Corona-App

Hilft Smudo dem FC St. Pauli bei der Zuschauerrückkehr?

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Alexander Berthold und Carsten Harms
Volle Ränge im Millerntor-Stadion gab es zuletzt am 1. März. Smudo möchte mit seiner Corona-App dazu beitragen, dass Veranstaltungen mit Publikum wieder möglich werden.

Volle Ränge im Millerntor-Stadion gab es zuletzt am 1. März. Smudo möchte mit seiner Corona-App dazu beitragen, dass Veranstaltungen mit Publikum wieder möglich werden.

Foto: Witters/Picture Alliance (Montage: HA)

Rapper der Fantastischen Vier spricht mit Präsident Oke Göttlich über seine Idee. Auch Clubs und Gastronomie sollen profitieren.

Hamburg.  An Arbeit mangelt es Michael Bernd Schmidt in diesen Tagen wahrlich nicht. Derzeit nimmt der 52-Jährige, besser bekannt als Smudo, gemeinsam mit seinen Bandkollegen der „Fantastischen Vier“ in Stuttgart ein Weihnachtsspecial auf. In der kommenden Woche kehrt er nach Hamburg zurück, um sich einem weiteren Herzensprojekt zu widmen. Dies ist die neue Corona-App „Luca“, die von der weltbekannten Musikgruppe gemeinsam mit dem Berliner Start-up-Unternehmen „ne-Xenio“ entwickelt wurde und am Montag an den Start gegangen ist.

Die App ist eine digitale Schnittstelle zwischen Konzert- und Sportveranstaltern, Restaurants, Bars, Fitnessstudios sowie Alten- und Pflegeeinrichtungen auf der einen und den lokalen Gesundheitsämtern auf der anderen Seite. Damit soll die Zettelwirtschaft, die vor dem „Lockdown light“ bei der Kontaktnachverfolgung für Diskussionsstoff sorgte, ein Ende haben. „Luca ist ein Sicherheitssystem und die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt. Es ersetzt den handgeschriebenen Zettel. Es ist ein langer Weg mit viel Arbeit, aber es nimmt langsam Gestalt an“, sagt Smudo im Gespräch mit dem Abendblatt.

FC St. Pauli an Smudos App interessiert

Als erste deutsche Stadt nutzt Jena die App vor allem in der Gastronomie. In Sachsen-Anhalt wird das Programm in zwei Altenheimen genutzt. Auch die Gespräche mit der Verwaltung der Insel Sylt, auf der die App in weiten Teilen des öffentlichen Lebens genutzt werden soll, stehen unmittelbar vor dem Abschluss. „Wir haben sehr vielversprechende Gespräche mit dem Robert-Koch-Institut. Demnächst hoffen wir, dass das Bundes-Gesundheitsministerium mit am Tisch sitzt. So ist der Weg für uns in die lokalen Gesundheitsämter ein etwas leichterer“, erklärt Smudo.

Geht es nach dem Künstler, wird die Applikation als Nächstes in Hamburg, genauer gesagt auf St. Pauli, eingeführt. In der vergangenen Woche führte Smudo mit Oke Göttlich, dem Präsidenten des FC St. Pauli, ein erstes Sondierungsgespräch. In der kommenden Woche wollen sich beide noch einmal treffen. Dann soll auch das für den Stadtteil St. Pauli zuständige Gesundheitsamt Hamburg-Mitte mit ins Boot geholt werden. „In meiner persönlichen Fantasie ist es so, dass beispielsweise ein St.-Pauli-Fan ein Ticket kauft und beim Betreten des Stadions mit einem QR-Code auf der Karte eincheckt“, sagt Smudo und ergänzt: „Die Ticketdaten, wann der Fan welchen Eingang benutzt hat und wo er sich im Stadion aufhält, könnten an das Gesundheitsamt übermittelt werden, wo alles datenschutzkonform dezentral und sicher für 14 Tage gespeichert wird.“

Oke Göttlich bestätigte auf Nachfrage die Gespräche mit Smudo. „Wir haben natürlich mit ihm gesprochen, so wie wir mit sehr vielen Menschen über ihre Ideen und Lösungsansätze in der Corona-Krise sprechen. Wir reden nur nicht öffentlich so viel darüber“, sagte Göttlich dem Abendblatt. Ob es zu einer konkreten Zusammenarbeit kommt, ist noch offen. „Es ist heute schwer zu sagen, wie sich das Mosaikbrett aus Testverfahren, Apps und anderen Maßnahmen am Ende zusammensetzen wird, um wieder Zuschauer zulassen zu können“, sagte Göttlich. Am Ende entscheidet darüber das Gesundheitsamt.

Smudo will auch dem Stadtteil St. Pauli helfen

Nach den Vorstellungen des Musikers soll es nicht nur eine Kooperation mit dem Fußball-Zweitligisten werden. Smudo, der unweit des Millerntor-Stadions in der Schanze lebt, will den gesamten Stadtteil mit all seiner Vielfalt im Bereich Kunst, Kultur und Nachtleben mit Hilfe der App wiederbeleben. „Der Stadtteil liegt gerade komplett brach. Es würde mir gefallen, wenn wir den FC St. Pauli und die Reeperbahn als Leuchtturmprojekt für ,Luca‘ gewinnen könnten. Das wäre ein Superschritt für uns“, sagt Smudo, der die App bereits Vertretern des „Leaders Club“, einem deutschlandweiten Gastronomie-Netzwerk mit Hauptsitz in Hamburg, vorgestellt hat.

„Die Restaurants, in die ich gelegentlich gehe, um mir mal meine Pizza abzuholen, finden das sehr spannend und sind begeistert von ,Luca‘“, sagt Smudo, der sich wünscht, dass die von der Corona-Pandemie so hart getroffene Veranstaltungs- und Gastronomiebranche mithilfe der App endlich wieder Licht am Ende des Tunnels sehen kann. Hier hat er auch Oke Göttlich auf seiner Seite. „Uns geht es als FC St. Pauli nicht allein um die Rückkehr von Zuschauern ins Stadion, sondern auch darum, dass die Clubs in unserem Stadtteil wieder öffnen dürfen. Das sind auch für mich persönliche Herzensangelegenheiten.“

Smudo im neuen St.-Pauli-Trikot:

Veranstalter ohne Zugriff auf die Besucherdaten

Technisch funktioniert „Luca“ wie folgt: Der Nutzer trägt seine Daten auf seinem Smartphone in die App ein, die daraufhin wechselnde und fälschungssichere QR-Codes erzeugt. Diese werden von Veranstaltern gescannt, oder der App-User scannt selbst beim Besuch der jeweiligen Location einen QR-Code.

Beim Verlassen wird man automatisch oder durch ein neuerliches Scannen des Codes ausgecheckt. Tritt ein Infektionsfall auf, werden die Gäste dieser Location informiert, die sich zur betreffenden Zeit dort aufgehalten hatten. Zudem werden die Gesundheitsämter informiert, die dann automatisch Zugriff auf die Daten der übrigen Gäste haben.

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Der Datenschutzaspekt ist den Machern der App sehr wichtig. Die Veranstalter haben im Gegensatz zum Gesundheitsamt keinen Zugriff auf die Daten der Kunden und Besucher. Die sensiblen Kontakte werden verschlüsselt und dezentral auf einem Server für 14 Tage aufbewahrt. Praktisch: In der App ist auch ein Kontakttagebuch vorhanden, in dem man 30 Tage lang dokumentieren kann, mit wem man Kontakt hatte. Für diejenigen, die kein Smartphone oder Tablet besitzen, sollen digitale Schlüsselanhänger produziert werden. „Luca“ soll dabei nicht als Konkurrenz, sondern vielmehr als sinnvolle Ergänzung zur Corona-App der Bundesregierung dienen.

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