„Ich trauere der Chance Hamburg nicht nach“

Handball-Nationalspieler Uwe Gensheimer spricht vor dem Supercup über die sportliche Perspektive der DHB-Auswahl, die Lust auf Titel und die Absage an den HSV

Hannover. Natürlich haben sie Uwe Gensheimer als Motiv ausgesucht für die Stellwand, um den Raum für die Pressekonferenz des Deutschen Handball-Bundes im Lotto-Sportinternat in Hannover zu dekorieren. Der 27 Jahre alte Linksaußen ist der herausragende Spieler der Nationalmannschaft, er soll den Weltmeister von 2007 beim DHB-Supercup an diesem Wochenende in Hamburg zum ersten Erfolgserlebnis nach der verpassten EM-Qualifikation führen. Seine geniale Wurftechnik hat Gensheimer zu einem der begehrtesten Handballer der Welt gemacht. Trotzdem entschied er sich vergangene Woche, bei seinem Mannheimer Heimatclub Rhein-Neckar Löwen zu bleiben.

Hamburger Abendblatt:

Herr Gensheimer, wird Sie Wehmut befallen, wenn Sie am Sonnabend mit der Nationalmannschaft in die O2 World einlaufen?

Uwe Gensheimer:

Wehmut? Weshalb?

In Hamburg erzählt man sich, Sie wären gern zum HSV gewechselt, haben aber kein passendes Angebot bekommen.

Gensheimer:

Das stimmt so nicht. Es haben Gespräche stattgefunden, allerdings zu einem ziemlich späten Zeitpunkt. Ich trauere der Chance, nach Hamburg zu gehen, nicht nach, sondern bin mit meiner Entscheidung sehr, sehr zufrieden.

Sind Sie auch erleichtert?

Gensheimer:

Was den Wirbel drum herum betrifft, ja. Jeder wollte unbedingt als Erster wissen, wie ich mich entschieden habe. Natürlich war es keine leichte Entscheidung, die Alternativen waren gut. Aber ich kann mich auch glücklich schätzen, dass ich zwischen solchen Angeboten wählen konnte.

Dominik Klein, Ihr Positionskollege in der Nationalmannschaft, hat in den vergangenen Jahren beim THW Kiel die Titel nur so abgeräumt. Hat Sie das gar nicht gereizt?

Gensheimer:

Doch. Nur bin ich überzeugt, dass wir sportlich auch das Niveau haben, um Titel mitzuspielen. Ich bin in diesem Verein seit ich 17 bin, habe alles miterlebt – Auf- und Abstiege, den langsamen Weg an die Spitze –, bin jetzt Kapitän der Mannschaft. Ich bin in und mit den Rhein-Neckar Löwen groß geworden. Die Zuschauer sehen mich als Identifikationsfigur, für viele Jugendliche dort bin ich ein Vorbild, das macht mich stolz. Man kann sich vielleicht vorstellen, dass es für mich mehr wert ist, mit diesem Verein einen Titel zu gewinnen als irgendwo anders.

Wertvoller als zehn mit dem THW?

Gensheimer:

Ja.

Ihre Absage ist Wasser auf die Mühlen derer, die sagen, dass sich zu wenige deutsche Topspieler trauen, nach Kiel zu wechseln.

Gensheimer:

Es lag sicher nicht daran, dass ich mich nicht getraut habe. Es war auch keine Entscheidung gegen den THW. Natürlich ist Kiel eine Topadresse. Für mich und meine Freundin war das Gesamtpaket bei den Rhein-Neckar Löwen, in unserem heimatlichen Umfeld, einfach am besten. Auch die Angebote aus dem Ausland waren sehr attraktiv. Aber was den FC Barcelona betrifft: Sportlich ist die spanische Liga einfach zu schwach besetzt. Die gewinnen ihre Spiele selten mit weniger als zehn Toren Unterschied und spielen vor vielleicht 500 Zuschauern. Da ist die Bundesliga deutlich attraktiver.

Im Frühjahr haben Sie den EHF-Pokal gewonnen. Hat es Ihre Entscheidung beeinflusst, dass die Rhein-Neckar Löwen nach vielen vergeblichen Anläufen gezeigt haben, dass sie Titel holen können?

Gensheimer:

Das war in jedem Fall ein besonderes Erlebnis. Es waren im Grunde meine ersten richtigen Spiele nach meinem Achillessehnenriss, und dann mache ich zehn Tore im Finale. Den Pokal hinterher in die Höhe zu stemmen war ein überragendes Gefühl und hat Lust auf mehr gemacht.

Kann man sich nach elf Jahren in einem Verein noch weiterentwickeln?

Gensheimer:

Davon bin ich überzeugt. Ich habe über die Jahre schon viele verschiedene Rollen im Verein gehabt und mich in der Hierarchie nach oben gearbeitet. Dass ich jetzt eine so wichtige Rolle spiele, hat meine Entscheidung auch beeinflusst.

Die Nationalmannschaft hat die EM im Januar in Dänemark verpasst. Macht das den DHB-Supercup wertvoller?

Gensheimer:

Grundsätzlich haben wir in der Nationalmannschaft wenig Zeit, uns einzuspielen. Wir haben in der Vergangenheit gute Leistungen gezeigt. Bei der WM im Januar haben wir Olympiasieger Frankreich geschlagen und sind im Viertelfinale knapp am späteren Weltmeister Spanien gescheitert. Was uns fehlt, ist die Konstanz. Dafür brauchen wir solche Turniere.

Wie weit wirft das Scheitern in der EM-Qualifikation den deutschen Handball zurück?

Gensheimer:

Uns allen ist bewusst, dass bei einer EM der öffentliche Fokus auf die Nationalmannschaft größer ist als der auf einem normalen Bundesliga-Wochenende. Insofern hat es die Entwicklung des Handballs in Deutschland sicher nicht befördert. Andererseits gibt es genügend Mannschaften, denen Ähnliches passiert ist wie uns und die dann stark zurückgekommen sind. Die Schweden haben die Qualifikation für die WM 2013 verpasst und sind danach Olympiazweiter geworden. Das zeigt, wie eng die Spitze beisammen ist.

Einige deutsche Topspieler sind freiwillig aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Haben Sie dafür Verständnis?

Gensheimer:

Die Belastung in unserem Sport ist schon sehr hoch. Letztlich muss jeder für sich entscheiden, ob er den Weg mitgehen möchte oder nicht. Für mich ist es eine Ehre, für mein Vaterland zu spielen.

Sie sind bekannt für Ihre Wurfvarianten. An welcher arbeiten Sie gerade?

Gensheimer:

Das kann ich nicht verraten. Man versucht, die Würfe immer weiter zu perfektionieren oder eine Idee weiterzuverfolgen.

Woher kommt diese Verspieltheit?

Gensheimer:

Als junger Spieler habe ich mich immer an dem orientiert, was die Topleute machten. Vor und nach dem Training haben wir dann Trickwürfe geübt. Es gab da so einen Regieraum hinter einer Plexiglasscheibe. Dort habe ich mich hingestellt, weil ich wissen wollte, wie der Torhüter meine Würfe sieht und wie es von der entgegengesetzten Seite wahrgenommen wird.

Studieren Sie die Torhüter vor dem Spiel?

Gensheimer:

Wenn wir Videos vom Gegner schauen, versuche ich schon in Erfahrung zu bringen, welche Vorlieben ein Torhüter hat. Ob er in bestimmten Bereichen stärker ist als in anderen.

Und in welchem Moment fällen Sie die Entscheidung über den Wurf?

Gensheimer:

In der Luft. Manchmal ist es schwer, wenn man sehr viele Auswahlmöglichkeiten hat. Dann geht es meistens schief. Mit der Zeit bekommt man Routine rein: Was macht welcher Torhüter in welcher Situation?

Ist dieses besondere Ballgefühl angeboren oder kann man es lernen?

Gensheimer:

Es kommt mit der Zeit, durch Tausende Wiederholungen. Das ist nichts anderes als in der Mathematik, wenn man das Einmaleins lernt.

Ist Handball Handwerk oder Kunst?

Gensheimer:

Beides. Man braucht als Handballer sehr viele Komponenten: Man muss schnell sein und trotzdem kräftig, technisch versiert, aber auch ein Kämpfertyp. Das macht das Interessante an diesem Spiel aus.

Kann man als Außenspieler so viel Einfluss aufs Spiel nehmen, wie Sie es als Kapitän gern täten?

Gensheimer:

Man ist auf Außen schon in besonderem Maße darauf angewiesen, von den Mitspielern angespielt zu werden. Aber Führung findet ja nicht nur während eines Angriffs statt, sondern auch in den Auszeiten, den Pausen, im Training, der ganzen Kommunikation außerhalb des Spielfelds. Und da kann ich mich einbringen.

Würde es Sie auch reizen, einmal das Spiel zu lenken? Immerhin werfen Sie gern und gut aus dem Rückraum.

Gensheimer:

In meiner Jugend habe ich viel auf der Mittelposition gespielt und glaube auch, dass ich die Übersicht hätte, um ein Spiel zu lenken. Leider ist es bisher nie dazu gekommen, weil die Trainer nie wussten, wen sie dann auf Außen stellen sollten.