Hamburg Towers

Pedro Calles: „Ich sehe in dieser Stadt sehr viel Potenzial"

Pedro Calles im Coworking Space „Hamburger Ding“ am Nobistor. Der Spanier kam 2012 nach Deutschland, war Co-Trainer in Quakenbrück, später in Vechta, wo er 2018 zum Chef aufstieg.

Pedro Calles im Coworking Space „Hamburger Ding“ am Nobistor. Der Spanier kam 2012 nach Deutschland, war Co-Trainer in Quakenbrück, später in Vechta, wo er 2018 zum Chef aufstieg.

Foto: Witters

Der Towers-Trainer über seine Basketball-Mission, sein jugendliches Aussehen und die Schönheiten Hamburg-Neugrabens.

Hamburg. Pedro Calles (36), seit Juli Coach des Basketball-Bundesligaclubs Hamburg Towers, gilt als akribischer Arbeiter. Training und Spiele bereitet er gewissenhaft vor, auch das Treffen mit dem Abendblatt. 32 Minuten brauche er von Neugraben bis in die Innenstadt, verriet ihm am Vorabend sein Navigator. Am nächsten Mittag hatte ihn die Realität eingeholt: Stau auf der Autobahn. Weil Calles (gesprochen: Kajess) aber rechtzeitig losgefahren war, traf der Spanier fast pünktlich zum Interview ein.

Hamburger Abendblatt: Señor Calles, Sie leben das erste Mal in einer Millionenstadt. Wie ist Ihnen die Umstellung vom beschaulichen Vechta mit seinen 31.000 Einwohnern auf Hamburg gelungen?

Pedro Calles: Bestens. Wir haben ein Haus in Neugraben gemietet. Die Umgebung mit den Harburger Bergen und der Fischbeker Heide ist wunderschön. Ich kann joggen, Rad fahren, mit unserem Hund, einem Weimaraner, einem deutschen Jagdhund, spazieren gehen. Für unsere beiden kleinen Kinder haben wir bereits einen Platz in der Kita gefunden. Und das berüchtigte Hamburger Wetter weiß inzwischen, was Spanier mögen.

Sie haben Rasta Vechta zu einer Topadresse der Basketball-Bundesliga (BBL) gemacht. Warum haben Sie trotz laufenden Vertrages Ihre Ausstiegsklausel gezogen und sind nach Hamburg gewechselt?

Calles: Vechta habe ich viel zu verdanken, aber ich gehe guten Gewissens, auch ich habe alles für diesen Verein gegeben. Das war für beide Seiten eine erfolgreiche Beziehung. Ich wollte den nächsten Schritt in meiner Karriere machen und habe deshalb eine neue Herausforderung gesucht.

Und die Towers waren als Tabellenletzter der vergangenen Saison die größtmögliche?

Calles: Ich sehe hier sehr viel Potenzial, enorme Möglichkeiten im Verein und in der Stadt. Die Towers haben sich sehr viel vorgenommen, sind ambitioniert, wollen in der Bundesliga reüssieren. Das passt alles zu meinen Vorstellungen. Für mich war das eine luxuriöse Situation, mich in dieser Zeit zwischen zwei herausragenden Optionen entscheiden zu können.

Welches Argument hat Sie bei den Gesprächen mit Towers-Sportchef Marvin Willoughby am meisten überzeugt?

Calles: Marvin Willoughby selbst als Person. Er brennt für Basketball. Uns verbindet dieselbe Leidenschaft.

Was ist mit den Towers möglich? Willough­by will möglichst schnell in die Play-offs, das heißt: unter die ersten acht der Tabelle.

Calles: Der Verein, der Sportdirektor, die Fans dürfen selbstverständlich ihre Ziele definieren, die können gern auch mal mittel- und langfristig sein. Das liegt aber alles außerhalb meiner Kontrolle. Als Trainer bist du sehr gut beraten, immer Schritt für Schritt zu denken, realistische Vorgaben zu machen, die in der täglichen Arbeit dann auch umsetzbar sind.

Was wäre der nächste Schritt für die Towers?

Calles: Der Klassenerhalt!

Dafür sind Sie nicht geholt worden.

Calles: Doch, genau dafür – um danach die Entwicklung kontinuierlich voranzutreiben.

Wie gut sprechen Sie schon Deutsch?

Calles: Nicht sehr gut (auf Deutsch). Meine Frau (eine Tierärztin, die Red.) spricht schon richtig gut Deutsch. Aber ich habe hervorragende Ausreden. Immer wenn ich anfangen will, Deutsch zu lernen, fällt mir ein, dass ich noch ein Basketballspiel auf Video gucken und analysieren wollte. Dann noch eins und noch eins (lacht).

Als Basketballer müssen Sie ohnehin vor allem Englisch sprechen.

Calles: Englisch habe ich gelernt, als ich 2005 während meines Sportstudiums zehn Monate lang in Finnland war und ich mich dort irgendwie verständigen musste. Finnisch zu sprechen fiel mir aber zu schwer. Die Finnen haben jedoch gewaltigen Eindruck bei mir hinterlassen, wenn sie auf ihren gefrorenen Seen ins Eis Löcher geschlagen haben und darin komplett verschwunden sind. Auch noch mit dem Kopf unterzutauchen war mir dann doch viel zu gefährlich.

Zurück zum Videostudium: Arbeiten Sie viel mit dieser Methode?

Calles: Videos sind Teil meiner Arbeit, aber gerade wenn man mit der gesamten Mannschaft eine Sitzung abhält, muss man als Trainer ein Gefühl dafür haben, bis zu welchem Zeitpunkt die Spieler aufnahmefähig sind. Ich achte darauf, dass ich die Jungs nicht überfrachte. Wenn eine Festplatte voll ist, wäre maximal noch ein kurzes Update möglich.

Wie würden Sie Ihren Arbeitsstil beschreiben? Eher Players-Coach oder harter Hund?

Calles: Ich bin auf jeden Fall ein ehrlicher Coach, der viel von seinen Spielern verlangt, aber auch den Spaß nicht zu kurz kommen lässt. Jeder soll wissen, woran er bei mir ist. Man kann nicht jeden Spieler gleich ansprechen. Jeder tickt anders, bei jedem kitzelt man Leistung unterschiedlich heraus. Ob ich dann ein harter Hund oder Players-Coach bin, sollen andere beurteilen. Für mich ist Teambuilding sehr wichtig, weil wir alle unsere Ziele nur gemeinsam erreichen können.

Sie sind mit 36 der jüngste Trainer der BBL – und sehen auch noch viel jünger aus. Wie gehen Sie damit um?

Calles: Falls Sie damit unterstellen, dass meine Autorität darunter leiden könnte, kann ich Sie beruhigen. Dem ist nicht so. Aber was soll ich machen? Mich operieren lassen? Mit 25 hielt man mich für 18, jetzt mit 36 für 25. Ich finde das besser als umgekehrt. Die Falten kommen in diesem Job noch früh genug.

Die ersten vielleicht, wenn Sie nicht die richtigen Spieler finden. Bis wann wollen Sie Ihren Kader zusammengestellt haben?

Calles: Am besten bis zum Trainingsstart Mitte September. Bisher haben wir die Spieler bekommen, die wir wollten. Der Markt kommt gewöhnlich nach der NBA-Summer-League und dem NBA-Draft (Verteilung junger Spieler auf die 30 Clubs, die Red.) in Bewegung, doch der findet diesmal erst im Oktober statt. So lange können wir nicht warten. Wir sind jedoch bereits in weiteren aussichtsreichen Gesprächen mit möglichen Kandidaten.

Wie wird der deutsche Basketball in Spanien wahrgenommen?

Calles: Als ich 2012 nach Deutschland kam, erst Athletik-, später Co-Trainer in der BBL in Quakenbrück wurde, war die Wertschätzung bei Weitem nicht so hoch wie heute. Die BBL ist inzwischen eine der besten Ligen Europas, vor allem in der Breite. Die Vereine zahlen verlässlich die Gehälter, spielen in modernen Hallen, und immer mehr gute Spieler wollen hier ihre Karrieren fortsetzen. Dieser Trend wird sich durch die Corona-Krise noch verstärken. Deutschland hat ein starkes Gesundheitssystem, das BBL-Finalturnier im Juni in München hat zudem weitere Werbung für den Standort gemacht.

Wie spielt es sich ohne Zuschauer?

Calles: Für mich als Coach macht das fast keinen Unterschied. Das Spiel ist dasselbe. Natürlich fehlt vor dem Tip-off die Atmosphäre, im Spiel bin ich aber vollkommen fokussiert auf das Geschehen, sodass ich kaum was anderes wahrnehme.

Wer Ihren Werdegang liest, gewinnt den Eindruck, dass Sie schon früh den Plan fassten, Trainer zu werden, und auf eine Spielerkarriere keinen großen Wert legten.

Calles: Ich habe mit sechs Jahren angefangen, Basketball zu spielen, später spielte ich in der 4. und 3. spanischen Liga. Nach meinen Sportstudium in Granada stand ich vor der Entscheidung, Spieler oder Sportlehrer zu werden. Ich rief meine Mutter an, eine Mathematikerin und Ökonomin, erzählte ihr, dass ich kein Sportlehrer werden wollte. Sie war zunächst entsetzt. Als ich sagte, ich will Basketballtrainer werden, entspannte sie sich. Sie sagte dann: „Mach es! Aber sei danach ehrlich zu dir, ob das auch die richtige Entscheidung für dich war.“

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Sie sollen zuvor bei einem Drittligaclub als Spieler angeheuert haben, nur um Ihren und den gegnerischen Trainer besser beobachten und verstehen zu können.

Calles: Das stimmt. Ich wollte lernen, wie alles ineinandergreift.

Wie entspannen Sie sich zu Hause?

Calles: Ich höre oft Filmmusik. Mein Favorit ist der Soundtrack von „The Mission“, den der kürzlich verstorbene Ennio Morricone komponiert hat.

Was wäre nächste Saison der passende Film für die Towers? „Mission Impossible“?

Calles: Warum nicht? Auch diese Filme hatten ja stets ein Happy End.