Bei verpasstem Aufstieg

HSV droht ein Erdbeben – St. Pauli große Vertragsdiskussion

| Lesedauer: 8 Minuten
Den Ball (und den Aufstieg?) fest im Blick: Sebastian Schonlau (HSV) und Etienne Amenyido (FC St. Pauli).

Den Ball (und den Aufstieg?) fest im Blick: Sebastian Schonlau (HSV) und Etienne Amenyido (FC St. Pauli).

Foto: Witters

Drei Spieltage vor dem Saisonfinale der 2. Liga spitzt sich die Lage für die Hamburger Lokalrivalen zu. Ein Blick in die Glaskugel.

Hamburg. 
  • HSV und St. Pauli stehen drei Spieltage vor Saisonende vor der Frage: Ist der Aufstieg noch machbar?
  • Beide Hamburger Vereine könnten theoretisch den Sprung in die Bundesliga schaffen
  • Was am Millerntor und im Volkspark droht, wenn der Wiederaufstieg nicht funktioniert

Was hat der TV-Moderator Hugo Egon Balder (72) mit dem Aufstiegsfinale der Zweiten Liga gemeinsam? Alles. Nichts! Oder? So jedenfalls hieß die Comedy-Spielshow, die der Berliner vor einem Vierteljahrhundert mit seiner Kollegin Hella von Sinnen (63) entwickelt hat. „Fußball ist nicht komisch, besonders nicht für die, die ihn mögen“, sagte schon damals der Komiker aus Leidenschaft, der mit Fußball entsprechend wenig anzufangen wusste.

Und trotzdem passt der Titel seiner damaligen RTL-Spielshow wie kein Zweiter zur Zustandsbeschreibung der Zweiten Liga, in der es für die beiden Hamburger Clubs FC St. Pauli und HSV drei Spieltage vor dem Schluss um genau das geht – um: Alles. Nichts! Oder?

HSV hat Schwächephase überwunden, St. Pauli taumelt

Alles. Oder übersetzt: Der direkte Aufstieg. Dieser schien für den FC St. Pauli vor einem Monat zum Greifen nah. Da waren die Kiezkicker noch Tabellenführer, während der HSV nur Sechster war. St. Pauli hatte mit dem 1:0 gegen Heidenheim und zehn Punkten aus vier Spielen seine Schwächephase überwunden und Platz eins zurückerobert. Auf diesen Effekt, als hungriger Jäger und (Punkte-)Sammler erfolgreicher zu sein als der von allen Gejagte, setzt St. Pauli auch jetzt wieder.

„Wir haben durch die hervorragende Hinrunde die Erwartungshaltung extrem nach oben getrieben. Vielleicht tut sich die Truppe jetzt ein bisschen leichter, wo wir runter sind von den Aufstiegsplätzen“, sagt Trainer Timo Schultz. Klar ist, dass der ganz große Wurf nur mit drei Siegen aus den letzten drei Spielen (gegen Nürnberg, auf Schalke und gegen Düsseldorf), mindestens einem Unentschieden von Darmstadt und auch noch einem Patzer von Schalke neben der Niederlage im Duell gegen St. Pauli gelingen kann, weil Schalkes Tordifferenz um elf Treffer besser ist. Ganz schön viel Konjunktiv.

Tabellenspitze 2. Bundesliga
1. Werder Bremen 31 / 58:40 / 57
2. FC Schalke 04 31 / 65:40 / 56
3. Darmstadt 98 31 / 61:44 / 54
4. FC St. Pauli 31 / 56:42 / 53
5. HSV 31 / 58:32 / 51
6. 1. FC Nürnberg 31 / 47:53 / 50
7. 1. FC Heidenheim 31 / 38:42 / 46

HSV darf sogar vom direkten Aufstieg träumen

Die Unvorhersehbarkeit des Fußballs, gerade in der Zweiten Liga, ist aber nicht zu bestreiten und macht es nun auch möglich, dass sogar der HSV noch vom direkten Aufstieg träumen darf. Voraussetzung Nummer eins: Die Hamburger gewinnen ihre verbleibenden drei Spiele gegen den schon feststehenden Absteiger Ingolstadt, die bislang enttäuschenden Hannoveraner und Aufsteiger Rostock. Auf dem Papier eine sehr machbare Aufgabe.

Doch blöderweise wird Fußball nicht auf Papier, sondern auf Rasen gespielt. Und dann kommt ja auch noch Voraussetzung Nummer zwei: St. Pauli muss straucheln (wahrscheinlich), Darmstadt muss patzen (nicht wirklich wahrscheinlich), Schalke müsste einen Totalschaden erleiden (unwahrscheinlich) oder Tabellenführer Bremen müsste über Nacht das Fußballspielen verlernt haben (für manche wünschenswert, aber komplett unwahrscheinlich). Es wäre nicht mehr und nicht weniger als ein waschechtes Fußballwunder.

FC St. Pauli drohen bei Nichtaufstieg Diskussionen

Nichts. Seit dem bislang letzten Bundesligaabenteuer 2010/11 hat St. Pauli einige Male bis weit in die Rückrunde eine reelle Aufstiegschance besessen, aber dann geschwächelt, als es darauf ankam. Zuletzt war es im April 2019 so, als die Maßnahme, Trainer Markus Kauczinski nach dem Sturz auf Platz sechs durch Jos Luhukay zu ersetzen, komplett nach hinten losging. Fakt ist jetzt, dass St. Pauli die spielerische Unbeschwertheit und die Selbstverständlichkeit des Toreschießens abhandengekommen ist. Schon wenn St. Pauli in den letzten drei Spielen nur einmal unentschieden spielt, könnte es gut und gern nur für Platz vier oder fünf reichen.

Das wäre zwar eigentlich ganz hübsch angesichts der Prominenz in der Liga, nach dieser Saison, in der das Team an 25 Spieltagen auf einem der drei vorderen Plätze und davon 14-mal auf Rang eins stand, aber eine herbe Enttäuschung, um nicht zu sagen: Nichts! Wenn dies eintritt, dürfte leidenschaftlich diskutiert werden, ob die weiter ungeklärten Vertragssituationen der drei Co-Trainer und neun Profis sowie die bisher nicht gezahlte Pokalprämie nicht doch entscheidende Störfaktoren waren.

HSV droht bei Nichtaufstieg ein Erdbeben

Zum vierten Mal in Folge steht auch der HSV vor dem Nichts (oder im HSV-Sprech: Rang vier), wenn in den letzten drei Spielen nicht noch das waschechte Wunder um die Ecke kommt. Und obwohl man im Volkspark Post-Rang-vier-Umbrüche gewohnt ist, dürfte beim erneuten Scheitern in diesem Sommer ein Radikalumbruch folgen. Neben der Mannschaft stünde die komplette sportliche Führung auf dem Prüfstand – mit erdbebenhaften Folgen.

Trainer Tim Walter, Sportvorstand Jonas Boldt, Sportdirektor Michael Mutzel und sogar Nachwuchschef Horst Hrubesch – keiner aus der Führungsriege hätte trotz laufender Verträge eine Jobgarantie. Aufsichtsratchef Marcell Jansen und Vorstand Thomas Wüstefeld würden in ihrer Saisonanalyse in bester Bernd-Hoffmann-Manier „jeden Stein umdrehen“. Die Analyse dürfte hart werden – oder wie Hugo Egon Balder sagen würde: „Lach über die Dinge, dann hältst du sie aus.“

Hätten der HSV oder St. Pauli in der Relegation eine Chance?

Oder? Nur ein klein wenig wahrscheinlicher als der direkte Aufstieg ist für St. Pauli der Relegationsplatz drei. Zu erreichen wäre dieser aber wohl auch nur mit einer optimalen Punktausbeute aus den restlichen Partien. Garantiert ist mit der Relegation eine zweimalige, prominente TV-Präsenz und eine um acht Tage kürzere Pause bis zum ersten Zweitligaspieltag am 15. Juli. Über die Relegation aufgestiegen ist seit Düsseldorf vor zehn Jahren nur noch Union Berlin 2019. Alle anderen Zweitligisten scheiterten in dieser Zeit (unter anderem zweimal am HSV) und spielten danach eine schlechtere Saison. Ist also die Relegation überhaupt ein lohnendes Ziel? 97 Kilometer weiter nördlich, bei Holstein Kiel, kennt man die Antwort. Vor einem Jahr am 1. FC Köln gescheitert – und jetzt mal gerade eben den Klassenerhalt geschafft.

Der HSV kennt sich mit der Relegation aus. Zweimal konnten die Hamburger als Bundesligist gewinnen, dreimal verspielten sie Rang drei in der Zweiten Liga. Sollte es in diesem Jahr noch klappen, würde Hertha (aktuell 15. Platz/32 Punkte), Stuttgart (16./28) oder Bielefeld (17./26) warten. Ob Walters Mannschaft überhaupt eine Chance gegen den Drittletzten der Bundesliga hätte? Fraglich. Gegen Freiburg (5.) im Pokal wirkte der HSV chancenlos, den 1. FC Köln (immerhin 7.) konnte man niederringen.

Und Hugo Egon Balder? Steht St. Pauli näher, als es allgemein bekannt ist. Zumindest geografisch. Seit 2010 ist er Teilhaber der Kneipe Zwick gegenüber dem Millerntor-Stadion, in der alle Spiele gezeigt werden. Auch dort geht es in den kommenden drei Wochen also um: Alles. Nichts. Oder?!

Das Restprogramm der Aufstiegsanwärter

Bremen (57 Punkte/58:40 Tore): Kiel (H), Aue (A), Regensburg (H).
Schalke (56/65:40): Sandhausen (A), St. Pauli (H), Nürnberg (A).
Darmstadt (54/61:44): Aue (H), Düsseldorf (A), Paderborn (H).
St. Pauli (53/56:42): Nürnberg (H), Schalke (A), Düsseldorf (H).
HSV (51/58:32): Ingolstadt (A), Hannover (H), Rostock (A).
Nürnberg (50/47:43): St. Pauli (A), Kiel (A), Schalke (H).

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