Zweite Bundesliga

FC St. Pauli droht Abgang von Thy nach Bremen

Kehrt Lennart Thy tatsächlich von St. Pauli zu seinem Ausbildungsverein Werder Bremen zurück?

Kehrt Lennart Thy tatsächlich von St. Pauli zu seinem Ausbildungsverein Werder Bremen zurück?

Foto: TimGroothuis / Witters

Sportchef Thomas Meggle muss bei der Kaderplanung 2016/17 noch ein paar harte Nüsse knacken.

Hamburg.  Eine derart undankbare Aufgabe wie vor knapp einem Jahr, als Thomas Meggle gerade mal ein paar Wochen Sportchef des FC St. Pauli war, wird ihm diesmal erspart bleiben. Damals musste er jeden Spieler des Zweitligateams fragen, ob er auch bereit wäre, bei einem Abstieg in die Dritte Liga einen Vertrag zu erheblich geringeren Bezügen zu unterschreiben.

Mit Ausnahme einiger Jungprofis hatte kein Spieler ein Arbeitspapier, das auch für die untere Spielklasse gegolten hätte. Bei einem Abstieg hätten die weitaus meisten den Verein ablösefrei verlassen können. Lediglich Urgestein Jan-Philipp Kalla und Reservetorwart Philipp Heerwagen gaben Megg­le die Zusage, dem FC St. Pauli auf jeden Fall treu zu bleiben und die mit einem möglichen Abstieg verbundenen finanziellen Opfer zu bringen.

Das Horrorszenario trat bekanntlich nicht ein, und jetzt hat der Kiezclub mit 30 Punkten 14 mehr als vor Jahresfrist und ist Tabellenvierter statt 17. Budget- und Personalplanungen für die Dritte Liga dürften daher in der Schublade bleiben. Wenn auch die Dramatik des Vorjahres fehlt und die Mehrzahl der Profis einen Vertrag über das Saisonende hinaus besitzt, hat Meggle in den nächsten Wochen doch einige anstrengende Verhandlungen zu führen. Es ist der Preis des Erfolges, dass andere Clubs deutlich mehr Interesse an ablösefreien St.-Pauli-Spielern zeigen als vor einem Jahr und dass die Profis eine Vertragsverlängerung auch von einer Aufbesserung ihrer Gehälter abhängig machen werden.

Insgesamt sind es 13 Verträge, die am 30. Juni auslaufen. Dies klingt dramatisch, bei näherem Hinsehen ist aber festzustellen, dass Meggle nur in fünf Fällen vor einer kniffligen Aufgabe steht. Am einfachsten ist die Lage bei Defensivspieler Marc Hornschuh und Offensivakteur „Fafa“ Picault. „Wir haben bei beiden eine Option auf ein weiteres Jahr“, sagt Meggle. Bei Hornschuh, der seit seinem Debüt für St. Pauli im August voll überzeugt hat, wäre auch möglich, jetzt schon über einen mittelfristigen Vertrag nachzudenken.

Ebenfalls eine Option hat der Kiezclub beim ausgeliehenen Offensivspieler Waldemar Sobota. Hier wäre bei einer endgültigen Verpflichtung eine Ablösesumme an den FC Brügge fällig. Meggle: „Diese liegt weit unter der, die noch im vergangenen Sommer für ihn fällig geworden wäre.“

Eine Entscheidung, ob die Talente Okan Kurt, Andrej Startsev und Yannick Deichmann sowie der hauptsächlich für das Regionalligateam vorgesehene Dave Eden bei St. Pauli bleiben, hat derzeit keine Eile. Ganz simpel ist die Situation bei John Verhoek. Sollte sich an dessen Leistung nichts ändern, wird es spätestens am Saisonende zur Trennung kommen. Findet sich schon jetzt ein anderer Club, könnte er bereits im Winter wechseln.

Bleiben fünf schwierige Fälle: Stürmer Lennart Thy liegt seit geraumer Zeit ein Angebot St. Paulis vor. Er sieht aber keinen Anlass, sich schon jetzt zu entscheiden. Nachdem er den Berater gewechselt hat, scheint er die Chance zu sehen, unabhängig von einem möglichen Aufstieg St. Paulis künftig in der Ersten Liga spielen zu können. Das wäre für seinen neuen Beistand auch die attraktivere Option. Am Freitag wurde über Sky Sport News bekannt, dass der Angreifer zu einem ablösefreien Wechsel zu Werder Bremen im Sommer tendieren soll. Eine Bestätigung dafür gab es nicht, Meggle wollte den Sachstand nicht weiter kommentieren.

Auch der offensive Mittelfeldspieler Sebastian Maier hat sich noch nicht zu einem Verbleib bei St. Pauli durchgerungen. Die Vertragsgespräche sind auf Wunsch des Spielers erst Ende vergangenen Jahres angelaufen. „Es geht noch ein bisschen hin und her“, sagte der 22-Jährige in dieser Woche. Grundsätzlich fühle er sich bei St. Pauli wohl, was auch daran liegt, dass er im gleichaltrigen Innenverteidiger Philip Ziereis einen Kumpel gefunden hat, mit dem er sich nicht nur aufgrund der gemeinsamen bayerischen Mundart bestens versteht. „Das wird aber nicht der entscheidende Grund sein, dass ich hier verlängere“, sagt Maier. Ziereis hatte im Herbst einen neuen Vertrag bis Mitte 2019 unterzeichnet. Meggle hält Maier für einen Profi, der zu einem Führungsspieler werden und für Konstanz im Kader sorgen kann. Das angebliche Interesse einiger Bundesligaclubs lässt Maier aber offenbar mit einem Wechsel im Sommer liebäugeln.

Schließlich bleiben drei Akteure, die ihre Lieblingsposition im zentralen defensiven Mittelfeld haben, wo Marc Rzatkowski (Vertrag bis 2017) eine feste Größe ist. Der Jüngste des am Saisonende ablösefreien Trios ist Christopher Buchtmann, 23. Auch er zögert: „Jeder weiß, dass ich mich hier sehr gut fühle. St. Pauli ist mein erster Ansprechpartner“, betont er zwar. Er sagt aber auch: „Ich will erst mal abwarten.“

Alushis Verbleib hängt auch von der Karriereplanung seiner Ehefrau Lira ab

Von seiner Entscheidung könnte auch die Zukunft von Bernd Nehrig, 29, und Enis Alushi, 30, abhängen. Bleibt Buchtmann und hält die sportliche Führung Talent Dennis Rosin, 19, für reif, um in die Rolle eines Ersatzspielers aufzurücken, wird man kaum mit Nehrig und Alushi, sondern wohl nur mit einem der beiden planen. Bekannt ist die hohe Wertschätzung von Trainer Ewald Lienen für Nehrig („Wenn er gesund bleibt, kann er ein Führungsspieler sein“). Zudem profilierte sich der frühere Fürther, der vor zweieinhalb Jahren zu St. Pauli kam, gerade gegen Karlsruhe mit einem Tor und dem bisher besten Spiel für den Kiezclub für einen neuen Vertrag. Dafür müsste er allerdings in den kommenden Wochen Konstanz zeigen. Beim insgesamt zuverlässigen Alushi hängt auch viel davon ab, ob seine Ehefrau Lira nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes selbst weiter hochklassig Fußball spielen wird. Bis zum Sommer steht sie noch bei Paris St. Germain unter Vertrag.

St. Paulis Sportchef wird bei den anstehenden Verhandlungen nicht alle Wünsche erfüllen können und wohl auch ein paar Enttäuschungen zu verkraften haben. „Eine gewisse Fluktuation im Kader ist auch gut, um neue Reize setzen zu können“, sagt Meggle. Und klar ist, dass es angesichts von Spielern wie Robin Himmelmann, Lasse Sobiech, Sören Gonther, Ziereis, Kalla, Daniel Buballa, Rzatkowski, Rosin, Ryo Miyaichi, Jeremy Dudziak, Maurice Litka, Kyoungrok Choi, Nico Empen, Heerwagen und Svend Brodersen, die alle einen Vertrag über den Sommer hinaus haben, nicht zu großen personellen Umwälzungen kommen wird.