"Einer allein kann das gar nicht schaffen"

Sportgespräch mit den Handball-Torhütern Johannes Bitter und Dan Beutler vom deutschen Meister HSV über ihren Konkurrenzkampf

Hamburg. An diesem Sonnabend wird es für die Handballer des HSV das erste Mal in der Vorbereitung auf die neue Bundesligasaison, die am 3. September gegen TuS N-Lübbecke beginnt, ernst. In Halle 7 der Bremen-Arena an der Bürgerweide gegenüber dem Bremer Hauptbahnhof trifft der deutsche Meister um 16 Uhr auf den TBV Lemgo. Am Sonntag steht im Falle einer Niederlage um 14 Uhr das Spiel um Platz drei an, bei einem Sieg um 16 Uhr das Endspiel. Für die beiden HSV-Torhüter Johannes Bitter, 28, und Dan Beutler, 33, ist es die erste Gelegenheit, unter Wettkampfbedingungen Pluspunkte beim neuen Trainer Per Carlén zu sammeln. Vor dem Turnier, an dem auch die Bundesliga-Konkurrenten Füchse Berlin und die SG Flensburg-Handewitt teilnehmen, spricht das Torhüter-Duo im Abendblatt über ihren Konkurrenzkampf, die Nationalmannschaft und die Saisonziele mit dem HSV.

Hamburger Abendblatt:

Herr Beutler, Herr Bitter, seit zwei Wochen trainieren Sie unter Per Carlén, dem neuen Trainer der HSV-Handballer. Welchen Eindruck haben Sie von ihm?

Johannes Bitter:

Das Training ist derzeit sehr hart, das ist in dieser Phase der Vorbereitung jedoch normal. Ich würde Per Carlén als sehr herzlich beschreiben, als aufgeschlossen, kommunikativ. Er fragt viel nach unseren Befindlichkeiten, um die richtige Dosierung des Trainings zu finden. Andererseits ist er auch empathisch, er kann sich in uns Spieler hineinversetzen, er versteht uns. Es ist bislang sehr angenehm, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Dan Beutler:

Ich kenne Per aus unserer gemeinsamen Zeit in Flensburg. Er ist schon ein harter, konsequenter Trainer. Beim HSV ist er allerdings viel ruhiger geworden. In Flensburg waren wir eine weit jüngere Mannschaft, da musste er mehr Gas geben, ein bisschen autoritärer auftreten. Hier hat er es mit einer großen Zahl erfahrener Spieler zu tun. Das erfordert einen anderen, partnerschaftlicheren Umgang. Und den pflegt er jetzt mit uns. Man merkt, dass er einen Plan hat, dass er weiß, wie er mit dieser Mannschaft umzugehen hat.

Wissen Sie beide inzwischen auch, wie Sie mit ihrem Konkurrenten im Tor umzugehen haben? Es ist selbst im Handball keine alltägliche Situation, dass sich in einem Verein zwei Weltklasse-Torhüter einen Arbeitsplatz teilen müssen.

Bitter:

Das wäre jetzt höchst ungerecht gegenüber unseren bisherigen Kollegen wie bei mir Per Sandström oder in Flensburg bei Dan Sören Rasmussen. Das waren und sind ja ebenfalls außerordentliche Torhüter. Neu ist in der Tat für uns, dass zwei gestandene Torleute, die sich in der Bundesliga in ihren Vereinen über viele Jahr bewährt haben und jeweils auch sehr viel Spielzeit hatten, nun in einer Mannschaft zusammen spielen und sich arrangieren müssen. Aber ich kann bisher nicht erkennen, wo zwischen Dan und mir ernsthafte Probleme entstehen könnten.

Was war dann Ihre erste Reaktion, als Sie in der vergangenen Saison plötzlich hörten, dass Dan Beutler Ihr neuer Partner wird?

Bitter:

Ich wollte meinen Vertrag mit dem HSV sofort zerreißen.

Was hat Sie daran gehindert?

Bitter:

Meine finanzielle Situation. Aber Spaß beiseite: Dan weiß, dass ich mit Per Sandström ein super Verhältnis hatte und mit ihm sehr gern zusammengespielt habe und auch gern weiter mit ihm zusammengespielt hätte. Darüber haben wir offen gesprochen. Und Dan, gib doch zu, bisher hast du noch nicht gespürt, dass ich dich nicht mag?

Beutler:

Bisher hast du dich wunderbar verstellt, danke Jogi. Im Ernst: Auch ich sehe keine Konfliktfelder. Natürlich wollen wir beide möglichst viel spielen. Alles andere wäre ja irgendwo Arbeitsverweigerung. Aber bei einem Verein wie dem HSV, der wieder deutscher Meister werden will, der in der Champions League und im deutschen Pokal weitere Titel erringen möchte, brauchst du zwei starke Torhüter. Einer allein kann das gar nicht schaffen. Ständig 60 Minuten lang zu spielen, das hältst du in der Bundesliga, der besten Liga der Welt, mental nicht durch. Hinzu kommt: Wir sind zwei Torhüter mit unterschiedlichen Stärken. Wir behindern uns nicht, wir ergänzen uns. Davon wird das Team profitieren.

Bitter:

Uns beiden ist doch klar, dass wir mit einem Torhüter allein unsere Ziele nicht erreichen können. Wir haben in den vergangenen zwei Wochen viel miteinander gesprochen, über unsere Ambitionen geredet, wir versuchen, uns besser kennenzulernen. Da sind wir auf einem guten Weg. Ich hätte auch nur dann Probleme gesehen, wenn wir derselbe Typ Torhüter wären. Dan jedoch ist fünfmal schneller als ich, kann auf Bälle, die unten herum geworfen werden, viel besser reagieren. Ich arbeitete dagegen viel mit meiner Größe, warte lange, bleibe stehen. Wir sind ein ideales Gespann, mit dem wir sehr gut auf die Qualitäten der gegnerischen Mannschaft reagieren können.

Wenn man Sie fragt, wer die Nummer eins beim HSV ist, welche Antwort erhalten wir dann?

(Beide deuten gleichzeitig mit dem Zeigefinger auf den jeweils anderen)

Beutler:

Das ist letztlich eine akademische Frage. Ich will der Mannschaft helfen, und wenn ich dafür nur fünf oder zehn Minuten spielen kann, habe ich meinen Job erfüllt.

Bitter:

Auch in der vergangenen Saison gab es keine Nummer eins beim HSV. Per Sandström und ich waren gemeinsam die Eins. Die Frage nach der Nummer eins ist ein floskelhafter Reflex aus dem Fußball. Dort ist es wichtig, die Nummer eins zu sein, denn die spielt. Die Nummer zwei schaut im schlimmsten Fall die gesamte Saison über zu. Beim Handball ist das anders. Da kannst du jede Sekunde wechseln. Also stellt sich die Frage nicht!

Beutler:

Ich würde nie im Tor bleiben, nur um mehr Spielanteile zu bekommen. Wenn ich spüre, es läuft bei mir nicht, räume ich sofort das Feld. Das ist meine Philosophie.

Können Sie uns erklären, warum Handball-Torhüter in einem Spiel fast alle Bälle halten, in einem anderen fast nichts?

Beutler:

Ich habe bislang dafür noch keine Erklärung gefunden. Du gehst in ein Spiel rein, fühlst dich gut vorbereitet, glaubst, mental fit zu sein, und plötzlich ist jeder Wurf des Gegners ein Treffer. Und mit jedem Gegentreffer verlierst du ein Stück deiner Selbstsicherheit, du kommst ins Grübeln.

Dabei ist ein Treffer doch der Normalfall im Handball bei einem Angriff.

Bitter:

Das mag rein statistisch stimmen. Wir sind aber beides Torhüter der Extraklasse, weil wir mit der Einstellung ins Spiel gehen, genau das zu verhindern. Mein Ziel ist es, jeden Ball zu halten. Jeder Gegentreffer ärgert mich maßlos.

Stört das nicht die Konzentration?

Beutler:

Schon. Aber es wäre falsch, diese Emotionen zu unterdrücken. Wir Torhüter leben davon. Du kannst einen Gegentreffer nicht einfach rational abhaken. Dann verlierst du diesen Willen, jeden Ball halten zu wollen. Und den brauchen wir.

Wer von Ihnen ärgert sich stärker?

Bitter:

Da müssen Sie die Torpfosten fragen.

Beutler:

Ich gebe zu, ich habe den härteren Tritt. Aber Jogi kann sich auch ganz schön ärgern.

Kommen wir zu weiteren Gemeinsamkeiten. Sie beide spielen nicht mehr für Ihre Nationalmannschaften. Wie lässt sich das mit Ihrem Ehrgeiz vereinbaren?

Bitter:

Sehr gut. Ich habe immer sehr gern für Deutschland gespielt, und vielleicht werde ich das, wenn man mich dann noch will, irgendwann wieder tun. Im Augenblick ist das für mich jedoch kein Thema. Die Belastungen im modernen Handball, mit drei Spielen pro Woche, dazu Lehrgänge mit dem Nationalteam, sind extrem groß geworden. Wenn man auf Dauer Bestleistungen bringen will, muss man auch bereit sein, auf etwas zu verzichten. Sonst schaffst du es nicht, über Jahre den Ansprüchen zu genügen, die du und andere an dich stellen. Hinzu kommt: Ich habe zwei kleine Kinder, die möchte ich aufwachsen sehen. Das ist eine bewusste Lebensentscheidung von mir. Das hat nichts mit fehlendem Ehrgeiz zu tun, sondern allein damit, was man im Leben will. Der Entschluss, auf absehbare Zeit nicht mehr für Deutschland zu spielen, ist mir nicht leichtgefallen, als ich die Entscheidung aber getroffen habe, war sie für mich sonnenklar.

Beutler:

Mir ging es ähnlich. Ich habe vor zwei, drei Jahren da erste Mal bei der Nationalmannschaft gespürt, dass ich nicht mehr das Feuer habe, um jeden Preis für Schweden spielen zu wollen, dass die Lust darauf schwindet. Ich habe gemerkt, wie diese Belastungen an meinen Kräften zehren, dass ich nicht mehr diese mentale Frische haben, zehn Monate lang ohne Pause Handball zu spielen, dass meine Leistungen im Verein darunter gelitten haben. Auch ich wollte mehr bei der Familie sein. Auf der anderen Seite habe ich es stets auch als eine Art Verantwortung, als Respekt empfunden, für Schweden zu spielen. Schließlich ist das mein Heimatland, und ich habe der Nationalmannschaft viel zu verdanken.

Warum haben Sie dann im Januar dieses Jahres bei der WM in Schweden während des Turniers Ihre Mannschaft verlassen?

Beutler:

Dazu muss man wissen, dass ich für diese WM zusammen mit Johan Sjöstrand vom FC Barcelona als Stammtorhüter vorgesehen war. Als die WM begann, war ich plötzlich nur noch Torhüter Nummer drei und saß auf der Tribüne. Das habe ich mir zwei Wochen lang angeschaut, im Training voll mitgezogen, aber dann habe ich mir gesagt: Zu Hause wartet deine Familie auf dich, die dich ohnehin kaum sieht. Da fiel mir die Entscheidung leicht, die ich vielleicht schon viel eher hätte treffen sollen. Meine Kollegen haben mich verstanden. Da gab es kein böses Wort.

Können Sie verstehen, dass man, von außen betrachtet, Ihr Verhalten als nicht teamfähig ansehen könnte?

Bitter:

Hören Sie, Dan hat sich zwei Wochen lang auf die Tribüne gesetzt, obwohl ihm anderes versprochen war. Ich kenne nicht viele, die das mit sich hätten machen lassen. Wir spielen beide seit unserem elften Lebensjahr Handball. In unserem Leben gab es bisher nicht viel mehr als Schule und Handball. Irgendwann wird das eben zu viel.

Herr Bitter, was muss sich ändern, damit Sie wieder für Deutschland spielen?

Bitter:

Ich habe meine Entscheidung getroffen, und die steht. Aber es ist ja kein Geheimnis, dass die deutschen Nationalspieler nicht gerade Hurra schreien, wenn sie wieder eine Einladung zu einem Nationalmannschaftslehrgang erhalten. Hier mal drei Tage, dort mal drei Tage, während die Kollegen aus den anderen Ländern freihaben. Natürlich ist das Training nicht hart, aber im Kopf geht das irgendwann nicht mehr. Ich verstehe den Bundestrainer ja, dass er mit seinem Team arbeiten möchte, aber ich glaube nicht, dass es im Sinne, bessere Leistungen zu generieren, wirklich zielführend ist. Hier muss sich in Zukunft etwas ändern.

Beutler:

Keine andere Nationalmannschaft hält so viele Lehrgänge ab wie die deutsche. Ich jedenfalls bin froh, dass ich mich auf den HSV konzentrieren kann. Die neue Saison wird hart genug.