Relegationsdrama beim KSC

Tomorrow, my friend – und was wirklich noch alles passierte

Der Moment, der in die HSV-Geschichtsbücher eingehen sollte: Marcelo Díaz schießt (nach einem natürlich völlig berechtigten Freistoßpfiff) in der Nachspielzeit das Tor zum 1:1.

Der Moment, der in die HSV-Geschichtsbücher eingehen sollte: Marcelo Díaz schießt (nach einem natürlich völlig berechtigten Freistoßpfiff) in der Nachspielzeit das Tor zum 1:1.

Foto: imago sportfotodienst / imago/ActionPictures

Vier Jahre nach dem legendären Spiel kehrt der HSV nach Karlsruhe zurück. Die Protagonisten von damals erinnern sich – oder auch nicht.

Hamburg.  Rafael van der Vaart sitzt am Frühstückstisch im East-Hotel und weiß genau, was jetzt kommt. Tomorrow, my friend. Der Niederländer rollt mit den Augen. Schon mehrfach hat van der Vaart erklärt, dass er im Nachhinein froh ist, dass Marcelo Díaz vor ziemlich genau vier Jahren den legendären Freistoß in der Nachspielzeit zum 1:1 in der Relegation in Karlsruhe verwandelt hat. Es war eines der wichtigsten Tore der Clubgeschichte. Der HSV war praktisch abgestiegen, dann schoss Díaz. Verlängerung. Am Ende gewann der HSV 2:1.

Marcelo Díaz trifft für den HSV in der Relegation 2015

Doch dieses Märchen, dass der Chilene unmittelbar vor dem Freistoß zu van der Vaart „Tomorrow, my friend“ gesagt und dann selbst statt des Niederländers geschossen habe, das hätte es nun mal nie gegeben. Oder etwa doch?

Edson Büttner, der damalige Übersetzter, erinnert sich jedenfalls noch gut daran, dass bereits in der Halbzeit Díaz aufgebracht war. „Cojones“ habe der Südamerikaner immer wieder gesagt. Zu Deutsch: Eier. Wer keine Cojones hätte, der solle sich auswechseln lassen. Außerdem habe Díaz den Dolmetscher gebeten, van der Vaart zu sagen, dass er in jedem Fall den nächsten Freistoß schießen werde. Büttners Übersetzung soll aber etwas anders geklungen haben. „Ihr müsst das unter euch klären“, soll Büttner dann zu van der Vaart gesagt haben.

„Die Geschichte wird ja immer besser“, sagt van der Vaart vier Jahre später im East und nimmt einen Schluck Wasser. „Marcelo hätte mir das natürlich auch direkt sagen können, weil ich ja spanisch spreche.“ Van der Vaart lacht. „Ganz ehrlich: Das hätte er nicht gewagt. Aber ich freue mich sehr, dass er den Freistoß reingehauen hat. Aber alles rund um diesen Freistoß ist Legende.“

HSV-Relegation in Karlsruhe: Was geschah wirklich?

Legende oder legendär? Vier Jahre nach einem der emotionalsten Spiele der HSV-Geschichte müssen die Hamburger am Sonntag (13.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei abendblatt.de) erstmals wieder zum KSC ins Wildparkstadion. Das Abendblatt hat in der Woche vor dem Spiel noch einmal mit einer Reihe von Protagonisten von damals gesprochen. Die Ereignisse, die damals wirklich passierten, sind gar nicht so einfach zu rekonstruieren.

„Ich habe direkt nach dem Schlusspfiff noch in der Kabine eine Flasche Weißwein getrunken“, sagt beispielsweise van der Vaart, der sich dabei in bester Gesellschaft fand. Nur so ist auch zu erklären, dass sich eine ganze Reihe von Spielern nicht mehr sicher ist, ob die Mannschaft mit dem Bus zurück nach Hamburg gefahren – oder ob sie von Karlsruhe aus geflogen ist.

Die Wahrheit ist: beides ist falsch. Um 23.33 Uhr fuhr der Mannschaftsbus damals los, über die Lautsprecher dröhnte der Red-Hot-Chili-Peppers-Song „Can`t stop.“ Doch Busfahrer Miro Zadach fuhr die Feiergesellschaft nicht nach Hamburg, sondern „nur“ zum City-Airport Mannheim. Mit der Chartermaschine ging es von hier nach Hannover-Langenhagen, wo die „Relegationshelden“ ein Mietbus erwartete. Der setzte die Hamburger um 3.31 Uhr direkt vor der Pöseldorfer Kultkneipe Zwick ab.

„Ich muss gestehen, dass ich auch nicht mehr weiß, ob wir geflogen oder gefahren sind“, sagt Dennis Diekmeier, der sich nur noch erinnern kann, dass Ehefrau Dana bei der Feier im Zwick nicht dabei war. „Sie war in Karlsruhe im Hamburger Fan-Block. Das war natürlich unglaublich, nur unsere Party hat sie leider verpasst“, sagt Diekmeier.

Frau Diekmeier war nicht die Einzige, die „vielleicht die größte Feier, die ich als Fußballer je hatte“ (van der Vaart) verpasste. Auch Frank Wettstein musste in Karlsruhe bleiben. Der Finanzvorstand wollte noch mit einer Gruppe von Lagardère-Mitarbeitern etwas essen und trinken gehen. Das Problem: Es fand sich zunächst kein entsprechendes Lokal. Lediglich die Tapas-Bar Besitos hatte noch geöffnet. Die lange Öffnungszeit nutzten Wettstein und die Kollegen des HSV-Vermarkters dann entsprechend aus. Am nächsten Morgen fuhr Wettstein alleine mit dem Auto zurück nach Hamburg. Für die 632 Kilometer lange Strecke brauchte er weniger als fünf Stunden.

Wettstein sitzt im Stadionrestaurant Raute. Er ist heute der einzige HSV-Verantwortliche, der vor vier Jahren schon dabei war. Der 45-Jährige erinnert sich noch gut an die entscheidenden Momente. „Das 1:0 für Karlsruhe war die Wende“, sagt Wettstein heute. „Von da an war klar, dass wir mehr Risiko gehen müssen. Ohne das Karlsruher Tor wäre das Spiel wohl 0:0 ausgegangen.“ Vor dem Freistoß zum 1:1 wurde auf den HSV-Plätzen auf der VIP-Tribüne getuschelt. „Rafa, tu uns den Gefallen“, sagte einer. „Wenn er uns einen Gefallen tut, schießt er nicht“, sagte ein anderer.

Er schoss nicht – und machte so Díaz zum Helden. Nach dem Abpfiff schenkte Díaz Dolmetscher Edson seine Schuhe und das Trikot. Als er später feststellte, welche Bedeutung die Sachen haben, bat er Büttner, die Sachen zurückzugeben. „Ich habe ihm gesagt, das kann er vergessen“, erzählt Büttner und lacht.

Überhaupt nicht zum Lachen findet auch heute noch KSC-Torhüter Dirk Orlishausen das alles. Der Keeper saß mit Pierre-Michel Lasogga nach der „schlimmsten Niederlage meiner Karriere“ in einem kleinen Raum bei der Dopingprobe. In den Tagen danach wollte Orlishausen nur noch weit weg – und buchte einen Flug auf die Kapverden. „Ich steige dann in den Flieger“, sagt der Ex-KSC-Keeper im Fan-Podcast „Wildparkbruddler“, „und neben mir sitzt direkt ein Typ mit einem HSV-Rucksack.“ Auf den Kapverden angekommen ging es dann weiter. Am Strand liefen Orlishausen zwei Mädels entgegen – „und beide hatten ein HSV-Trikot an“.

Das hatte Matthias Ostrzolek kurz nach dem Schlusspfiff nicht mehr an. Noch auf dem Rasen tauschte der heutige Hannoveraner mit einem Fan Klamotten. Ostrzolek gab sein Trikot und bekam einen Schal. „Wenn ich die Bilder mit den Fans auf dem Rasen sehe, bekomme ich jetzt noch Gänsehaut“, sagt er am Telefon. „Das war ein wahnsinnig emotionaler Abend, an den ich mich immer und ewig erinnern werde.“

Das geht auch Eddy Sözer nicht anders. Der Co-Trainer von Bruno Labbadia steht am Montagabend beim „Sport Bild“-Award in der Fischauktionshalle an einem langen Tisch und erinnert sich an die Busfahrt. Sözer saß auf der Fahrt zum Flughafen Mannheim in der ersten Reihe. „Der Bus hat richtig gewackelt“, sagt Sözer. „Ich weiß noch, wie Miro uns mehrfach beruhigen musste, damit der Bus wieder stabil fährt. Über das Mikro hat er dann immer wieder gesagt, wenn wir weiterhüpfen konnten.“

Auch Labbadia war am Montag in der Fischauktionshalle. Als ihn das Abendblatt auf der Terrasse am Elbufer an die damalige Nacht erinnert, leuchten seine Augen. „Wir hatten nach dem Zwick noch Hunger und wollten unbedingt noch etwas essen. Und um die Uhrzeit war Erikas Eck die einzige Möglichkeit“, sagt Labbadia. Das Foto, wie er mit seiner Frau Sylvia, Dietmar Beiersdorfer und dessen Frau Olcay morgens um halb sechs in dem Kultlokal in der Schanze sitzt und Schnitzel isst, wurde berühmt. Ex-Pressesprecher Jörn Wolf hatte es gemacht. Und wer Beiersdorfer auf dem Foto sieht, der kann sich vorstellen, wie der Vorstandschef damals gelitten hat. „Bis zum Freistoß war es grauenhaft, dann sagenhaft“, sagt Beiersdorfer heute. Auch Rafael van der Vaart war bei Schnitzel und Bratkartoffeln noch dabei.

„Die Feier nach dem Sieg war unglaublich“, sagt van der Vaart heute. Tomorrow hin, my friend her. „Es war, als ob wir die Champions League gewonnen haben. Und es wird für immer eine unvergessliche Nacht bleiben …“