FC St. Pauli

Wie aus „Leo wer?“ „der Östigard“ wurde

St. Paulis Leo Östigard jubelt über den Sieg

St. Paulis Leo Östigard jubelt über den Sieg

Foto: picture alliance/Daniel Bockwoldt/dpa

Gegen den HSV stand St. Paulis Neuzugang erstmals von Beginn an auf dem Platz. Womit der norwegische Leihspieler begeistert.

Hamburg. Leo Östigard hat einen Wunsch: „Kann ich etwas auf Deutsch sagen?“ Dann legt er los, konzentriert und mit dem festen Willen, es richtig zu machen: „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Spiel, und die Fans waren fantastisch.“ Das zum Derby, alles klar. So zielstrebig, wie der Norweger beim FC St. Pauli auf dem Platz auftritt, so geht er offenbar auch seine sonstigen Herausforderungen an. „Ich bin wie ein Wikinger, ich versuche immer zu kämpfen.“

Gegen den HSV durfte der gerade 19 Jahre alte Blondschopf erstmals von Beginn an für seinen neuen Verein in einem Pflichtspiel auflaufen. Eine leichte Verletzung aus der Saisonvorbereitung hatte den Start in Hamburg für ihn etwas verkompliziert. Die 93 Minuten am Millerntor aber reichten, um ihn bei den Fans von „Leo wer...?“ zu „der Östigard“ werden zu lassen. „Der Östigard“, sagte also einer der Dauerkiebitze am Donnerstag beim Training an der Kollaustraße, „der hat das super gemacht. Wie ein Alter.“

Östigard bis Saisonende ausgeliehen

Hat er. Auch Trainer Jos Luhukay lobte den Zugang nach der Partie ausdrücklich, insbesondere das Zusammenspiel mit James Lawrence in der Abwehrmitte. Es war, als hätten sie schon immer zusammengespielt. Auch der ebenfalls neue Rechtsverteidiger Sebastian Ohlsson passte sich super ein. „Wir haben vorher genau besprochen, was wir machen wollen“, erzählte Östigard, der sich mit seinen Kollegen vor allem auf Englisch verständigt. „Ich denke, wir haben eine gute Struktur jetzt, es ist schwer, gegen uns Tore zu schießen.“

Bis Saisonende hat der FC St. Pauli Östigard vom englischen Premier-League-Club Brighton & Hove Albion ausgeliehen. Eine Win-win-Situation. „Es ist schwer für einen 19-Jährigen, in der Premier League zu spielen“, schätzt Östigard seine Lage ein, „ich wollte deshalb verliehen werden.“ Als sich St. Pauli meldete, war sein Interesse schnell geweckt: „Ich wusste von der fantastischen Atmosphäre“, erzählt er, „und ich wusste, dass Mats Möller Daehli hier spielt.“ Also rief er seinen Landsmann an: „Er hat mir geraten zu kommen.“

Alle Jugendnationalmannschaften Norwegens durchlaufen

Schon mit 18 Jahren war er aus Norwegen aufgebrochen in die große Fußballwelt, nach England. Ein Frühentwickler offenbar, der sein Schicksal in die Hand nimmt, der erstaunlich reif wirkt für sein jugendliches Alter. Er war sogar schon mit 17 Jahren Kapitän bei FK Molde zu einer Zeit, als Manchester-United-Legende Ole Gunnar Solskjaer dort Trainer war. „Er hat mir Vertrauen gegeben, von ihm habe ich sehr viel gelernt.“

Östigard hat seit seinem 16. Lebensjahr alle Jugendnationalmannschaften Norwegens durchlaufen und fiel deshalb schon diversen Scouts auf. Auch HSV-Sportvorstand Jonas Boldt nahm von dem kräftigen Verteidiger Notiz, als er noch für Bayer Leverkusen tätig war. Das war aber auch nicht so schwer: Bei der Qualifikation für die U-19-EM 2018 kassierte Deutschland im März eine knackige 2:5-Heimpleite gegen die Skandinavier. Der heutige HSV-Leihspieler Adrian Fein saß auf der Bank, der an Bochum verliehene HSV-Stürmer Manuel Wintzheimer und Leverkusens Toptalent Kai Havertz wurden eingewechselt. Für Norwegen traf Salzburgs aktueller Shootingstar Erling Haaland doppelt. Und Östigard hielt die Abwehr zusammen.

Unterstützung von Teamkollege Möller Daehli

„Ich bin gerne ein Anführer, ich rede viel mit den Kollegen“, charakterisiert er sich selbst, „und ich versuche, keine dummen Fehler zu machen wie ein junger Verteidiger.“ Das ist gegen den HSV und in seinem Kurzeinsatz vorher gegen Dresden gelungen. Auch weil Möller Daehli ihn natürlich unterstützt: „Ich helfe ihm, wo ich kann. Ich rede viel mit ihm und versuche, ihm Ruhe zu geben.“

Seit einigen Tagen hat Östigard eine eigene Wohnung bezogen, seine Freundin allerdings wohnt weiter in Norwegen. Dafür war seine Mutter beim Derby zu Besuch, hat gewaschen und gemacht, was Mütter so tun. Heimweh? Ja, manchmal, das kann er nicht abstreiten: „Aber so ist das Leben als Fußballprofi, allein in einer fremden Stadt.“ Während Möller Daehli inzwischen das St.-Pauli-Logo küsst und sagt: „Ich liebe diesen Club“, ist Hamburg für Östigard eine Chance, „und die muss man nutzen.“ Bis 2021 steht er bei Brighton & Hove Albion unter Vertrag. Und die Briten schauen genau, wie sich ihr Talent entwickelt. Auch zum HSV-Spiel war der „Leihspielerbetreuer“ gekommen und hatte sich am Dienstag mit dem Norweger lange unterhalten. „Die Zweite Liga hat ein gutes Level und ist für mich interessant. Was die Zukunft bringt, muss man nach der Saison sehen. Aber natürlich will ich irgendwann erstklassig spielen.“

Zukunftsmusik. Zunächst zählt der Sonntag und das Spiel beim VfL Osnabrück (13.30 Uhr/Sky). Östigard hat gute Chancen, wieder in der Startelf zu stehen. „Es ist sehr wichtig, dass wir jetzt nachlegen“, sagt er, „das Derby war fantastisch, aber Osnabrück wird mindestens genau so schwer.“