Vorfälle am Millerntor

St.-Pauli-Fan reanimiert und mit Urin-Bechern beworfen

34 Verletzte nach Vorfällen am Millerntor: Ein Hamburger kam auf die Intensivstation. Dresdner Fans fielen negativ auf.

Hamburg. Beim Zweitligaspiel zwischen dem FC St. Pauli und Dynamo Dresden (1:1) ist es am Sonnabend zu mehreren Vorfällen gekommen. Wie der polizeiliche Lagedienst am Sonntagmorgen mitteilte, wurden bei diversen Ausschreitungen 34 Menschen verletzt. 450 Beamte sicherten die Partie ab – ein überdurchschnittliches Aufgebot. Die Hamburger verurteilten im Anschluss das Verhalten der Gästefans aufs Schärfste, Dynamo entschuldigte sich bei allen Beteiligten.

Nach einer ruhigen ersten Hälfte wurde es ab der Halbzeit turbulent abseits des Rasens. Die Polizei spricht von "massiven, gegenseitigen Becherwürfen" zwischen den Gäste- und Heimfans. Zu beginn des zweiten Durchgangs brach ein Fan des Kiezclubs auf der Nordtribüne im Millerntor-Stadion aus gesundheitlichen Gründen zusammen und musste reanimiert werden. Anschließend wurde der Mann in die Asklepios Klinik St. Georg gefahren, wo er auf die Intensivstation kam. Am Sonntag erhielt St. Pauli die Nachricht, er sei außer Lebensgefahr.

Dresdner werfen Urin-Becher

Als skandalös erwies sich vor allem das Verhalten der Gästefans, die den zusammengebrochenen Fan beim Abtransport mit Bierbechern und anderen Gegenständen bewarfen. Augenzeugen berichten, dass in den von Dynamo-Fans geworfenen Bechern zum Teil auch Urin war. Etwa gleichzeitig hatte es einen Versuch von drei Dresdnern gegeben, eine St.-Pauli-Fahne zu stehlen. Dieses konnten die Polizei und Ordner, die dabei verletzt wurden, verhindern. Deshalb befanden sich Polizisten und Ordner in dem Gang, durch den der Patient herausgetragen wurde.

Unklar ist, ob die Becherwürfe den Beamten oder dem Opfer galten. Es war jedoch nicht zu übersehen, dass dort jemand, der um sein Leben kämpft, herausgetragen wird. Getroffen wurde glücklicherweise niemand. "Wir drücken weiter die Daumen. Ein besonderer Dank geht an die Heimfans, den Ordnungsdienst, die Sanitäter und Notärzte, die alles dafür getan haben, um dem Mann sofort zu helfen", twitterte der FC St. Pauli zu diesem Vorfall.

Dresdner wollten St.-Pauli-Block stürmen

Wenige Minuten vor dem Ende der Partie – gegen 14:25 Uhr – versuchten etwa 50 Vermummte, vom Gästebereich in die benachbarten St.-Pauli-Blöcke zu stürmen. Möglicherweise ging hier eine Provokation voraus. Die Vermummten wurden durch Polizei und Ordner aufgehalten.

In der Folge formierte sich die Polizei vor dem Fanblock der Sachsen. Etwa 50 bis 80 Dresdner Fans war es zwischenzeitlich gelungen, den Gästeblock in Richtung des unteren Umlaufs der Nordtribüne zu verlassen. Hier kam es zu weiteren massiven Ausschreitungen, die sich gegen die Beamten richteten. Unter anderem wurden herausgerissene Sitzschalen als Wurfgegenstände eingesetzt. Die Polizisten schritten durch den Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken ein.

St.-Pauli-Fans verprügeln sich gegenseitig, Dresdner zeigt "Hitler-Gruß"

30 bis 40 St.-Pauli-Fans verließen zwischenzeitlich das Stadion und versuchten, über die Budapester Straße den Gästeeingang zu erreichen. Polizeibeamte verhinderten dieses Vorhaben. Als die Personen zurück zum Stadion gingen, trafen sie im Bereich des Schwimmbads auf eine Gruppe, die sie für Dresdner Fans hielten – und deshalb attackierten. Polizisten trennten die Schläger voneinander und stellten hinterher fest, dass beide Gruppen Anhänger des FC St. Pauli waren.

Derweil soll ein Dresdner im Stadion den „Hitler-Gruß" gezeigt haben. Während der Abreise soll am Hamburger Hauptbahnhof aus einer Gruppe Gästefans heraus „Sieg Heil" gerufen worden sein.

Dresden-Fans zerstören Toiletten

Vor der Partie hatten Dynamo-Anhänger mehrere sanitäre Anlagen in der Arena zerstört. Der Schaden soll nach Clubangaben bei etwa 10.000 Euro liegen. St. Paulis Sportchef Uwe Stöver berichtete, dass er sich nach dem Spiel mit den Dresdner Clubverantwortlichen Michael Born und Ralf Minge die Schäden in den Toiletten angeschaut hat. „Es ist enorm, was in den Toiletten mutwillig zerstört wurde. So ein Verhalten geht gar nicht. Das hat nichts mit Fußball zu tun", kritisierte Stöver.

Nach dem Abpfiff suchten Fans beider Vereine die Auseinandersetzung, doch die Polizei ging dazwischen und beendete die Streitereien – unter anderem mit Pfefferspray – , bevor sie richtig beginnen konnten. St. Pauli teilte mit, dass bei Krawallen im Gästeblock während der zweiten Halbzeit drei Ordner verletzt wurden.

Auslöser der Randale war ein Plakat im Gästeblock mit einer an St.-Pauli-Fans gerichteten Hassbotschaft, das der Kiezclub verurteilte (siehe Tweet). Die traurige Bilanz eines ereignisreichen Polizeieinsatzes: 25 Zuschauer auf beiden Fanlagern, sechs Polizisten und drei Ordner wurden verletzt. Außerdem verhängten die Beamten zwei Strafanzeigen.

Dresden verurteilt Verhalten der eigenen Fans

Dresdens kaufmännischer Geschäftsführer Michael Born sagte am Sonntag: "Es sind in Hamburg im Zusammenhang mit einigen Anhängern im Gäste-Block verschiedene Dinge vorgefallen, die wir zutiefst ablehnen und verurteilen, weil sie menschenverachtend sind und die Werte unserer Sportgemeinschaft mit Füßen treten."

Er bat bei den betroffenen Personen um Entschuldigung. Born: "Der intensive Aufarbeitungsprozess der Ereignisse hat bereits am Samstag unmittelbar nach dem Spiel mit allen Verantwortlichen begonnen. Wenn die interne Analyse abgeschlossen ist und alle Beteiligten die Chance hatten, ihre Sicht der Dinge darzulegen, werden wir uns als Verein in aller Deutlichkeit zu den Vorfällen im Millerntor-Stadion äußern."

Immer wieder Vorfälle bei St. Pauli vs. Dresden

Seit Jahren stehen beide Fanlager in einem rivalisierenden Verhältnis zu einander. Bei Aufeinandertreffen beider Clubs kam es in der jüngeren Vergangenheit immer wieder zu unschönen Vorfällen – bis hin zu rechtspopulistischen Beleidigungen und der Verhöhnung von Weltkriegsopfern.