WM-Gruppe D

Suárez beißt Italien raus – Prandelli tritt zurück

Die Sensation ist nach einem Skandalspiel perfekt: Uruguay wirft Italien raus und steht im Achtelfinale. Suárez fiel durch Beißattacke auf. England verabschiedet sich mit schlechtester WM-Bilanz.

Natal/Belo Horizonte. Erneutes WM-Desaster für Italien: Der viermalige Weltmeister ist bei der Endrunde in Brasilien wie schon vier Jahre zuvor in Südafrika in der Vorrunde gescheitert. Die Squadra Azzurra verlor ihr Gruppen-Endspiel gegen Uruguay in Unterzahl 0:1 (0:0) und fiel damit hinter die Südamerikaner auf den dritten Platz in der Gruppe D zurück.

„Ich nehme die Verantwortung für das WM-Aus auf mich. Die Umstände haben es uns aber auch nicht leicht gemacht. Wir mussten in Manaus spielen und hatten als einzige Mannschaft in der Gruppe zwei Spiele um 13 Uhr“, klagte Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli, der zugleich seinen Rücktritt erklärte: „Am Ende des Spiels habe ich zum Verbandspräsidenten gesprochen. Weil es meine Verantwortung ist, habe ich ihm gesagt, dass ich zurücktrete. Wenn die Strategie versagt, bin ich verantwortlich.“ Auch Verbands-Präsident Giancarlo Abete erklärte auf der Pressekonferenz seinen Rücktritt.

Während Italien nun mit einem neuen WM-Trauma leben muss, können sich Superstar Luis Suarez und Co. auf ein Achtelfinale gegen Kolumbien vorbereiten. Das Ergebnis hatte allerdings einen faden Beigeschmack: Der Platzverweis gegen Italiens Claudio Marchisio (59.) war zu hart, zudem hätte Suarez in der 79. Minute ebenfalls vom Feld gemusst: Er hatte sich mal wieder eine Beißattacke geleistet.

“Wir haben erreicht, was wir wollten. Das ist ein großartiges Gefühl. Wir sind eine Nation mit einer kleinen Bevölkerung und wenig Fußballspielern, verglichen etwa mit Deutschland oder Brasilien. Daher ist das etwas Besonderes. Die Szene mit Suarez muss ich mir erst im Fernsehen anschauen. Er ist in seiner Karriere schon gesperrt worden und versucht seither, ein anderes Bild von sich zu zeichnen“, versuchte Uruguays Nationaltrainer Oscar Tabarez den Fokus von Suárez zu nehmen.

Die Fifa wartet nach der Beißattacke den offiziellen Spielbericht ab. Danach werde der Fall entsprechend untersucht und behandelt, teilte der Weltverband auf Anfrage mit. Da das Schiedsrichtergespann Suárez‘ Biss nicht gesehen hat, ist es durchaus denkbar, dass der Angreifer nachträglich gesperrt wird.

ZDF-Experte Oliver Kahn vermutet die Ursache für die neuerliche Beißattacke von Uruguay-Star Luis Suárez im psychologischen Bereich. „Das ist ein Verhalten, das man sonst nur von Tieren kennt. Für mich ist das eine falsche Kanalisation innerer Anspannung. Man hat schon im letzten Spiel gesehen, dass er fast geweint hat“, sagte Kahn: „Vielleicht ist so ein Verhalten für ihn die letzte Chance, diesen gewaltigen Druck abzubauen und sich aus seiner Anspannung zu befreien. Anders kann ich mir das nicht erklären.“

Bei brutalen äußeren Bedingungen und über 30 Grad Hitze in Natal versetzte Kapitän Diego Godin zehn Italienern in der 81. Minute den Todesstoß. Der Abwehrspieler von Atletico Madrid rammte einen Eckball mit der Schulter ins Tor. Marchisio hatte zuvor nach einem angeblich groben Foulspiel von Schiedsrichter Marco Rodriguez aus Mexiko die Rote Karte gesehen.

Vorangegangen war ein von Taktik, Vorsicht und unzähligen Nickeligkeiten geprägtes Spiel, das so gar nicht in diese vom Offensivspiel geprägte Endrunde passte. Kaum ein Zweikampf lief ohne Foulspiel ab, vor allem in der ersten Halbzeit gab es Unterbrechungen en masse. Beide Seiten erstickten alle Versuche des Gegners schon im Keim. Uruguays offensichtliche Strategie ging dabei auf: Die Celeste, die unbedingt gewinnen musste, spielte auf Zeit und setzte voll darauf, dass den Italienern um die 2006er-Weltmeister Andrea Pirlo (35) und Andrea Barzagli (33) irgendwann die Luft ausgehen würde.

Vor der Pause hatten sich in dem zähen Abnutzungskampf, den die 39.706 Zuschauer in der Halbzeit mit Pfiffen bedachten, kaum Torchancen ergeben. Die größte Möglichkeit hatten die Südamerikaner, doch Suarez und Nicolas Lodeiro scheiterten bei ihrer Doppelchance an Torwart Gianluigi Buffon (36.).

Prandelli, der das Spiel als „wichtigste Begegnung meiner Karriere“ bezeichnet hatte, setzte diesmal auf ein 3-5-2-System. Im Angriff stürmte der Neu-Dortmunder Ciro Immobile erstmals an der Seite von Mario Balotelli. Vor der Pause bekam Immobile so gut wie keinen Stich, in der 29. Minute schoss er in Rücklage mehrere Meter über das Tor. Balotelli sah seine zweite Gelbe Karte im Turnier - die Sperre fürs Achtelfinale kommt nun nicht mehr zum Tragen.

Nach der Pause setzte sich der Kampf fort - und wurde nach dem Platzverweis noch härter, vor allem für die Italiener. Uruguay kam nun auch zu Chancen. Hatte Cristian Rodriguez kurz vor der Roten Karten den Ball noch freistehend am langen Pfosten vorbeigezirkelt, rückte danach Buffon immer mehr in den Mittelpunkt. In der 66. Minute rettete „San Gigi“ bei einem Flachschuss von Suarez mit einer Weltklasse-Parade.

Uruguay wurde immer nervöser. Suarez biss sogar mal wieder zu, wie es der Angreifer vom FC Liverpool schon häufiger getan hatte. Opfer diesmal war Giorgio Chiellini, dem er bei einem Zweikampf die Zähne in die Schulter rammte. Der Schiedsrichter sah es nicht - Sekunden später traf Godin zum 1:0.

Costa Rica - England 0:0

Prinz Harry hätte sich die Reise schenken können. Auch mit royaler Unterstützung auf der Tribüne hat es für England bei seiner größten WM-Pleite seit 56 Jahren nicht mal mehr zu einem Sieg gereicht. Gegen Costa Rica, das als bereits als Sieger der Grupper D und Teilnehmer am Achtelfinale festgestanden hatte, kam eine B-Elf aus dem Mutterland des Fußballs in Belo Horizonte lediglich zu einem 0:0. England hatte die K.o.-Runde bereits vor dem letzten Gruppenspiel verpasst - zum ersten Mal seit 1958.

„ Wir sind natürlich extrem enttäuscht, schließlich hatten wir uns mehr vorgenommen. Aber wir haben alles gegeben, an der Einstellung lag es nicht. Wir wollten unbedingt mehr erreichen. Aber wir haben tolle, junge Spieler. Auf dieser Basis müssen wir aufbauen“, sagte Englands Trainer Roy Hodgson.

Die Überraschungsmannschaft aus Costa Rica musste nach den Siegen gegen Uruguay (3:1) und Italien (2:1) nur noch auf einen Gegner aus der Gruppe C mit Kolumbien, der Elfenbeinküste, Japan und Griechenland warten. Für die Ticos ist es die zweite Teilnahme an der K.o.-Runde nach 1990. Damals unterlag die Auswahl aus dem mittelamerikanischen Land der Tschechoslowakei mit 1:4. England hatte gegen Italien und Uruguay jeweils 1:2 verloren.

„Wir sind sehr zufrieden, denn wir wussten, dass es ein schwieriges Spiel wird. England ist ein großer Champion. Im Achtelfinale wird es noch schwieriger, aber wir sind bereit, zu kämpfen und alles zu geben“, machte Costa Ricas Nationaltrainer Jorge Luis Pinto deutlich, dass sein Team noch lange nicht am Ziel ist.

Costa Rica ließ es gegen die nahezu komplette Ersatzbank der Three Lions sehr ruhig angehen. Die Mannschaft von Trainer Jorge Luis Pinto spielte mit angezogener Handbremse. In der zweiten Halbzeit sank das Niveau der Begegnung derart, dass die ersten der 57.823 Zuschauer zu pfeifen begannen. Die englische Mannschaft war um einen anständigen Abgang bemüht, zu mehr aber war sie nicht in der Lage.

Teammanager Roy Hodgson hatte für das Abschiedsspiel einfach mal die bisherigen Reservespieler aufgestellt. Gleich neun Änderungen nahm er im Gegensatz zum 1:2 gegen Uruguay in der Startelf vor, nur Verteidiger Gary Cahill und Angreifer Daniel Sturridge durften bleiben. Der 19 Jahre alte Verteidiger Luke Shaw und der 20 Jahre alte Mittelfeldspieler Ross Barkley bestritten jeweils ihr erstes Länderspiel.

Die Engländer brauchten deshalb einige Zeit, um ihre Nervosität abzulegen. Costa Rica begann aggressiver und gedanklich schneller. Joel Campbell hatte gleich zu Beginn (2.) eine gute Möglichkeit aus 20 Metern, auf der Gegenseite schoss Sturridge ebenfalls aus der zweiten Reihe nur knapp vorbei (12.). Die beste Gelegenheit besaß Celso Borges für Costa Rica, dessen Freistoß aber an die Latte flog (23.).

Erst danach wurde England besser, die Spieler, die Hodgson da so zusammengeworfen hatte, waren erkennbar bemüht, keine weitere Schande über das Mutterland des Fußballs zu bringen. Besonders Jack Wilshere überzeugte neben Oldie Frank Lampard, eroberte Bälle und leitete Konter ein. Sturridge besaß eine zweite gute Möglichkeit, köpfte aber über das Tor, nachdem ihn Jones nach einer Ecke bedient hatte (35.).

Größere Aufreger wurden den Zuschauern danach kaum noch geboten. Costa Rica nahm das Tempo raus. Am Ende hätten die Engländer den Sieg verdient gehabt, Sturridge aber schob den Ball alleine vor Torhüter Keylor Navas stehend knapp links am Tor vorbei (65.).