2. Liga

Matchwinner Ginczek: "Ich wusste, dass ich ihn reinhaue"

Der Torjäger des FC St. Pauli verwandelt in der letzten Minute einen Elfmeter zum Tor des Tages. Erster Sieg auf fremdem Platz seit vier Monaten.

Aalen. Die Erleichterung war allen Beteiligten ins Gesicht geschrieben. Trainer Michael Frontzeck hüpfte auf und ab, schloss Co-Trainer Timo Schultz und Torwarttrainer Mathias Hain in die Arme und tanzte im Kreis. Der erste Weg des freudestrahlenden Trios führte anschließend zu Stürmer Daniel Ginczek, der sich vor Glückwünschen und Sympathiebekundungen kaum retten konnte. Wieder einmal hatte die Leihgabe von Borussia Dortmund an diesem Nachmittag in der Aalener Scholz-Arena für den FC St. Pauli den Unterschied ausgemacht - und am Ende für den ersten Auswärtssieg seit dem 3. November 2012 gesorgt. "Ich bin sehr glücklich über den Spielverlauf. Unter dem Strich wären wir heute auch mit einem Unentschieden zufrieden gewesen, aber das hat sich die Mannschaft nach den vier Monaten auch mal verdient", analysierte Frontzeck den schmeichelhaften Erfolg. "Es war schließlich oft anders, und wir standen mit leeren Händen da. Diesmal nehmen wir das gerne mit."

Die beiden Mannschaften schienen sich zuvor auf dem schwer bespielbaren Rasen schon auf eine Punkteteilung geeinigt zu haben, da stürmte Ginczek in der 89. Minute noch einmal auf das gegnerische Tor zu, VfR-Verteidiger Oliver Barth erwischte ihn jedoch beim Schussversuch im Strafraum am Fuß. Schiedsrichter Christian Leicher zeigte unter Protesten der Aalener auf den Punkt. "Ich renne los, der Trainer schreit mit allem, was er hat 'Lauf!', ich sehe das Ziel vor Augen und bekomme dann einen Tritt an den Spann", kommentierte Ginczek die spielentscheidende Szene. Den anschließenden Strafstoß in der 90. Minute verwandelte der Torjäger zu seinem elften Saisontreffer sicher. "Ich wusste, dass ich ihn reinhaue", sagte Ginczek nach dem ersten Strafstoß seiner Profilaufbahn.

Mit dem 1:0 (0:0)-Erfolg in der Fremde endete die viermonatige Leidenszeit auf fremden Plätzen für St. Pauli, während Gegner VfR Aalen exakt genauso lange auf einen Heimerfolg wartet. Weil die Konkurrenz (Dresden, Sandhausen) im Abstiegskampf vorgelegt hatte, bleibt St. Paulis Vorsprung auf einen Relegationsplatz bei fünf Punkten.

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Frontzeck hatte personell einen "Tanz auf der Rasierklinge" versprochen, weil mit Fin Bartels, Christopher Buchtmann und Kevin Schindler gleich drei offensive Mittelfeldspieler verletzt in Hamburg geblieben waren. So erhielt Joseph-Claude Gyau auf der rechten Außenbahn erst zum zweiten Mal eine Chance von Beginn an, Akaki Gogia auf der linken Seite und Lennart Thy in zentraler Spielmacherrolle komplettierten die Dreierreihe. In der Innenverteidigung verzichtete der Coach auf Stamm-Innenverteidiger Florian Mohr, der nach abgesessener Sperre wieder spielberechtigt gewesen wäre, aber stark erkältet auf der Bank Platz nahm. Für ihn durfte erneut Christopher Avevor ran, auch Jan-Philipp Kalla bekam nach der starken Vorstellung gegen Frankfurt eine weitere Chance in der Startelf - diesmal als Rechtsverteidiger.

Die Hamburger beschränkten sich auswärts zunächst auf Sicherheit in der Defensive. Weil auch den heimschwachen Aalenern die Verunsicherung anzumerken war, entwickelte sich ein niveauarmes Zweitliga-Spiel, in dem die 11.185 Zuschauer lange auf Torchancen warten mussten. "Ich erwarte derzeit keinen schönen Fußball, aber wir haben gemacht, was man auswärts in unserer Situation tun muss", analysierte Sportchef Rachid Azzouzi die Partie. Während die Gastgeber St. Paulis Torhüter Philipp Tschauner im ersten Durchgang lediglich in der 29. Minute prüften, hätte die Frontzeck-Elf die Auswärts-Torflaute - zuvor hatte sie lediglich fünf Treffer erzielt - schon vor der Pause gleich mehrfach beenden können. Zunächst umkurvte Ginczek nach einem 40-Meter-Sololauf Aalens Schlussmann Jasmin Fejzic, verfehlte das Tor jedoch aus spitzem Winkel. Anschließend stoppte Schiedsrichter Leicher ihn in aussichtsreicher Position zu Unrecht wegen angeblicher Abseitsposition. Gogia scheiterte nur kurze Zeit später mit einem Schlenzer an Fejzic.

„Es stand auf Messers Schneide. So gewinnt man Auswärtsspiele gern“

Nach dem Seitenwechsel verloren die Hamburger die Kontrolle über das Spiel zeitweise gänzlich und verfielen in alte Muster. Robert Lechleiter und Enrico Valentini vergaben gleich mehrfach in aussichtsreicher Position, weil Tschauner die zahlreichen Fehler seiner verunsicherten Vorderleute mit Glanzparaden ausbügelte. "Die erste Hälfte gehörte St. Pauli, der zweite Durchgang ganz klar uns", sagte Aalens Coach Ralph Hasenhüttl treffend. Sein Gegenüber Frontzeck musste an der Seitenlinie lautstark korrigieren, weil vor allem das Mittelfeld zu viele Bälle preisgab. "Es stand auf Messers Schneide. Das Spiel hätte auch 2:2 oder 3:3 ausgehen können", wusste Tschauner, der neben Ginczek zum Mann des Tages bei St. Pauli avancierte. "Solche Spiele, in denen viel zu tun ist, habe ich am liebsten. So gewinnt man Auswärtsspiele gern", sagte der Torwart.

Tschauners Blick richtete sich nach dem mit den 2500 Gästefans ausgiebig gefeierten Erfolg gleich wieder nach vorne. "Das Spiel am Freitag gegen Regensburg wird noch wichtiger. Dann können wir eine echte Serie starten", erklärte Tschauner. Denn drei Siege in Folge durfte St. Pauli in dieser Saison bislang noch nicht feiern.