Zweite Bundesliga

Florian Carstens ist der stille Überflieger des FC St. Pauli

Florian Carstens überzeugt in dieser Saison vor allem durch seine unaufgeregte Spielweise in der Abwehr des FC St. Pauli.

Florian Carstens überzeugt in dieser Saison vor allem durch seine unaufgeregte Spielweise in der Abwehr des FC St. Pauli.

Foto: Witters

Abwehrtalent Florian Carstens feierte in Aue sein Startelfdebüt beim FC St. Pauli. Nun ist der Youngster erneut gefordert.

Hamburg.  So ein kleines bisschen klingt der junge Mann schon wie ein alter Hase: „Es wird ein schweres Spiel gegen Erzgebirge Aue, im Hinspiel waren wir nicht gut, wir haben etwas gutzumachen. Aue aber auch nach der Niederlage zuletzt. Es wird ein heißer Kampf. Das Millerntor wird hoffentlich beben.“ Ja, ist klar. Anderseits: Was soll Florian Carstens vor der Partie des FC St. Pauli an diesem Sonnabend (13 Uhr/Sky) sonst auch sagen? Die können nichts, und wir hauen sie weg? Eben.

Selbst wenn er das dächte, würde er es so nicht formulieren. Aber er denkt das eben gar nicht. Der gerade 20 Jahre alte Innenverteidiger strahlt entschlossene Sachlichkeit aus. Da ist nichts Überfliegermäßiges, obwohl er in dieser Saison genau das ist im Kader des Zweitligisten: Ein Überflieger. „Ja, Wahnsinn“, sagt er selbst im Blick zurück, „es ging steil bergauf in meiner Karriere. Eigentlich war ich fest für die U23 eingeplant.“

Nun aber ist er ein unverzichtbarer Teil von Markus Kauczinskis Profitruppe. Auch wenn er in dem aus Hoffenheim ausgeliehenen Justin Hoogma interne Konkurrenz bekommen hat. „Wir sind alle sehr zufrieden. Er hat eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, und das macht er gut“, lobt der Trainer Carstens, „natürlich sind noch mal ein paar Wackler und Stellungsfehler drin. Wir haben in Hoogma jemanden dazubekommen, der über Qualität verfügt und sehr stark trainiert.“

Kompetenter Rat von Trulsen

Gegen Aue hat Carstens bei der 1:3-Niederlage im Hinspiel das erste Mal in der Startelf gestanden, „da war ich sehr aufgeregt“. In gewisser Weise könnte sich so am Sonnabend also ein Kreis schließen. Richtig „klick“ gemacht aber hat es für Carstens beim 2:1-Sieg gegen Bielefeld am zwölften Spieltag, seinem zweiten Startelfeinsatz. „Als ich gegen Fabian Klos gespielt habe, habe ich gemerkt, es geht nur über den körperlichen Einsatz.“ Und über Cleverness. Die abgebrühten Sturmkanten in der Zweiten Liga beherrschen eben alle Tricks. „Die spielen noch ekliger, halten dich mal fest, ziehen am Trikot. Das gibt es so in der Regionalliga nicht. Das ist auch eine Umstellung. Da muss ich meine Erfahrungen sammeln.“

Zum Glück hat er mit Co-Trainer André Trulsen jemanden, der ihm bei all diesen Dingen äußerst kompetent Rat geben kann. „Truller“ ist mit 409 Pflichtspielen eine Innenverteidiger-Legende am Millerntor. Er hat insbesondere die Aufgabe, sich um die Jungprofis zu kümmern. „Er gibt mir Ratschläge, was ich noch verbessern kann, und wir machen auch eine individuelle Videoanalyse“, erzählt Carstens, „dass er früher auf meiner Position gespielt hat, hilft mir natürlich auch sehr.“

Er stammt aus einer HSV-Familie

Seit viereinhalb Jahren ist Carstens bei St. Pauli. Aus Lüneburg kam er einst in die „falsche“ Hamburger Jugendabteilung. „In meiner Familie waren alle HSV-Fans. Sie haben mich auch mit ins Volksparkstadion genommen.“ Aber wer weiß, ob er beim HSV eine ähnliche Entwicklung genommen hätte: U17, U19, U23. Im Oktober hat er dann seinen ersten Profivertrag unterzeichnet. „Das war schon ein kleines Etappenziel. Aber ich will mich natürlich immer weiter verbessern.“

Dass er zuletzt Stammspieler war, lag auch am Pech von Philipp Ziereis, der im Wintertrainingslager einen Kreuzbandriss erlitt. „Das ist eine tragische Situation für ihn. Aber natürlich geht dann eine Lücke für andere Spieler auf“, sagt Carstens, „es war vielleicht mein Glück, dass ich da reingehen konnte.“ Der junge Mann ist aber realistisch genug zu wissen, dass er sich schnell auf der Reservebank wiederfinden kann. „Ich wusste bei Ziereis’ Verletzung, dass der Verein noch einen Verteidiger holen würde“, sagt er, „mit Justin Hoogma verstehe ich mich übrigens sehr gut, wir sitzen im Bus und beim Essen nebeneinander.“

Mit Aue kommt nun Stürmer Pascal Testroet, wieder so ein Angriffsklotz, der bereits elf Saisontore geschossen hat. „Den bekommt man in den Griff, indem man ihn nicht schießen lässt“, sagt Kauczinski, „selbstverständlich beschäftigen wir uns damit, wie sich ein Stürmer bewegt.“ Carstens und Co. sind vorbereitet: „Es war eine gute Trainingswoche mit hoher Konzentration“, lobte der Trainer. Die 1:4-Niederlage gegen den 1. FC Köln ist aufgearbeitet. Dass es gegen Aue den letzten Heimsieg im Mai 2008 gab, interessiert beim Kiezclub niemanden: „Ich stehe nicht auf solche Statistiken. Jedes Spiel ist anders“, sagt Carstens. Wie ein alter Hase.