HSV in der Relegation

Wie Felix Magath vom Quälix zum Spielerversteher wurde

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Rainer Grünberg
25. Mai 1983: Felix Magath stemmt in Athen den Europapokal der Landesmeister in die Höhe. Er hatte das 1:0-Siegtor für den HSV gegen Juventus Turin erzielt.

25. Mai 1983: Felix Magath stemmt in Athen den Europapokal der Landesmeister in die Höhe. Er hatte das 1:0-Siegtor für den HSV gegen Juventus Turin erzielt.

Foto: imago/WEREK

Bei Hertha BSC präsentiert sich die HSV-Ikone nicht mehr als Schleifer der alten Schule, sondern als einfühlsamer Psychologe.

Hamburg. Die letzten zehn Kilometer trieb allein sein Wille ihn zum Fernsehturm. Sein Blick war leer, die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Seine muskulösen Beine folgten nur widerwillig den unbeugsamen Befehlen seines Kopfes. „Er sah aus“, beschrieb ein Beo­bachter den Läufer mit der Startnummer 88, „wie ein Samurai vor dem Harakiri.“ Als dieser nach 3:54:04 Stunden im Ziel eintraf, war er wie von Sinnen. In Trance, Schlangenlinien laufend, nahm er den Beifall der Zuschauer, die Schulterklapse der Umstehenden und den Respekt der Mitstreiter nicht mehr wahr. „So schwer hatte ich mir einen Marathon dann doch nicht vorgestellt“, klagte Felix Magath, nachdem er eine Stunde später wieder halbwegs zu Kräften gekommen war.

Was der damalige Fußballtrainer des HSV am 27. April 1997 trieb, ist nicht zur Nachahmung empfohlen. Magath war zuvor gerade dreimal länger als eine Stunde durch den Hamburger Stadtteil Eimsbüttel, in dem er wohnte, gejoggt, hatte bewusst auf eine Vorbereitung auf seinen ersten Marathon verzichtet. „Ich wollte mir und meinen Spielern beweisen, was man mit einem starken Willen erreichen kann.“ Der HSV steckte im Abstiegskampf. Seine Energieleistung nutzte dem Trainer nichts. Drei Wochen nach dem Marathon entließ der Verein ihn. Der HSV hielt die Klasse.

HSV-Ikone Felix Magath zieht sich vor Relegation mit Hertha zurück

Vergangenen Sonntagmorgen trat Magath auf dem Trainingsgelände von Hertha BSC vor die Mannschaft. Er trug Freizeitkleidung, beigefarbene Hose, weißes Poloshirt mit offenem Kragen. Er wirkte entspannt, in sich ruhend, überzeugend wie immer in den vergangenen Wochen. Eine gute Viertelstunde redete er zu den Spielern, versuchte ihnen Mut zu machen, sprach davon, dass sich die Mannschaft bei der 1:2-Niederlage am Vortag in Dortmund wie ein Erstligist präsentiert habe. „Der sind wir auch, der werden wir auch bleiben“, schloss Magath seinen Appell. Vom heutigen Dienstag an wird sich das Team für drei Tage in die Sportschule Kienbaum 50 Kilometer südöstlich von Berlin zurückziehen.

25 Jahre liegen zwischen diesen beiden Szenen, zwischen Magaths erstem Engagement als Trainer in der Fußball-Bundesliga und seinem bisher letzten. Dass die Entscheidungsspiele um den Klassenverbleib ausgerechnet den einzigen Club, zu dem er bis heute eine emotionale Bindung spürt, und seinen aktuellen Arbeitgeber zusammenführen, hatte er schon vor Wochen beschworen, als die Hertha unter seiner Regie erste Erfolge feierte. „Ich gehe weiter von einer Relegation gegen den HSV aus“, erstaunte Magath seine Zuhörer, als die Hertha am 31. Spieltag mit vier Punkten vor dem VfB Stuttgart auf Tabellenplatz 15 stand.

Magath vor dem Duell, dass er nie wollte

Dass er die Ziele nicht höher steckte, hatte in Berlin zu diesem Zeitpunkt viele überrascht. Die mit vielen äußeren Erwartungen und Millionen Euro in die Saison gestartete Mannschaft schwankte allerdings stets zwischen Selbstzweifeln nach Niederlagen und Übermut nach Siegen, das Ausgeben kleiner Schritte schien in dieser psychologischen Kon­stellation für Magath offenbar die angemessene Dosierung. Nun hat er das Duell, das er nie wollte. Trotz aller vergangenen Verwerfungen – der HSV, mit dem er dreimal deutscher Meister wurde und 1983 den Europapokal der Landesmeister dank seines Siegtores zum 1:0 über Juventus Turin gewann, ließ ihn nie kalt.

Die Entwicklung des Clubs, „sie ist ein einziger Jammer“, verfolgte er aus der Ferne und bei seinen zahlreichen Besuchen in der Stadt im engen Austausch mit ehemaligen Weggefährten. Selbst der jetzige HSV-Vorstand Jonas Boldt suchte in den vergangenen Jahren das Gespräch mit ihm. In dessen Büro im Volksparkstadion hängt an der Wand ein „Playboy“-Fotoshooting aus den 1980er-Jahren – mit Magath mittendrin.

Magaths erster und einziger Rausschmiss beim HSV

2007 und 2014 hätte dieser erneut in Hamburg Trainer oder Sportchef werden können, auch den Vorstandsvorsitz wollten ihm interessierte Kreise andienen. Eine Mehrheit gab es dafür in den Vereinsgremien nicht. 2018 plante Magath, Anteile an der HSV AG zu kaufen, verwarf diese Idee jedoch, weil damals nur noch gut ein Prozent zu erwerben waren, womit er nicht wie erhofft Einfluss auf die Vereinspolitik hätte nehmen können.

„Dass der Club mich 1997 als Trainer zwei Spieltage vor Saisonende entlassen hat, ist der einzige Rausschmiss in meiner Karriere, der mich getroffen und zutiefst gekränkt hat“, hat Magath wiederholt erzählt. Damals revoltierten fast alle Spieler gegen ihn und seine Methoden, nannten ihn „Diktator“, „Quälix“ oder „Saddam“ in Anlehnung an den irakischen Despoten Saddam Hussein. In Berlin dagegen steht das Team allem Anschein nach geschlossen hinter ihm.

Sein Motto: „Qualität kommt von Qual“

Dabei hat sich an der Intensität, dem Umfang seiner Übungseinheiten, an seiner Philosophie, „wer mehr erreichen will, muss auch mehr tun, Qualität kommt von Qual“, wenig geändert; an jenem Arbeitsstil, mit dem er auf fast allen seinen Trainerstationen reüssierte, in München und Wolfsburg sogar deutscher Meister wurde, er dadurch beim Boulevard zum „Magier“ aufstieg.

Magath verlangt weiter kollektive Disziplin, Laufbereitschaft, Einsatz bis zur letzten Minute. Fitness first bleibt sein Credo. Bei Hertha wissen jedoch alle, dieser Trainer ist der Einzige, der sie noch vor dem Abstieg retten kann. Entsprechend respektvoll, fast ehrfürchtig folgen die Profis seinen oder seiner Assistenten Anweisungen. Das war bei Vorgänger Tayfun Korkut selten der Fall.

Wobei sich Magaths Ansprache im Laufe der Jahre grundlegend verändert hat – vom unnahbaren Schleifer zum beinahe väterlichen Spielerversteher, vom Befehlshaber zum Kommunikator. Hielt er Psychologie einst für Gedöns, schürte er oft Ängste, hielt sie für leistungsfördernd, um letzte körperliche Reserven herauszukitzeln, spielt er mit 68 Jahren auf der Klaviatur des Verständnisvollen, erklärt Fehlleistungen nicht mit mangelnder Einstellung, sondern mit schwierigen Umständen. Bestellte er früher Spieler zum Gespräch, schwieg zu Beginn minutenlang, schaffte damit eine distanzvolle, furchteinflößende Atmosphäre, vernimmt er inzwischen die Nöte und Ängste der Profis, redet mit ihnen auch über Privates.

Den unter Korkut selten berücksichtigten, weil körperlich nicht fitten Kevin-Prince Boateng befiel fast ungläubiges Staunen, als ihn Magath vor dem Spiel in Augsburg fragte, auf welcher Position er gern spielen würde. „Das habe ich noch nie erlebt, dass ein Trainer in mich solches Vertrauen setzt.“ Boateng zahlte es zurück, Hertha gewann 1:0. Es ist diese Wandlung des Felix Magath, der früher allem und jedem misstraute, der Macht nie teilen wollte, die verblüfft.

Fans wollen Magath behalten

Fast zehn Jahre sind seit seinem vorigen Bundesliga-Engagement in Wolfsburg vergangen. Beim FC Fulham (2014) und beim chinesischen Erstligaclub Shandong Luneng Taishan (2016/17) suchte er später Herausforderungen im Ausland, mit Fulham stieg Magath ab, Shandong führte er zum Klassenerhalt. 2020/21 scheiterte er als Leiter Global Soccer der fränkischen Onlinedruckerei Flyeralarm. Bei den Würzburger Kickers entließ er gleich drei Trainer, konnte den Zweitliga-Abstieg dennoch nicht verhindern. In Berlin wiederum plädieren die Hertha-Fans in den sozialen Medien bereits für eine Vertragsverlängerung Magaths. Ob es dazu kommt, hängt nun auch von seinem Lieblingsclub ab.

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