Jährige die Verluste und Einbußen der Clubs nach dem Saisonabbruch. Rund 300.000 Euro entgehen dem Zweitligaachten HSVH durch das Ausbleiben von noch sechs Heimspielen. Dazu kommen mögliche Regressansprüche von Karteninhabern und Sponsoren. Umso wichtiger sei jetzt der Abbruch gewesen, um die Folgen überblicken zu können. Sebastian Frecke hofft, „in 14 Tagen eine Bestandsaufnahme auf den Cent genau“ vorliegen zu haben: „Bislang konnten wir nur reagieren, jetzt können wir agieren.“

HSVH-Maßnahmen fruchten

Die vom HSVH ergriffenen Maßnahmen wie die bis 30. Juni beantragte Kurzarbeit für Mannschaft und Geschäftsstelle fruchten. Nächster Block sei es, mit der Berufsgenossenschaft VBG, die länger verletzte Sportler bezahlt, eine Stundung des zugestellten Beitragsbescheids zu erreichen. Die HBL-Clubs verhandeln gemeinsam. Weitere 20 Prozent Personalkosten ließen sich so einsparen. Gespräche mit den 130 Sponsoren sind weitestgehend geführt. Die Resonanz sei trotz eigener Krisen positiv-solidarisch. So habe Trikotsponsor Block House signalisiert, auch 2020/21 dabeizubleiben. Rückzahlungsmodalitäten für Ticketinhaber will der Club zeitnah kommunizieren. Die Zuschauerkrösus der Liga – 3539 Besucher im Schnitt – hat mehr als 2000 Dauerkarten verkauft.

Die Fanclubs „Störtebeker“ (160 Mitglieder) und „21“ (60) kündigten an, nahezu geschlossen auf Rückzahlungen zu verzichten. Nach der Bestandsaufnahme könnten weitere „kreative Unterstützermaßnahmen“ folgen, kündigte Frecke an. Möglicherweise greife man auf den Nothilfefonds Sport der Stadt Hamburg zurück. Bis zu 25.000 Euro könnte der HSVH beantragen. Die HBL erhöht zudem den Druck auf politische Hilfen.

Krise wird wahrscheinlich lange nachwirken

„Nichts wird sein wie vorher. Ich gehe davon aus, dass diese Krise zwei Jahre nachwirkt“, sagt Frecke. Die Etats aus Sponsoring und Ticketing werden schrumpfen, der des HSVH möglicherweise „um 30 bis 40 Prozent“. In diese Spielzeit waren die Hamburger mit rund 2,5 Millionen Euro gestartet. 13 von 19 Spielerverträgen haben für die nächste Saison Bestand, das junge Team dürfte größtenteils zusammenbleiben.

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Nach dem ebenfalls erfolgten Saisonabbruch in der A-Jugend-Bundesliga, für die sich der HSVH 2020/21 bereits qualifiziert hatte, und in den vier Staffeln der Dritten Liga wird die Zweite Liga vorbehaltlich der positiven Lizenzierung auf 19 Teams aufgestockt. Die Drittligameister Dessau (Nord-Ost), Wilhelmshaven (Nord-West), Großwallstadt (Mitte) und Fürstenfeldbruck (Süd) sind aufstiegsberechtigt. Zweitligaschlusslicht Krefeld hatte keinen Lizenzantrag gestellt, wird absteigen; der HSC Coburg und TuSEM Essen sind die beiden Erstligaaufsteiger. Sportliche Absteiger wird es nicht geben. Dadurch erhöht sich die Erste Liga auf 20 Mannschaften, 2020/21 soll es dann vier Absteiger geben.

Nüchterne Wahrheiten

Von der Nicht-Abstiegsregel profitiert auch die HG Hamburg-Barmbek. Der Drittligavorletzte, der mit 10.000 Euro Einbußen kalkuliert, prüft bis zum 15. Mai, „ob wir die wirtschaftlichen Anforderungen für eine weitere Drittligasaison schaffen können. Es wäre unsere dritte“, sagt Sportchef Jürgen Hitsch.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Auf einen Pokalwettbewerb 2020/21 will der DHB verzichten. Das aktuelle Final Four am 27./28. Juni in Hamburg wird auf einen Termin nach dem 31. August verschoben. Im Gegensatz zu den Männern hat der Ligaverband der Frauen (HBF), der die Saison am 18. März abgebrochen hatte, darauf verzichtet, Tabellenführer Borussia Dortmund trotz Quotientenregelung zum Meister zu erklären. „Maßgeblich dafür ist, dass noch ein Drittel der Saison zu spielen war, zudem das direkte Duell zwischen Dortmund und Verfolger Bietigheim noch anstand“, begründet HBF-Geschäftsführer Christoph Wendt. Der Buxtehuder SV beendete die Saison auf Platz sieben, Zweitligaspitzenreiter Buchholz-Rosengarten ist aufstiegsberechtigt.

So lauten sie, die nüchternen Wahrheiten dieses Dienstagmittags.