2. Bundesliga

St. Pauli und der große Kampf gegen die Torflaute

Nur 18 Treffer bedeuten den schlechtesten Wert der Zweiten Liga. Trainer Frontzeck fordert deshalb künftig schnellere Abschlüsse.

Hamburg. Christopher Buchtmann hatte sich an höchster Stelle entschuldigt. Nach der 0:3-Pleite zum Jahresabschluss gegen Erzgebirge Aue suchte St. Paulis Spielmacher auf der anschließenden Weihnachtsfeier das Gespräch mit Präsident Stefan Orth und erklärte: "Den hätte ich reinmachen müssen". Drei Minuten nach dem ersten Gegentreffer hatte der 20-Jährige wenige Meter vor dem Tor freistehend den fast sicheren Ausgleich vergeben. Ein Sinnbild für die bisherige Saison der Hamburger - zumindest wenn es um den Torabschluss geht.

Nur 18-mal durften Buchtmann, Fin Bartels und Co. in bisher gespielten 19 Partien jubeln. Der schlechteste Wert der Liga. "Wenn man Tore erzwingen will, geht es meist in die Hose", weiß Buchtmann, "deshalb müssen wir vor dem Tor einfach gelassener werden." Der Mittelfeldspieler ist einer von sechs Offensivkräften der Hamburger, die weiter auf ihren ersten Treffer warten. Einzig Sturmspitze Daniel Ginczek erfüllte die Erwartungen mit sieben Toren. "Wir arbeiten jeden Tag daran, haben auch im Trainingslager wieder viel am Abschluss gefeilt, aber im Spiel ist es eben immer eine andere Situation", sagt Fin Bartels, der mit vier Treffern immerhin Rang zwei der internen Torschützenliste belegt.

Trotz einer eher defensiven Spielausrichtung mit nur einer Sturmspitze liegt der FC St. Pauli in der Statistik der herausgespielten Chancen sogar im oberen Drittel der Liga. 193-mal schoss das Team von Trainer Michael Frontzeck bislang in Richtung Tor. Spitzenreiter der Rangliste ist der 1. FC Kaiserslautern mit 209 Versuchen (29 Tore). Zu häufig musste der Tabellen-13. allerdings einem Rückstand hinterherlaufen. Denn: Nur vier der 18 Treffer fielen in der ersten Hälfte. Einzig kurz nach der Pause zeigte sich Frontzecks Team kaltschnäuzig. Nach Rückständen kam das Team im Schlussabschnitt zudem nicht mehr zurück. Lediglich zwei Tore erzielte St. Pauli jenseits der 75. Minute.

Mangelnde Konzentration hat Frontzeck jedoch nicht als Ursache der Torflaute ausgemacht. "Effektivität ist ein großes Wort im Fußball. Ich habe nicht gesehen, dass einer meiner Spieler Chancen leichtfertig verdaddelt hat", sagt der 48-Jährige. Dennoch hat Frontzeck vor dem Pflichtspielauftakt gegen Energie Cottbus am Sonntag (13.30 Uhr hier im Liveticker) Veränderungen im Spiel seiner Elf vorgenommen. "Wir wollen nicht mehr jeden Angriff bis zum Letzten ausspielen, sondern suchen auch schon um den Strafraum herum die Chance zum Torschuss", erklärt er die neue Marschroute. Zudem sollen seine Außenspieler - trotz der defensiven Ordnung als Hauptaugenmerk - wieder verstärkt für Flanken in den Strafraum sorgen. In den vier Testspielen der Vorbereitung, in denen immerhin sieben Treffer gelangen, kam dies bereits zum Tragen. Auch Standardsituationen ließ der Übungsleiter im Trainingslager im türkischen Belek einstudieren. Denn auch ein direkt verwandelter Freistoß taucht in der Saisonstatistik St. Paulis nicht auf. "Tore machst du, wenn du abgeklärt bist. Abgeklärt wird man durch Erfahrung. Also kann man da nur täglich dran arbeiten", sagt Frontzeck und fügt an: "Es gibt sicher Mannschaften, die aus drei Chancen drei Tore machen, aber die haben dann einen Etat von 100 Millionen Euro."

Weil die Hamburger jedoch auf Neuzugänge in der Winterpause verzichteten, mit Mahir Saglik (SC Paderborn) sogar einen Angreifer abgaben, setzt man auf den Reifeprozess der jungen Offensive, in der mit Buchtmann, Bartels, Akaki Gogia, Lennart Thy, Kevin Schindler, Daniel Ginczek und Joseph-Claude Gyau gleich sieben Spieler jünger als 25 Jahre sind. Mit dem im Herbst langzeitverletzten Thy hat Frontzeck zudem eine neue Option für die Sturmmitte oder die offensive Außenbahn.

Gerade von der Mittelfeldreihe hinter dem treffsicheren Ginczek fordert der Coach in den verbleibenden 15 Partien nun mehr Abschlüsse. Die mangelnde Erfahrung, das gesteht auch Buchtmann ein, führte hier bislang zu häufig zum Auslassen hochkarätiger Möglichkeiten. "Ich hätte sicherlich ein paar Tore machen müssen", weiß Buchtmann, dessen Statistik 16 Abschlüsse aufzeigt. "Aber wenn der Ball einmal über die Linie geht, werde ich sicherlich auch häufiger treffen", glaubt St. Paulis Nummer zehn. Dann bedarf es in der Rückrunde auch keinerlei weiteren Entschuldigungen beim Präsidenten mehr.