Handball

„Bei uns wird nicht so kurzfristig gedacht wie im Fußball“

Torsten ''Toto'' Jansen (42) wurde als Spieler mit Deutschland Weltmeister und mit dem HSV Hamburg Champions-League-Sieger.

Torsten ''Toto'' Jansen (42) wurde als Spieler mit Deutschland Weltmeister und mit dem HSV Hamburg Champions-League-Sieger.

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Torsten Jansen, Trainer des HSV Hamburg, über die neue Zweitligasaison, seinen Gehaltsverzicht und die häufigen Verletzungen.

Hamburg.  Torsten Jansen hat es eilig. „Ich will noch das Video schneiden“, sagt der Trainer des Handball Sport Vereins Hamburg (HSVH). Stärken und Schwächen des kommenden Gegners herausarbeiten, „dafür habe ich heute nur zwei Stunden“. Für das Gespräch mit dem Abendblatt nimmt sich der 42-Jährige vor dem Saisonauftakt in der 2. Bundesliga an diesem Sonnabend beim TuS Ferndorf (19.30 Uhr/live Sportdeutschland.tv) dennoch Zeit. Die Pokalniederlage vor einer Woche gegen Drittligist Hagen (29:30) ist aufgearbeitet, die angeschlagenen Profis wie Torhüter Aron Edvardsson (Oberschenkelprobleme) und Kapitän Lukas Ossenkopp (Rückenblockade) meldeten sich spielfähig. „Es ist alles wieder eine Herausforderung, jedes Spiel, jede Saison aufs Neue“, sagt der Weltmeister von 2007, der als Trainer mit dem HSVH nach Klassenerhalt und Tabellenplatz zwölf als Aufsteiger im Vorjahr nun höhere Ziele formuliert.

Hamburger Abendblatt: Herr Jansen, nach der Reduzierung von 20 auf 18 Teams ist die Zweite Liga jetzt noch aus­geglichener?

Torsten Jansen: Das war sie schon vorher. Das haben wir vergangene Saison erlebt. Daran hat sich nichts geändert.

Für einen Aufsteiger sei das zweite Jahr schwerer als das erste, heißt es. Stimmt das?

Diese These ist nicht verifiziert – und wenn, würden wir sie gern widerlegen. Wir wollen tabellarisch besser abschneiden als in der Vorsaison, mit den unteren Regionen nichts zu tun haben. Wir wollen uns weiter verbessern, haben in allen Bereichen noch Steigerungspotenzial.

Wie viel tragen dazu die vier Neuzugänge bei? An vorderster Stelle die erstligaerprobten Jens Schöngarth (30/Rückraumrechts/aus Göppingen) und Tobias Schimmelbauer (32/Linksaußen/Stuttgart), die als designierte Führungsspieler auserkoren sind?

Ich halte es immer für schwierig, solche Dinge im Voraus zu bewerten. Natürlich verspricht man sich eine Qualitätssteigerung von den Neuzugängen. Das tun wir auch. Alle vier sind ohne Probleme aufgenommen worden. Es ist ein gutes Miteinander. Wir sprechen viel, mit mir als Trainer ebenso das Team untereinander. Das ergibt sich bei uns von allein. Daher denke ich, es funktioniert. Was ich im Training gesehen habe, ist ansprechend. Dreieinhalb Vorbereitungsspiele waren gut, das Pokalspiel nicht. Nun muss es sich im Wettkampfmodus zeigen.

Wie ist der Pokalauftritt gegen Hagen zu erklären? In der vergangenen Rückrunde hatte sich das Team nach anfänglichen Problemen schon gefestigter präsentiert.

Grundbereitschaft, Einsatzfreude haben gefehlt. Immer wenn man sich zu sicher fühlt, wenn alles zu harmonisch läuft, muss man am wachsamsten sein. So war es auch gegen Hagen. Nichts läuft von allein. Auch im Erfolgsfall gibt es Kleinigkeiten zu verbessern. Das ist die Kunst.

Wollten Sie das Spiel denn überhaupt gewinnen? Am Folgetag hätte Bundesligist SC Magdeburg als Gegner gedroht?

Wir wollten gewinnen. Personell waren wir aber sehr dezimiert, fast am Limit.

Wie sind die Ausfälle zu diesem Saisonzeitpunkt zu erklären? Trainieren Sie falsch?

Wir haben keine muskulären Verletzungen, die auf eine falsche Belastung schließen lassen. Ein paar Dinge wie etwa Rückenblockaden lassen sich nie ausschließen. Handball ist eine Kontaktsportart, ein Schlag zur falschen Zeit an der falschen Stelle, schon ist es passiert. Im Training versuchen wir an der Reizschwelle zu arbeiten, an der sich die Jungs verbessern, aber man den Körper eben nicht kaputt macht. Da den Grad zu finden, wo es genau passt, ist nicht immer einfach; zumal jeder Spieler unterschiedlich belastet werden muss. Vielleicht hätte der eine oder andere im Pokal mehr spielen können, wenn es nötig gewesen wäre. Nur ist alles auf den Ligastart ausgerichtet. Der ist wichtiger.

Inwieweit hat Ihre junge Mannschaft (Durchschnitt: 24,4 Jahre) die körperlichen Nachteile im Vergleich von der Dritten zur Zweiten Liga aufgeholt? Mit den Neuzugängen ist das Team im Schnitt um 2,3 Zentimeter gewachsen (auf 1,93 m), hat dazu knapp fünf Kilo zugelegt (auf 95,1 kg).

Wir haben als Team physisch zugelegt, ja, aber auch das ist ein Prozess, der dauert. Längst nicht alle haben ihr Potenzial ausgeschöpft. Gerade die jungen Spieler versuchen wir langfristig aufzubauen.

Wie sieht Ihr Krafttraining aus?

Wir arbeiten im WestGym in Altona mit einem Athletiktrainer zusammen. Es ist eine Mischung aus präventiven Übungen, Kraftaufbau, Krafterhalt in der Saison. Wir arbeiten viel im intermuskulär-koordinativen Bereich, das heißt, wenig Wiederholungen, relativ viel Gewicht, ohne sich im Maximalkraftbereich zu überfordern. Viel Überwachen muss ich nicht. Die Jungs sind alle hochprofessionell, auch wenn die meisten zusätzlich studieren oder arbeiten. Ernährung, das Warmmachen vor dem Warmmachen, das geschieht alles in Eigenverantwortung. Die sind alle gut erzogen.

Sie hatten es bislang überwiegend mit jungen Spielern zu tun, jetzt kamen gestandene Profis dazu. Ändert das Ihre Ansprache?

Es ist klar, dass ein Leif Tissier mit seinen 19 Jahren in einer anderen handballerischen Entwicklungsphase, aber auch einer anderen Lebensphase steckt als etwa ein Jens Schöngarth. Das heißt für mich, dass ich den jungen Spielern gewisse Dinge, die sie noch nicht können oder die sie sich noch nicht zutrauen, anders zu vermitteln versuche als Jens, dem ich nur Kleinigkeiten sagen muss. Die jungen Spieler verbessern sich aber nur, wenn man sie spielen lässt. Das tun wir. Die Entwicklung gibt uns recht.

Stimmt es, dass Sie auf eine Gehaltserhöhung verzichtet haben, damit der Club neue Spieler verpflichten kann?

Ja, das haben wir mal gemacht. Das ist aber nicht der Rede wert.

Das heißt, Sie stehen weiter 100-prozentig hinter dem Konzept des Vereins?

Selbstverständlich. Ich stehe mit voller Überzeugung hinter unseren Zielen.

Wo sehen Sie noch Potenzial? Und: Gibt es einen Masterplan für die Rückkehr in die Erste Bundesliga?

Der ist im Hintergrund mit Sicherheit in der Mache, ohne uns jetzt zeitlich festlegen zu müssen. Wir können uns auch im Verein auf allen Ebenen noch steigern. Das, was wir sportlich zur Verfügung haben, ist super. Wir haben eine Trainingshalle, die wir, allerdings anders als andere Vereine, gegen ein entsprechendes Entgelt nutzen. Einen kleinen Kraftraum, mit dem Lans Medicum eine ärztliche Rundum-Betreuung. Viel mehr braucht es im Sportlichen nicht. Klar, könnte ich mir noch Dinge wie eine Kantine wünschen, ein Internat für Talente, aber das sind auch im Verein Prozesse: Was ist finanziell und strukturell darstellbar und was eben noch nicht?

Das klingt nach einer großen Gesamtverantwortung, die Sie im Blick haben müssen?

Bei uns wird nicht ganz so kurzfristig gedacht wie oft im Fußball. Die finanziellen Rahmenbedingungen sind dort ganz andere und eröffnen dadurch auch andere Möglichkeiten. Wenn wie bei uns der Torwarttrainer aus beruflichen Gründen aufhört, suche ich einen neuen. Ich bin sehr froh, dass Goran Stojanovic uns jetzt hilft. Von seiner Erfahrung werden unsere drei Torhüter profitieren.

Zur Liga: Sind die Absteiger Bietigheim und Gummersbach die Aufstiegsfavoriten?

Es gibt vier, fünf Mannschaften, die oben mitspielen werden – plus x.

Mannschaft x ist der HSVH?

Wir wollen besser abschneiden als in der vergangenen Saison. Punkt.