St. Pauli mit guten Ansätzen gegen Hertha BSC

Stanislawskis Rotationsprinzip im Angriff

| Lesedauer: 5 Minuten

St. Paulis Cheftrainer Holger Stanislawski setzt neue Maßstäbe in Sachen Offensivfußball und lässt dieser Tage im 4-2-4-System spielen.

Hamburg. Mike Barten sollte immer einen Zettel dabeihaben. Der ehemalige Profi von Werder Bremen erwirbt gerade seine DFB-Trainerlizenz an der Sporthochschule in Köln und absolviert im Rahmen der Ausbildung ein Praktikum im Trainerstab des FC St. Pauli. Und dass es am Millerntor viel zu lernen und aufzuschreiben gibt, weiß der Trainernovize, der bis März bereits als Co-Trainer von Dieter Eilts in Rostock fungierte, spätestens seit Sonnabend. Für das letzte Testspiel der Vorbereitung hatte sich St.-Pauli-Cheftrainer Holger Stanislawski etwas ganz Besonderes ausgedacht.

Mit etwas Übertreibung könnte man sagen, Stanislawski hat den Offensivfußball neu erfunden. Nominell ließ er beim 2:2 (1:1) gegen Hertha BSC Berlin zwar mit einer Spitze spielen, doch das Offensivquartett, bestehend aus Rouwen Hennings, Matthias Lehmann, Florian Bruns und Max Kruse, wechselte so oft die Positionen, dass kaum zu erkennen war, wer von den vieren den Stürmer geben sollte. Mal wich Hennings auf die rechte Seite aus, während plötzlich Bruns und Lehmann als Doppelspitze in vorderer Front agierten, mal wechselte Hennings nach links, wenn Kruse in die Spitze vorstieß. Jeder aus dem Quartett spielte mal zentral, mal außen, mal im Sturm. Nach einem abgeschlossenen Angriff bildeten die vier Offensivkräfte eine Defensivkette an der Mittellinie.

Stanislawski ließ im Prinzip ein 4-2-4-System spielen, in dem die Offensivspieler in der Vorwärtsbewegung die Aufgabe zu haben schienen, keinen Fleck des Platzes zweimal zu betreten. Sie versuchten sich daran zu halten, indem sie auf dem Spielfeld häufiger rotierten als das Kettenkarussell auf dem benachbarten Hamburger Dom. Dieser Schachzug Stanislawskis, der aus der personellen Not im Sturm - Marius Ebbers und Morike Sako sind noch nicht wieder voll einsatzfähig - eine Tugend machte, hatte den Effekt, dass die Hertha-Verteidiger um Nationalspieler Arne Friedrich ständig auf andere Spieler trafen und sich bei jedem Zweikampf wieder neu auf den jeweiligen Gegenspieler einstellen mussten. Damit hatten die Berliner Schwierigkeiten.

"Das Spiel hat gezeigt, dass unsere Abstimmung noch nicht stimmt", gab Friedrich zu. St. Pauli war dem Bundesligaklub in der ersten Halbzeit und auch über weite Strecken der zweiten Hälfte mehr als ebenbürtig. Die Kiezkicker zeigten einige sehr gelungene Kombinationen, wie beim Ausgleichstreffer durch Max Kruse, der eine Ballstafette über Lehmann und Bruns mit einem Schuss ins lange Eck abschloss. "Wir haben mehr spielerische Qualität ins Team bekommen", sagte der 21-jährige Ex-Bremer, der mit viel Selbstvertrauen auftrat und ein gutes Spiel zeigte.

Trainer Stanislawski, der in der Offensive "einige gute Dinge" gesehen hatte, war trotzdem nicht ganz zufrieden. "Wir können es noch viel besser", sagte er. "Raffael und Nicu haben in unserer Abwehr einige Lücken aufgetan." Das konnte auch Abwehrchef Fabio Morena nicht verhindern, der zwei Stunden vor dem Spiel von Stanislawski erneut zum Mannschaftskapitän ernennt worden war. Eine Stammplatzgarantie ist die Kapitänsbinde für Morena sicher nicht, trotzdem freute sich der 29-Jährige, der das Amt im sechsten Jahr hintereinander bekleidet, über das Vertrauen seines Trainers. "Das ist für mich eine Auszeichnung. Die Trainer wissen, was sie an mir haben, aber ein Kapitän lebt auch von der Akzeptanz in der Mannschaft."

Die Akzeptanz der Spieler muss Praktikant Barten sich noch erarbeiten. Es bleibt wenig Zeit, bis zum Punktspielstart gegen RW Ahlen (7. August) ist die Hospitanz schon wieder vorbei. Bis dahin wird Barten sich aber sicher noch einige Tricks von Stanislawski und Co. abschauen können. Denn, so kündigte der Trainer an, "jetzt steht der Feinschliff an, wir haben noch einiges auf dem Zettel." Man darf gespannt sein, auf was für Ideen Stanislawski erst kommt, wenn ihm mit dem Grippekranken Charles Takyi schon bald ein weiterer offensiver Mittelfeldspieler zur Verfügung steht.

FC St. Pauli: Hain (64. Pliquett) - Rothenbach (64. Lechner), Morena (46. Gunesch), Thorandt (64. Eger), Drobo-Ampem (64. Kalla) - Daube (46. Naki), Boll - Lehmann (83. Bourgault), Bruns (68. Biermann), Kruse - Hennings (64. Pichinot). Tore: 0:1 Nicu (16.), 1:1 Kruse (39.), 1:2 Kacar (50.), 2:2 Bruns (58.). Zuschauer: 10 684. (bhe)

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