Zweite Liga

Wie der FC St. Pauli Talente auf das Leben vorbereitet

Stephanie Goncalves Norberto sorgt bei St. Pauli
dafür, dass Fußball und Schule in Einklang sind.

Stephanie Goncalves Norberto sorgt bei St. Pauli dafür, dass Fußball und Schule in Einklang sind.

Foto: Marcelo Hernandez

Pädagogin Stephanie Goncalves Norberto sorgt dafür, dass die Fußballprofis von morgen auch außerhalb des grünen Rasens etwas lernen.

Hamburg.  Am Montag kam Stephanie Goncalves Norberto mal wieder raus aus dem Büro im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) an der Kollaustraße. Mit 90 Personen, vier Mannschaften – von der U-16 bis U-23 – fuhr die pädagogische Leiterin des FC St. Pauli ins Konzentrationslager nach Neuengamme. „Wir hatten einen Projekttag zum Thema Nationalsozialismus im Fußball“, erklärt die 29-Jährige. „Es ist gut, mal mit den Jungs rauszukommen, den Blickwinkel zu wechseln. Der Besuch ist nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen, hat Eindruck hinterlassen“, sagt die gebürtige Dortmunderin, die seit 2018 beim Kiezclub beschäftigt ist, und dafür sorgt, dass sich die Welt der St.-Pauli-Talente nicht nur um das runde Leder dreht.

Der Traum derer, die im NLZ trainieren und im Jugendtalentehaus beheimatet sind, ist klar umrissen. Fußballprofi werden, sich von Zehntausenden Menschen frenetisch bejubeln lassen und sich finanziell nie wieder Sorgen machen zu müssen. „Wenn die Spieler irgendwann aus dem NLZ gehen, müssen sie etwas können. Der Fußball steht an erster Stelle, wir wollen, dass unsere Jungs Profis werden. Aber sie brauchen einen Plan B für den Fall, dass es mit der großen Karriere nicht klappen sollte“, sagt die gelernte Sozialpädagogin.

Tücken des Alltags

Und genau dafür sorgt Goncalves Norberto mit ihrem Team. Regelmäßig finden Workshops und Projekttage statt, bei denen Anwesenheitspflicht besteht, um die Fußballprofis von morgen auf die Tücken des Alltags vorzubereiten und ihnen zu zeigen, dass es auch ein Leben außerhalb der glamourösen, oft oberflächlichen Fußballwelt gibt. Dabei setzt St. Pauli auf die Fünf-Finger-Regel, die aus Athletik, Fußball, Umgebung, Persönlichkeit und Schule besteht.

Im Jugendtalentehaus, in dem Talente, deren Elternhaus zu weit von Hamburg entfernt ist, in zwei Reihenhäusern leben, gibt es in allen Ferien Teamtage, an denen gemeinsame Unternehmungen gemacht werden. „Im Jugendtalentehaus geht es noch mehr als im NLZ um ganzheitliche Betreuung. „Es finden Einzel- und Gruppenmaßnahmen statt, um sie dabei zu unterstützen, auch persönliche Ziele fernab vom Fußball zu erreichen“, sagt Goncalves Norberto: „Sie ziehen irgendwann mit 18 oder 19 Jahren aus, und wie wäre es denn, wenn sie nicht wissen, wie man Verantwortung übernimmt?“

DFB schreibt Workshops vor

Ganz groß werden die Themen Wertevermittlung und Anti-Rassismus geschrieben. So führte ein ehemaliger Obdachloser die Talente durch St. Pauli, berichtete, wie das Leben auf der Straße ist. Auch ein ehemaliger Geflüchteter aus Afghanistan berichtete vor den Spielern der U-17 bis U-23 von seiner erfolgreichen Flucht nach Deutschland. Gemeinsam mit Mentaltrainer Daniel Klewer wurde eine interaktive Gesprächsrunde umgesetzt, in der es darum ging, wie man den Fokus auf seine Ziele trotz Schicksalsschlägen behält. „Darauf legen wir bei unseren Referenten viel Wert. Wir wollen interaktive Erlebnispädagogik für unsere Jungs haben, sagt Goncalves Norberto.

Das wurde auch beim lieben Thema Geld beherzigt. Gemeinsam mit der Haspa bekamen vier Talente, die einen Profivertrag erhalten haben, einen 90-minütigen Vortrag mit dem Titel: „Wie gehe ich mit dem ersten Geld um?“ Ein wichtiges und spannendes Thema. „Ich wusste auch nicht, wie ich mit dem ersten Gehalt umgehen sollte“, gesteht die Wahl-Hamburgerin offen ein. „Das kennen wir alle. Da war das Feedback sehr gut. Die Jungs waren wissbegierig, haben Fragen gestellt“, berichtet Goncalves Norberto.

Doch nicht nur das Thema Geld steht im NLZ auf der Agenda. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verpflichtet die Vereine, die Themen Spielmanipulation und Doping zu behandeln. In den derzeit laufenden Herbstferien kommt noch ein Vertreter der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) zum FC St. Pauli, um mit den Spielern der Leistungsmannschaften U-16 bis U-23 über den korrekten Umgang mit Medikamenten zu referieren. „Wir wollen sensibilisieren, und dafür sorgen, dass sich unsere Jungs als zukünftige Leistungssportler bewusst mit diesem wichtigen Thema auseinandersetzen. Dazu gehört auch Social Media“, sagt Stephanie Goncalves Noberto. Das Thema „Umgang mit sozialen Netzwerken“ wird vom DFB empfohlen, ist aber keine Pflicht. St. Pauli schult jedoch bereits von der U-10 an die Nutzung von Social Media.

Ganzheitliche Betrachtung der Spieler

Unabhängig von den Workshops legt Goncalves Norberto viel Wert darauf, dass Schule und Fußball bei den Talenten im Gleichklang sind. Die pädagogische Leiterin ist Schnittstelle zwischen dem FC St. Pauli, der Partnerschule Julius Leber in Schnelsen, den Eltern und den Nachwuchskickern. Einmal pro Woche treffen sich die NLZ-Leitung, die Fußballtrainer sowie alle Leiter der Bereiche wie Pädagogik, Athletik, Medizin, Videoanalyse und Sportpsychologie. Dabei ist dem NLZ eine ganzheitliche Betrachtung der Spieler und ihrer alltäglichen Themen wichtig. „Für mich sind aber auch die ,Zwischen-Tür-und-Angel-Gespräche‘ im Kabinentrakt mit den Jungs wichtig“, sagt die Deutsch-Portugiesin und erklärt: „Ich will wissen, warum ein Talent schlechte Laune nach dem Training hat. Solche Gespräche führt man am Besten in einer Umgebung, in denen sich die Jungs wohlfühlen.“

Wohl fühlt sich Goncalves Norberto in ihrem Job in jedem Fall. Sie genießt es, über die Trainingsanlage zu laufen, den Dialog mit Trainern, Mitarbeitern und Spielern zu suchen und einfach für die Talente dazusein. „Die schönsten Momente sind die, wenn die Jungs von sich aus ankommen und in mir eine Vertrauensperson sehen. Dann weiß ich, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird.“