FC St. Pauli

Auf Rockys Spuren – Leon Flachs Start ins US-Abenteuer

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Andreas Hardt
Leon Flach (20) kam 2016 vom VfB Lübeck zum FC St. Pauli.

Leon Flach (20) kam 2016 vom VfB Lübeck zum FC St. Pauli.

Foto: Witters

Ende März verließ der 20-Jährige den Kiezclub, um bei Philadelphia Union in der MLS den nächsten Karriereschritt zu machen.

Hamburg/Philadelphia. Die Rocky Steps ist Leon Flach schon hochgerannt. Gleich in den ersten Tagen. Das muss man machen, wenn man in Philadelphia ist und Großes erreichen will. Also los, die 72 Treppenstufen im Laufschritt hoch zum Philadelphia Museum of Art, und dann oben Jubelpose – wie der legendäre Boxer „Rocky“ aus den Filmen mit Silvester Stallone. Eine legendäre Szene, das Symbol für den Willen eines Außenseiters, sich unerwarteten Erfolg zu erarbeiten.

Am 31. März hat Leon Flach von jetzt auf gleich den FC St. Pauli verlassen und ist in die nordamerikanische Major League Soccer zu Philadelphia Union gewechselt. „Klar ist das ein großer Schritt, aber wenn es der richtige Schritt ist, dann darf der gerne groß sein“, erzählt der 20-Jährige am Telefon, „ich will hier spielen und eine wichtige Rolle haben.“

Leon Flach ist US-Juniorennationalspieler

Das hatte er zuletzt vermisst beim FC St. Pauli. Neun Zweitligaspiele hat er bestritten in dieser Saison, in der Rückrunde aber nur noch eins, und seit dem 19. Spieltag gehörte er nicht mehr zum Kader. „Als junger Spieler kann man unter die Räder kommen“, sagt Flach, „wenn es sportlich läuft, hat der Trainer auch wenig Gründe, etwas zu ändern. Deshalb habe ich mich auch für den Schritt entschieden.“

2016 war er mit 15 Jahren vom VfB Lübeck in das Nachwuchsleistungszentrum von St. Pauli gewechselt und hatte sich dort zu einem Toptalent entwickelt. Zwei Länderspiele in der deutschen U18 hat der Junge aus Ostholstein absolviert – und 2020 zwei U-20-Länderspiele für die USA. Denn Leon Flach, Sohn deutscher Eltern, wurde in Texas geboren und hat daher einen amerikanischen Pass. Ein reiner Zufall und großes Glück.

Salzburgs Ex-Nachwuchsleiter lockte ihn in die USA

Ernst Tanner (54) ist seit August 2018 Sportdirektor in Philadelphia. Der Deutsche war vorher bei RB Salzburg, der TSG Hoffenheim und 1860 München als Leiter von Nachwuchszentren und Sportchef tätig. Er schaut bewusst nach Jungs in Europa aus, die einen US-Pass haben. Flach hatte er also schon lange auf dem Zettel. „Logisch war das ein entscheidender Grund, ihn anzusprechen“, sagt Tanner, „zurzeit haben wir eine strikte Ausländerbeschränkung, es gibt auch keine Green Cards.“

Schon im Sommer 2020 gab es deshalb Kontakt, aber noch war Flach nicht so weit und der FC St. Pauli auch nicht. Sie wollten beide sehen: Was geht in dieser Saison? Im März aber war der Club bereit, ihn gehen zu lassen, andere Spieler standen vor ihm. „Leon ist ein extrem ehrgeiziger Spieler, der sich immer zu 100 Prozent reingeknallt und sich immer top verhalten hat“, sagt St. Paulis Trainer Timo Schultz, der Flach kennt, seit der 15 Jahre alt war: „Er hatte den Wunsch, diese große Chance für sich zu ergreifen. Da tue ich mich schwer, ihm so einen Schritt zu verwehren.“ 300.000 Euro Ablöse machten den Deal perfekt.

Leon Flach erhält viel "deutsche" Hilfe

Seit knapp einem Monat ist das St.-Pauli-Eigengewächs nun „drüben“ und hat das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. In den bislang vier Spielen stand Flach in der Startelf, „das erste Mal im Profibereich“. Die Integration ist problemlos gelaufen. „Vielleicht ging das sogar etwas zu schnell“, sagt Tanner, „aber alle haben gesehen, dass er es kann.“ Neben Tanner sind auch Co-Trainer Ernst Leicht, Torwarttrainer Oka Nikolov, Verteidiger Kai Wagner und Angreifer Kacper Przybylko Deutsche, „sie haben mir sehr geholfen“. Flachs Englisch ist zudem gut genug, alle im Team seien sehr kommunikativ.

Mittlerweile hat er mit Hilfe des Clubs eine eigene Wohnung in Philadelphia gefunden, „eine sehr schöne Stadt mit großer Historie“. Auf den Straßen spielt das Leben, erzählt er, „die Restaurants und Läden sind offen, die Corona-Lage ist deutlich entspannter als in Deutschland“. Mittlerweile haben die Union-Spieler Impfangebote erhalten.

Leon Flach: Alle Möglichkeiten, zurückzukehren

Unterschiede zur Arbeit bei St. Pauli gebe es wenige. „Die Trainingsanlagen hier sind besser als an der Kollaustraße, man hat viel mehr Platz, alles ist größer, das ist super“, erzählt er: „Es gibt sehr sehr gute Strukturen, alles ist mega professionell.“ Philadelphia Union ist schließlich ein Spitzenclub, der im vergangenen Jahr die reguläre Punktspielrunde gewonnen hat und deshalb für die Concacaf Champions League qualifiziert ist, den wichtigsten Fußballwettbewerb für Vereinsmeisterschaften in Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik.

Sorgen, mit dem Sprung in die USA vom europäischen Markt verschwunden zu sein, hat Flach nicht. „Früher war die MLS eher eine Liga, wo Spieler hingegangen sind, die mit Europa abgeschlossen haben“, sagt Leon Flach: „Aber mittlerweile ist das für junge Spieler eine super attraktive Liga. Man hat alle Möglichkeiten, zurückzukehren.“ Idealerweise als gereifter Profi und Sieger – wie Rocky.

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