FC St. Pauli

Schubert und Lichte: Schon als Spieler waren sie ein Team

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Abendblatt-Redakteur Dirk Steinbach auf Spurensuche in der hessischen Heimat von St. Paulis neuen Trainern André Schubert und Jan-Moritz Lichte.

Kassel. Um den Strafraum flattert ein rot-weißes Baustellenband im Wind, "vorübergehend gesperrt" steht auf einem Schild des Kasseler Sportamts am Platz des TSV Wolfsanger. Im Sechzehner wurden einige Meter Rollrasen verlegt, doch eigentlich bräuchte das komplette Spielfeld eine Generalüberholung. An vielen Stellen gibt es Unebenheiten, an manchen fehlt der Rasen ganz. Eine logische Konsequenz, wenn ein Klub auf diesem einen Grün den Spiel- und Trainingsbetrieb seiner kompletten Fußballabteilung abwickeln muss.

Ein Rasenplatz, dazu eine Grandfläche für den Winter und ein kleines Gummifeld. So sah es beim Siebtligisten aus der nordhessischen Großstadt auch schon aus, als André Schubert dort Mitte der 80er-Jahre seine ersten Schritte als Vereinskicker absolvierte. Der neue Trainer des FC St. Pauli war damals bereits 16 Jahre alt, hatte sich zuvor unter anderem als Turner, Tennisspieler und auf Bolzplätzen versucht. Trotzdem sollte er es als Fußballer noch in die Oberliga schaffen.

So spät er mit seiner aktiven Karriere begann, so früh galt sein Interesse der Arbeit als Trainer. Als Spieler gerade zu den Erwachsenen aufgerückt, übernahm er bei seinem Heimatverein bereits seine erste Jugendmannschaft. Noch aus diesen Zeiten kennen sich Schubert und Patrick Klein. Der 35-Jährige ist heute Geschäftsführer eines Autohauses und trainiert Wolfsangers Erste Mannschaft. "Anfang der 90er habe ich sogar mal unter André gespielt. Das war eine wilde Truppe. Später haben wir dann gemeinsam Jugendarbeit gemacht", erinnert sich Klein und blickt über das TSV-Gelände. Noch heute ist er mit Schubert befreundet. Seit dieser als Trainer im Profifußball engagiert ist, seien die Treffen seltener geworden. Doch hin und wieder schaue er mal in Kassel vorbei.

Klein schätzt Schuberts lockere Art, berichtet aber auch von dessen Ehrgeiz. Der heute 39-Jährige sei schon in seinen Anfangszeiten als Trainer unglaublich ambitioniert gewesen. Auch wenn das von ihm betreute Team nur in der Kreisliga spielte, habe er die Jugendlichen viermal in der Woche üben lassen, in den Ferien sogar zweimal am Tag. Weil dem Verein das Geld für eine echte Vorbereitung seiner Jugendmannschaften auf die Saison fehlte, hielt er Trainingslager einfach vor Ort ab. "Geschlafen wurde dann in der Kulturhalle oder an der Uni", erzählt Klein.

Die Arbeit zahlte sich aus. Schuberts Mannschaften marschierten trotz der bescheidenen Mittel durch die Ligen, der Trainer selbst weckte Begehrlichkeiten anderer Klubs. So blieben die Erfolge auch dem in Hessen für seine gute Nachwuchsarbeit bekannten KSV Baunatal nicht verborgen. Schubert gab dem Werben nach, wechselte als Trainer der A-Junioren und später auch als Spieler zum früheren Zweitligisten. In Baunatal traf er auf den Menschen, der heute eine wichtige Position an seiner Seite einnimmt: Jan-Moritz Lichte, 31.

Anders als bei Schuberts Heimatverein boten sich ihm in der von einem Volkswagen-Werk geprägten Kasseler Vorstadt Arbeitsbedingungen, bei denen auch St. Pauli vor Neid erblassen würde. Vier große Trainingsplätze, dazu mehrere kleine Übungsflächen befinden sich direkt am örtlichen Parkstadion. Heutzutage geht es sogar an einem neuen Kunstrasenplatz vorbei zum Spielereingang der rund 10 000 Zuschauer fassenden Arena. Bernd Lichte, 58, Vater des heutigen Co-Trainers des FC St. Pauli, wählte diesen Ort als Treffpunkt für das Gespräch mit dem Abendblatt. Kurz vor der Jahrtausendwende war Lichte, hauptberuflich Lehrer, entscheidend an der Zusammenführung des neuen Kiez-Duos beteiligt. Beim Gang durchs Stadion schildert er seine Erinnerungen.

"Der Name Schubert stand in Zusammenhang mit innovativem Jugendtraining, verkörpert von einem jungen, engagierten Trainer", erklärt der frühere Zweitligaspieler, der anschließend selbst erfolgreicher Trainer war und Schubert nach Baunatal lockte. "Nach dem unsäglichen Gekicke der Nationalmannschaft bei der EM 2000 hat er bei uns mit den Jugendlichen die Viererabwehrkette einstudiert. Er war taktisch sehr fundiert und setzte auf konstruktive Arbeit." Was er von seinen Lehrgängen mitbrachte, wandte Schubert gleichzeitig als Trainer seiner Mannschaft und als Spieler in der Oberliga an. Dort war er für Coach Bernd Lichte so etwas wie ein Co-Trainer auf dem Platz, der verlängerte Arm auf dem Spielfeld.

Vor genau elf Jahren waren André Schubert und Jan-Moritz Lichte dann zum ersten Mal ein Team. Mit Schubert in der Innenverteidigung und Lichte im zentralen Mittelfeld schrammte Baunatal am Aufstieg in die damals drittklassige Regionalliga vorbei. "Auch wenn die beiden acht Jahre auseinander sind, sprachen sie Klartext miteinander. Der gegenseitige Respekt war vorhanden", erinnert sich Bernd Lichte. Die Fähigkeit zu strukturieren und die Kreativität hätten sich bei den beiden bereits als Spieler sehr gut ergänzt. Während Jan-Moritz sein Interesse am Trainerdasein bei seinem Sportstudium so richtig entdeckt habe, sei bei Schubert eine erfolgreiche Trainerlaufbahn schon damals absehbar gewesen, meint Lichte senior. "Das war einfach seins."

Torjäger des einstigen Baunataler Teams war Thorsten Bauer. Der 33-Jährige, mittlerweile Angestellter einer Krankenversicherung in Kassel, berichtet in der Mittagspause davon, dass es angesichts der hohen Maßstäbe, die Schubert ansetzte, auch mal krachen konnte. "André hat sehr darauf geachtet, dass wir die taktischen Vorgaben umgesetzt haben", sagt Bauer. "Er hat selbst viel gearbeitet und erwartete das auch von allen anderen. Er kam mir auf dem Platz immer mehr wie ein Trainer als ein Spieler vor." Bauer hat auch noch einen Tipp: "Fahr doch mal bei Karsten Pfeiffer vorbei. Der hat sicher noch ein Foto aus dieser Zeit."

Pfeiffer ist Physiotherapeut und verfügt in seiner Praxis über eine kleine "Ahnengalerie" des nordhessischen Fußballs. Viele der lokalen Sportgrößen lassen sich bei dem 46-Jährigen behandeln. Der Kontakt zu Schubert sei auch während dessen Zeit in Paderborn nie abgerissen, berichtet Pfeiffer, nachdem er ein passendes Foto herausgesucht hat. Ein Besuch in Hamburg sei fest eingeplant. Der Physiotherapeut bestätigt die hohe Erwartungshaltung Schuberts an sein Umfeld, St. Paulis Spieler sollten sich besser nicht auf allzu viel Lob einstellen. "Er setzt vieles voraus. Wer ein Lob bekommt, darf sich geadelt fühlen", meint Pfeiffer. "Wer aber einmal sein Vertrauen erworben hat, kann voll auf ihn zählen."