Das neue Leben des Martin Schwalb

Der ehemalige Trainer der HSV-Handballer erlitt vor einem halben Jahr einen Herzinfarkt. Jetzt ist er ruhiger geworden und fühlt sich fitter denn je

Hamburg. Als Martin Schwalb vor Kurzem einen Artikel in dieser Zeitung liest, in dem die ungewisse Zukunft des deutschen Handballs diskutiert wird, greift der langjährige Trainer des Handball-Sport-Vereins (HSV) Hamburg spontan zu seinem Smartphone. Er teile die Einschätzung, sagt er, zählt Versäumnisse auf, entwickelt dann Ideen, was zu tun sein, und das möglichst im Handumdrehen. Sein Redefluss ist kaum zu stoppen. So oder ähnlich muss er in der Kabine vor seinen Spielern gestanden, sie zu Höchstleistungen getrieben haben: Klar in der Ansprache, überzeugend, aber auf eine faszinierende Weise auch unaufgeregt.

Martin Schwalb, 51, ist zurück im Leben. Ein halbes Jahr nach seinem schweren Herzinfarkt ist bei ihm wieder dieses Engagement, jene Leidenschaft und Energie zu spüren, mit denen er neun Jahre lang die Erfolgsgeschichte der HSV-Handballer mit schrieb: zwei nationale Pokalsiege (2006, 2010), ein Europapokalsieg (2007), die deutsche Meisterschaft (2011), den Triumph in der Champions League (2013). Die Fans des Vereins lieben ihn bis heute dafür, andere im Club, die mit Ämtern oder Anteilen, pflegen inzwischen ein distanziertes Verhältnis zu ihm. Dennoch sagt Schwalb: „Der Verein liegt mir am Herzen. Er bleibt Teil meines Lebens.“ Schon von Rechts wegen. Das Arbeitsgericht Hamburg bescheinigt ihm am 4. Dezember, dass sein Vertrag beim HSV ungekündigt ist.

Schwalb hat im vergangenen halben Jahr ein paar Pfund abgenommen. Er, der 193-malige Nationalspieler, Rückraum rechts, Linkshänder, später begeisterter Hobbygolfer, war immer schlank, jetzt wirkt er noch drahtiger. „Ich bin fit, so fit wie seit Jahren nicht mehr. Ich brenne wieder“, sagt er. Sein Gesicht ist leicht gebräunt, die gesunde Hautfarbe verrät, dass er das letzte Mal am 3. Juli zur Zigarette griff, an jenem Tag, der sein Leben dramatisch verändern sollte. „Wenn ich wieder rauchen würde, versündigte ich mich an all den Leuten, die mir geholfen haben, dass ich überhaupt noch auf dieser schönen Welt sein darf. Das wäre doch Verrat.“

Vier- bis fünfmal die Woche fährt Schwalb jetzt ins Fitnessstudio, geht meist für gut eine Stunde auf den Stepper, danach stemmt er Gewichte, manchmal schwitzt er anschließend in der Sauna. Seine Gesundheit nimmt er wieder ernst. Allein laufen lässt seine Hüfte nicht zu, die überfällige Operation sei jedoch im Moment nicht möglich: „Ich würde dabei verbluten.“ Sechs Pillen, die sein Blut verdünnen, muss er täglich schlucken, vier morgens, zwei abends, mindestens ein weiteres halbes Jahr. Das ist bei Patienten üblich, die Stents bekommen haben.

Nach seinem Vorderwandinfarkt werden Schwalb in einer dreistündigen Operation im Heidberg-Krankenhaus vier dieser Gefäßstützen implantiert. Sie verwachsen auf Dauer mit dem Herzgewebe. Zwei Arterien in seinem Herzen waren fast vollständig verstopft, eine zu 90, die andere zu 95 Prozent. Zwei Jahre zuvor hatte sich Schwalb gründlich untersuchen lassen – ohne Befund. „Die Ärzte haben mir gesagt, dass sich dieses Krankheitsbild innerhalb von acht bis zehn Wochen entwickeln kann. Eindeutige Ursachen gibt es nicht, äußere Faktoren können eine Rolle spielen, genetische ebenfalls. Meinem Vater wurden zwei Bypässe gelegt, da war er aber schon älter. Vor meinem Infarkt habe ich nie diese typischen Symptome wahrgenommen, etwa Schmerzen im linken Arm oder Beklemmungen in der Brust.“

Bei Schwalb fallen damals zwei Umstände zusammen. Seit Jahren ist er ein starker Raucher, und sein HSV kämpft nach dem Rücktritt von Präsident Andreas Rudolph vom 8. Mai um die Existenz. „Das war Stress pur.“ Erst in dritter Instanz erhält der Club am 1. Juli vom Schiedsgericht der Handball-Bundesliga die Lizenz. Zwei Tage später kündigt der HSV Schwalb fristlos. Der damalige Geschäftsführer Holger Liekefett, ein Freund Schwalbs, überbringt ihm morgens die Nachricht persönlich in sein Haus in Poppenbüttel.

An das, was danach geschieht, erinnert sich Schwalb ganz genau: „Ich habe mich hingelegt, noch eine letzte Zigarette geraucht. Die zog in den ganzen Körper. Plötzlich spürte ich heftige Schmerzen in der Brust. Die habe ich aufs Rauchen geschoben.“ Zur Schulaufführung seines Sohnes Maximilian, 12, steht er mittags auf, auf dem Schulhof angekommen, setzt er sich kurz hin, kehrt dann um, fährt nach Hause. Das Sprechen fällt ihm schwer. Ihm ist übel. Seine Frau Gabi verständigt Ute Timmermann, eine befreundete Nachbarin, die nach ihm sehen soll. Schwalb schickt sie wieder weg. Sie bleibt im Treppenhaus vor der Tür sitzen, horcht voller Sorge in die Wohnung rein. Das ist seine Rettung.

Kurz danach, er liegt auf dem Bett, ahnt er, „wenn nicht sofort jemand kommt, der mir hilft, ist es vorbei mit mir. Allein schaffe ich das nicht mehr.“ Ute Timmermann hört ihn, ruft einen Notarzt, der landet kurze Zeit später mit einem Rettungshubschrauber in der Straße. Die Operation erlebt Schwalb bei vollem Bewusstsein. Drei Tage später verlässt er das Krankenhaus. „Ich hatte unendlich Glück und sehr, sehr gute Ärzte“, sagt er. 60 Prozent überleben einen derartig schweren Infarkt nicht.

Die Erlebnisse schwirren bis heute in seinem Kopf herum, manchmal holen sie ihn im Schlaf in seinen Träumen ein. Vergessen kann er sie nicht, „und das ist auch gut so“. Was damals passierte, sei eine allerletzte Mahnung gewesen, dankbar und demütig mit dem Geschenk des Lebens umzugehen, sagt Schwalb. Mehr Zeit zum Genießen hat er sich verordnet, Zeit zum Nachdenken, zum Innehalten, zum Entschleunigen. Seine Werte haben sich verschoben. Begriffe wie Erfolg und Leistung hat er für sich neu definiert, nicht mehr eindimensional wie bisher, eher ganzheitlich. „Ich habe jahrelang wie eine Maschine funktioniert, ohne Wartung, immer nur weiter, weiter, weiter.“

Heute gelingt es ihm wieder, Bücher zu lesen, sich Zeit zu nehmen, anderen Menschen zuzuhören, ins Theater oder Kino zu gehen. „Neulich habe ich mich um sechs Uhr abends mit einem Freund auf ein Bier getroffen. Das habe ich seit zehn Jahren nicht mehr geschafft; einfach mal plaudern, dabei nicht an das nächste Spiel oder Training denken. Das ist Leben!“ Wobei seine Aufgabe beim HSV weit mehr umfasste, als zu trainieren und zu coachen. Dazu muss man wissen, dass in dem Club selbst in erfolgreichen Zeiten Unruhe herrschte. Andreas Rudolph hält Konflikte für leistungsfördernd. Das ist die Philosophie des erfolgreichen Unternehmers. Schwalb war im Verein nicht nur als Trainer, oft auch als Moderator und Schlichter gefragt.

Jetzt will er alsbald wieder im Handball arbeiten. Beim Pay-TV-Sender Sky kommentiert er seit Ende September als Experte die Champions-League-Spiele der drei deutschen Clubs. Das Geld, das er dort verdient, wird voraussichtlich auf sein Gehalt beim HSV angerechnet. Schadensminderungspflicht heißt das im Arbeitsrecht. Schwalb ist von der Professionalität, der Kreativität des Senders beeindruckt. Dessen Engagement sei vielleicht die letzte Chance, den allgemeinen Abwärtstrend des Handballs zu stoppen.

„Wir haben es in den vergangenen 15 Jahren nicht wie der Fußball verstanden, unseren Sport für alle gesellschaftlichen Schichten zu öffnen, ihn attraktiv für jedermann zu machen.“ Für den WM-Sieg der deutschen Männer 2007 habe man sich unendlich gefeiert, darüber aber in gnadenloser Selbstüberschätzung vergessen, die strukturellen Probleme zu erkennen und zu beheben. Der Handball schmore dadurch weiter im eigenen Saft, „und das Publikum stirbt uns allmählich weg, neues wächst kaum nach“. Er könne deshalb nicht verstehen, dass sich Leute aus der Szene bitter beklagen, jetzt 15 Euro im Monat für Übertragungen der Champions League bezahlen zu müssen. „Die erkennen nicht, welche Möglichkeiten sich daraus ergeben. Das ist möglicherweise die letzte Patrone, die wir haben.“

Schwalb reizen im Handball nach wie vor viele Aufgaben. Natürlich wäre er gern Bundestrainer geworden. Die Entscheidung über den Nachfolger von Martin Heuberger, dessen ausgelaufener Vertrag Ende Juni nicht verlängert wird, fällt im August in die Phase seiner Genesung. „Ich hätte mich jedoch gefreut, wenn mich nach meinem Herzinfarkt mal jemand vom Deutschen Handball-Bund angerufen und mich gefragt hätte, ‚Martin, wie geht’s dir jetzt?‘“ Dass der Isländer Dagur Sigurdsson vom deutschen Pokalsieger Füchse Berlin schließlich den Zuschlag erhält, überrascht ihn nicht. „Dagur ist ein hervorragender Mann“, sagt Schwalb, aber eines irritiert ihn doch: „Den deutschen Trainern wird hierzulande zu wenig Respekt erwiesen. Ich weiß nicht, warum?“

Wenn Schwalb heute über diese Themen spricht, hört sich das anders an als noch vor einem Jahr. Er wirkt entspannter, nicht so aufbrausend wie einst, ruhiger, mit sich im Reinen. Er lacht häufig. Endlich scheint er zu wissen, was wirklich wichtig im Leben ist. Das gibt ihm Kraft. „Ich bin zufrieden, wie ich es lange nicht mehr war. Ich bin unendlich dankbar, dass ich eine solch großartige Familie habe, dazu viele sehr gute Freunde. Ich kann auf alle diese tollen Menschen zählen, das habe ich in den Stunden erfahren, als es mir am dreckigsten ging. Und das macht mich unheimlich stolz.“

In diesen Tagen wird Martin Schwalb Großvater. Alina, 24, seine Tochter aus erster Ehe, erwartet ihr erstes Kind. „Dass ich das noch erleben darf“, sagt er und schmunzelnd. „Das Leben meint es offenbar wieder gut mit mir.“ Dass daraus auch Verantwortung im Umgang mit sich selbst erwächst, hat er jetzt begriffen.