FC St. Pauli

„Ohne Corona wäre alles so weitergelaufen wie bisher“

| Lesedauer: 13 Minuten
Alexander Berthold
Torwart Robin Himmelmann kam im Sommer 2012 zum FC St. Pauli.

Torwart Robin Himmelmann kam im Sommer 2012 zum FC St. Pauli.

Foto: dpa

Seit Kurzem ist St. Paulis Robin Himmelmann Mitglied der Taskforce „Zukunft Profifußball“ und will helfen, das System zu reformieren.

Hamburg. An die neue Art der Kommunikation hat sich Robin Himmelmann längst gewöhnt. Per Zoom-Call hat sich der Torhüter des FC St. Pauli mit dem Abendblatt zum großen Interview verabredet. Vor dem ersten Heimspiel der neuen Zweitligasaison an diesem Sonntag (13.30 Uhr, Millerntor-Stadion/Sky und Liveticker auf abendblatt.de) spricht der 31 Jahre alte, in Moers aufgewachsene Keeper über sein neues Amt in der Taskforce „Zukunft Profifußball“, die allgemeine Entwicklung der Branche – und darüber, welchen sportlichen Traum er sich noch erfüllen möchte.

Herr Himmelmann, an diesem Sonntag dürfen 2226 Zuschauer zum Spiel gegen Heidenheim kommen. Wie viele Freunde und Familienmitglieder haben Sie um ein Ticket angehauen?

Robin Himmelmann: Ehrlich gesagt: keiner. Ich glaube, vielen war gar nicht bewusst, wie die Regelung derzeit ist und dass, wenn es Tickets gegeben hätte, nur eine sehr geringe Anzahl verfügbar gewesen wäre.

Die Corona-Fallzahlen gehen seit einigen Wochen auch bei uns in Deutschland und in Hamburg wieder deutlich nach oben. Würden Sie guten Gewissens Freunden und Familienmitgliedern einen Stadionbesuch ans Herz legen?

Robin Himmelmann: Ich glaube nicht, dass bei einem 30.000 Zuschauer fassenden Stadion die Corona-Gefahr groß ist, wenn nur rund 2000 Fans hineindürfen und zudem – wie jetzt bei uns – ein gut ausgearbeitetes Hygienekonzept vorliegt.

Wie haben Sie die knapp 3500 Zuschauer in Bochum am Montagabend wahrgenommen?

Robin Himmelmann: Es ist ja auch keine Jahre her, dass wir mit Zuschauern gespielt haben. Von daher war es keine wahnsinnige Umstellung. Es ist der richtige Weg, wenn alles konzeptionell gut ausgearbeitet ist und man feststellt, dass keine große Anzahl an Stadionbesuchern infiziert wird, die Stadien langsam wieder zu öffnen. Wir freuen uns alle, dass wir am Sonntag zumindest eine geringe Anzahl an Fans am Millerntor haben werden.

Wie sehr freuen Sie sich für die Fans, die ihre Leidenschaft so lange nicht im Stadion ausleben konnten?

Robin Himmelmann: Für diejenigen, die ins Stadion dürfen, ist es super, aber man darf nicht vergessen, dass noch ein gewaltiger Teil an Leuten nicht hineindarf.

Können Sie sich in die Gedankengänge der Fans hineinversetzen?

Robin Himmelmann: Ja, absolut. Als Kind und Jugendlicher bin ich zu Borussia Mönchengladbach gegangen, habe dort sowohl das alte Bökelberg-Stadion als auch das neue Stadion kennengelernt. Ich kann mir gut vorstellen, was in den Fans vorgeht, was sie bewegt.

Bei den Ultra-Gruppierungen gibt es deutschlandweit wenig Lust, die Teilöffnung der Stadien mitzumachen. Machen Sie sich Sorgen, dass in dieser Corona-Zeit eine Entfremdung mit dem Fußball stattfinden kann?

Robin Himmelmann: Ich denke, dass, wenn die Normalität, wie auch immer sie aussehen wird, wieder einkehrt, sich zeigen wird, ob es eine Entfremdung gibt. Wir wissen alle nicht, wie lange sich alles ziehen wird mit Corona. Ein Jahr? Ein halbes Jahr? Kommt die Normalität vielleicht schneller? Es ist schwer vorherzusehen, ob und inwieweit sich das Fan-Interesse am Profifußball verändert.

Sie sind ein Mitglied der neuen, 35 Personen umfassenden Taskforce „Zukunft Profifußball“ des Deutschen Fußball-Bundes. Als einer von zwei aktiven Profis – und als einziger Hamburger. Helfen Sie gerade mit bei der Rettung des deutschen Fußballs?

Robin Himmelmann: Nein, das würde sich zu übertrieben anhören. In der Taskforce sind sehr viele verschiedene Interessengruppen. Und wir Spieler sind ein Teil davon. Wir Profis spielen natürlich eine wichtige Rolle in dem Konstrukt. Wir wissen alle um die Bedeutung der Themenbereiche Fans und Wirtschaftlichkeit der Clubs. Durch Corona hat man gesehen, dass kurzfristig einige Clubs vor große Probleme gestellt wurden. Natürlich hoffen alle, dass Corona bald abgehakt ist, aber trotzdem gibt es Themen, die man sich im Zuge dessen anschauen und überlegen sollte, ob der Status quo im Profifußball nicht überdacht werden muss. Ich würde aber nicht davon sprechen, dass wir in der Taskforce den Fußball retten oder revolutionieren.

Sie sind im Spielerrat der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VdV) und nun in der neuen Taskforce zur Zukunft des Profifußballs. Wann haben Sie damit angefangen, sich über die jeweils 90 Spielminuten hinaus Gedanken über das gesamte Business zu machen?

Robin Himmelmann: Die Mitgliedschaft bei der VdV läuft schon, seitdem ich vom Jugend- in den Erwachsenenbereich gewechselt bin. Seit einiger Zeit bin ich auch im Spielerrat dort vertreten. In den vergangenen Jahren gab es relativ wenig komplexe Themen. Häufig waren es Probleme in unteren Ligen, wo es bei Insolvenzfällen um Probleme mit der Gehaltsfortzahlung bei Spielern gab. Durch Corona kam relativ plötzlich als Thema auf, dass Vereine am Rande des Bankrotts standen, was uns Spieler ja auch direkt betrifft. Wenn du einen Zweijahresvertrag hast und dein Verein nicht mehr zahlungsfähig ist, ist es ein großer Einschnitt. Wir hatten liga- und vereinsübergreifend viele Gespräche, gerade was das Thema Gehaltsverzicht betrifft. Jetzt wurde ich von der VdV gefragt, ob ich nicht eine der Spielerpositionen in der Taskforce belegen möchte. Da habe ich sofort zugesagt.

Schauen Sie heutzutage mit anderen Gefühlen Fußball als früher, etwa als sie als Jugendlicher ins Stadion gegangen sind?

Robin Himmelmann: Je jünger man ist, desto unbedarfter geht man an das Thema Profifußball heran. Je länger man gewisse Innenansichten bekommt, desto mehr verändert sich auch die Sichtweise, wie man Dinge betrachtet. Wenn wir Corona nicht gehabt hätten, wäre alles im Profifußball seinen normalen Gang weitergelaufen. Dann hätten wir weiter die Vereine, die finanziell auf Kante genäht sind. Jetzt ist die Frage, inwieweit das noch ein zukunftsfähiges Modell ist. Es hängen ja nicht nur wir Spieler daran, sondern auch für Fans, Sponsoren und Geschäftsstellenmitar­beiter ist es keine angenehme Situation, wenn man plötzlich mehrere Ligen weiter unten spielen muss.

Aber ist es nicht doch frappierend, dass erst eine Pandemie kommen muss, um endlich den Prozess des Hinterfragens in Gang zu setzen?

Robin Himmelmann: Es ist definitiv schade, aber man hat immer irgendeinen Auslöser, um über Dinge intensiver nachzudenken. Nun ist es so, dass die Pandemie der Auslöser ist.

Also muss man jetzt jeden Stein umdrehen, um eine schonungslose Analyse vollziehen zu können?

Robin Himmelmann: Es geht nicht nur darum. Wir können auch schauen, was wir richtig gut machen. Wir haben es in Deutschland geschafft, als erste große Sportliga weltweit, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Die Fans des FC St. Pauli haben kürzlich ein Thesenpapier zum Thema Zukunft des Profifußballs erstellt. Sie kritisieren darin unter anderem die Geldverteilung, den Größenwahn und die zunehmende Kommerzialisierung. Finden Sie sich in diesen Themen also komplett wieder?

Robin Himmelmann: Natürlich will man, dass in der Bundesliga der Meister am letzten Spieltag ausgespielt wird. Wenn man sich die vergangene Bundesligasaison anschaut, war es lange Zeit sehr eng. Man kann den Bayern keinen Vorwurf machen, dass sie alles gewonnen haben. Das Thema zunehmende Kommerzialisierung ist natürlich eines, aber es muss auch darum gehen, ein Lizenzierungsverfahren hinzubekommen, in dem man sicherstellt, dass ein Verein nicht nur für eine Saison die Liquidität nachweisen muss, sondern vielleicht über die nächsten zwei, drei, vier Jahre. Darin inbegriffen sind die Szenarien Auf- und Abstieg.

Das klingt nach einem radikalen Umdenken bei den Clubs.

Robin Himmelmann: Na ja, man muss auch realistisch sein. Wie es früher war, wird es nicht mehr werden. Man muss aber schauen, dass Fans und Traditionalisten nicht auf der einen Seite stehen und das Business Fußball auf der anderen, und es keine Schnittmengen mehr gibt. Es geht aber nicht darum, dem FC Bayern vorzuschreiben, dass er pro Saison nur noch 20 Millionen Euro für Spieler ausgeben darf.

Mit Verlaub: Die Spieler sind doch eigentlich die Profiteure, wenn mehr Geld im Markt ist, wenn die Einnahmen der Clubs und damit auch die Gehälter steigen.

Robin Himmelmann: Wir müssen aber aufpassen, keine zu große Fallhöhe zu haben. Das Kartenhaus Profifußball muss stabil stehen und darf nicht zusammenfallen. Als Club strebt man immer nach Verbesserungen. Jahr für Jahr mehr Umsatz, mehr Einnahmen. Das Geld sollte aber nicht von Einzelpersonen oder einem Unternehmen hineingepumpt werden. So läuft man Gefahr, dass, wenn ein solcher Investor abspringt, die hohen Kosten bleiben, sie aber nicht von einem Geldgeber gedeckt werden. Nachhaltigkeit ist nicht nur im Fußball ein Thema, sondern in diesen Tagen in vielen Lebenslagen sehr, sehr wichtig.

In immer mehr Sportarten – zuletzt in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) – werden Spielergewerkschaften gegründet, um bei wichtigen Entscheidungen eine Stimme zu haben. Fühlen Sie sich als Fußballer genug gehört?

Robin Himmelmann: Beim ersten Hygienekonzept der Deutschen Fußball-Liga sind wir Spieler nicht wirklich miteinbezogen worden. Wir haben verstanden, dass die Saison unbedingt zu Ende gespielt werden sollte, um die Einnahmen aus den TV-Geldern nicht zu gefährden. Wir Spieler waren nicht bockig, sondern haben uns den Gegebenheiten – beispielsweise der Quarantäneregelung – angepasst. Mit der Einbindung der Spielerseite in die Taskforce ist ein Anfang gemacht worden. Man wird aber sehen müssen, inwieweit unsere Meinung auch Gehör findet.

Wie arbeitsaufwendig ist die Mitarbeit in der Taskforce und wie sieht die Arbeit überhaupt aus?

Robin Himmelmann: Das ist überschaubar. Hin und wieder treffen wir uns in Videokonferenzen. In ein paar Themen müssen wir uns einlesen, aber das ist gut zu schaffen.

Nachhaltig ist Ihre Arbeit beim FC St. Pauli. Sie sind seit Sommer 2012 im Verein, gemeinsam mit Christopher Buchtmann dienstältester Profi bei St. Pauli und gleichzeitig mit 31 Jahren jetzt der älteste Spieler im Kader. Was macht das mit Ihnen?

Robin Himmelmann: Verrückt, oder? Ehrlich gesagt macht das mit mir nicht viel. Das sind für mich lediglich zwei Fakten.

Als Torhüter haben Sie die besten Jahre vom Alter her noch vor sich. Wird man trotzdem ungeduldig, was sportlichen Erfolg angeht, wenn das Karriereende zumindest fern am Horizont zu sehen ist?

Robin Himmelmann: Ich würde eher sagen, dass ich in der Mitte meiner Karriere angekommen bin. Natürlich ist es so, dass man als 20-Jähriger weiß, dass man im Idealfall noch viel Zeit hat, um Erfolge mit der Mannschaft zu feiern. Das macht mich aber nicht nervös.

Langweilig war es in den vergangenen acht Jahren aber ohnehin nicht für Sie, oder?

Robin Himmelmann: Nein, ich hätte mir eher gewünscht, dass die eine oder andere Saison langweilig gewesen wäre – vor allem in den Spielzeiten, als wir gerade mit Ach und Krach über die Ziellinie gerutscht sind. Aber wenn man sich mal die Zweite Liga anschaut, sieht man, dass viele Teams, die zwischenzeitlich mit uns mal auf Augenhöhe waren oder uns enteilt sind, nicht mehr in der Liga sind. Vereine wie der 1. FC Kaiserslautern und 1860 München. Wir haben es geschafft, uns als Zweitligist zu behaupten. Wir hatten die Ambitionen, weiter oben anzugreifen. Das hat nicht so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir wollen uns jetzt kontinuierlich so weiterentwickeln, dass wir irgendwann sagen können, dass wir bereit sind, uns im oberen Bereich festzubeißen.

Welchen sportlichen Traum möchten Sie sich unbedingt noch erfüllen?

Robin Himmelmann: Der Traum als junger Spieler war es, so hoch wie möglich zu spielen. Ob das dann Bundesliga, Champions League oder Weltmeisterschaft ist, ist ein anderes Thema. Die Wahrscheinlichkeit für das eine ist sehr gering, aber man weiß ja nie, in welche Länder es einen noch verschlägt. Ich hätte nichts dagegen, mal in der Bundesliga zu spielen. Wenn ich aber irgendwann meine Karriere beende und kein Erstligaspiel gemacht habe, werde ich nicht traurig zu Hause sitzen.

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