Basketball

Warum im Spind jedes Towers-Spielers ein Taktikbogen hängt

Wo Towers-Trainer Mike Taylor ist, ist eine Taktiktafel nicht weit

Wo Towers-Trainer Mike Taylor ist, ist eine Taktiktafel nicht weit

Foto: Markus Scholz / dpa

Mike Taylor, Trainer des Hamburger Basketball-Bundesligaclubs, hat die Spielvarianten auf rund 200 Seiten akribisch dokumentiert.

Hamburg. Mike Taylor hat seine Arbeit getan, wie immer mit äußerster Akribie und mithilfe einer speziellen Basketball-Software. In einer diesmal gelben DIN-A4-Mappe, jeder Gegner erhält bei ihm ein eigenes Heft, hat er auf wenigen, eng beschriebenen Seiten alles sportlich Wissenswerte über die BG Göttingen, die am Sonnabend (20.30 Uhr/magentatv.de) in der Wilhelmsburger Edel-optics.de-Arena antritt, bis ins kleinste Detail dokumentiert. Auf der Innenseite des Ordners hat er handschriftlich mit roter Tinte die wichtigsten Spielzüge aufgemalt.

Taylor lächelt. Sein Matchplan steht. Und er ist optimistisch, dass dieser am Spieltag von seinen Profis auch erfolgbringend umgesetzt wird.

Göttingen ist das dritte Bundesliga-Heimspiel der Hamburg Towers. Die Halle ist wie immer mit 3400 Zuschauern ausverkauft, und nach zuvor zwei klaren Heimniederlagen gegen Weißenfels und Bamberg würde ein Sieg gegen den Abstiegskonkurrenten dem Aufsteiger ein bisschen Luft im Kampf um den Klassenerhalt verschaffen.

Towers-Trainer Taylor ist von Gutiérrez überzeugt

Der Mexikaner Jorge Gutiérrez (30) wird dabei sein Debüt für die Towers geben. Im Training hinterließ der ehemalige NBA-Profi, der auf 53 Einsätze in der nordamerikanischen Eliteliga zurückblickt, einen starken Eindruck, sagen seine Kollegen.

Taylor (47) ist von seinem neuen Spielmacher längst überzeugt. „Er ist ein Gewinn für uns. Er wird noch mehr Variabilität in unser Spiel bringen“, sagt der US-Amerikaner. In den vergangenen acht Tagen hat er ihm erste Kapitel des taktischen Rüstzeugs zu vermitteln versucht, mit dem die Towers in der Bundesliga auf Korbjagd gehen.

Gutiérrez weiß nun, dass er in den nächsten Wochen noch sehr viel lernen muss. Das „Towers-Playbook“ des Trainers ist fast 200 Seiten dick, das in weiten Teilen ähnliche der polnischen Nationalmannschaft, die Taylor ebenfalls betreut, umfasst derzeit 162 Seiten. Beide Spielbücher werden ständig erweitert.

Pick and Roll in fast jedem fünften Spielzug

Taktik, sagt Taylor, ist ein Krückstock für das Team, der in möglichst jeder Spielsituation mentalen Halt geben soll: „Dahinter steckt die Überlegung: Wie können wir es den Spielern so einfach wie möglich machen, um Routine, Automatismen in ihre Abläufe zu bringen? Wie können wir sie gedanklich entlasten und Aufmerksamkeit steigern, damit sie sich auf ihre Würfe und das Verteidigen gegnerischer Angriffe konzen­trieren können und nicht ständig im Spiel auf der Suche nach Lösungen sind?“

Derart einfach, wie es auf der Grafik auszusehen scheint, lassen sich die Vorgaben auf dem Feld indes selten umsetzen. Den dort gezeigten Angriff nennt Taylor „Zipper 2“. Zipper, auf Deutsch Reißverschluss, ist eine Serie von Spielzügen mit verschiedenen finalen Abschlüssen. Die Zwei steht für den Shooting Guard, einen weiteren Flügelspieler, der in diesem Fall am Ende zum Wurf kommen soll. Das ist zumindest der Plan. Weil der Point Guard (Spielmacher), die Nummer eins, vom Zen­trum auf den Flügel dribbelt, der Shooting Guard dann an ihm vorbeiläuft – auf dessen vorige Position an der Spitze der gewöhnlich farblich markierten Verteidigungszone (Paint) –, sieht das ähnlich aus wie bei einem Reißverschluss.

Der Center, die Nummer fünf, soll in dieser Spielsituation den Gegenspieler blocken, ihm den Laufweg versperren, ihn so an der Verteidigung des Angriffs hindern, seinem Mitspieler damit freie Bahn zum Korb geben oder ihm die Möglichkeit für einen Pass zu einem ungedeckten Nebenmann eröffnen. Diese Standardvariante wird „pick and roll“ (blocken und abrollen) genannt. In fast jedem fünften Angriff taucht diese Kon­stellation im Basketball auf. Towers-Talent Justus Hollatz (18) exekutiere diesen Spielzug in der Bundesliga laut Statistik am effektivsten, sagt Taylor. Die beiden Forwards, die Flügelspieler mit den Nummern drei und vier, sollen derweil ihre Stellung halten, ihre zwei Verteidiger dadurch an sie binden.

Im Spind jedes Spielers hängt ein Taktikbogen

Die wesentlichen taktischen Abläufe, ihre Spielideen haben Taylor und seine Assistenten Benka Barloschky (31) und Austen Rowland (38) der Mannschaft in der zweimonatigen Saisonvorbereitung im August und September vermittelt. Taylors Didaktik: zuhören, aufnehmen, lernen, ausführen. Während des Spielbetriebs geht es vor allem um Wiederholungen, die Einstellung auf die Gegner. Wer wann wo zu stehen, wohin zu laufen, zu passen und wie zu werfen hat, wird im Training ständig simuliert. Zudem erhält jeder Spieler eine Übersicht aller Statistiken, dazu die erwarteten Spielzüge, ausgedruckt auf Papier und gespeichert auf einem USB-Stick.

Dort sind zusätzlich die entscheidenden Sequenzen auf Kurzvideos zu sehen, zusammengeschnitten von Barloschky und Rowland. In der Towers-Kabine hängen in jedem Spind taktische Anweisungen, auf einer Stellwand in der Größe eines Flipcharts sind mitten im Raum die wichtigsten Spielabläufe gut sichtbar zum Verinnerlichen ausgestellt.

20 Minuten Videostudium vor jedem Spiel

Das Videostudium ist bei den Towers grundsätzlich Chefsache. Taylor nimmt sich dafür zu Hause in St. Georg – meist bei laufendem Fernseher – sehr viel Zeit, diskutiert seine Vorstellungen aber immer auch mit seinen Co-Trainern und der Mannschaft während des gemeinsamen Studiums der Bilder. Dafür sind in der Regel 20 Minuten angesetzt, meist zwei Tage vor dem Spiel.

Laufen, dribbeln, passen, blocken, werfen – diese fünf Grundkomponenten des Basketballspiels optimal zusammenzuführen, das ist die Aufgabe der Taktik. Zum Schluss eines Spielzuges soll in der Theorie immer eine optimale Wurfposition entstehen. Es gibt dafür grobe Grundmuster, dazu die entsprechenden Verzweigungen. Den meisten seiner Spielzüge hat Taylor einen Namen gegeben. Denver ist einer, auch andere NBA-Clubs stehen Pate. Der Spielmacher kündigt oder zeigt gewöhnlich das gewählte System an, in den Auszeiten demons­triert der Trainer auf seiner Taktiktafel die bevorzugte Angriffsvariante.

Taylor hat das Offensivspiel, für das jeder Mannschaft maximal 24 Sekunden Zeit auf der Shot clock (Wurfuhr) bleiben, in drei Achtsekundenabschnitte eingeteilt, in den frühen, mittleren und späten Angriff. „Es gibt in jeder Situation einen Plan, wer wohin läuft, wer passt, wer wirft“, sagt der Trainer. Ziel bleibe es, den treffsichersten Spieler in die optimale Wurfposition zu bringen. Der Rest ist dann Sache von Technik, Konzentration, Wille und mentaler Stärke. Fliegt der Ball am Ende in den Korb, ist das immer noch die beste Taktik.